Zur Variation eines Baukunstwerkes

Zur Variation eines Baukunstwerkes

vom Berliner Schloss zum Humboldtforum

Ja‘ und ‚Nein‘ und ‚keinesfalls‘ und ‚unbedingt‘ lauten die – in den meisten Fällen – mit Unerbittlichkeit vorgetragenen Urteile zum Thema Wiederherstellung des Baukörpers des ehemaligen Berliner Schlosses. Bei Nachfragen lässt sich feststellen, dass die Meinungen der Ablehnenden in der Regel politisch, die der Zustimmenden eher stadtgeschichtlich oder bauästhetisch begründet sind.

Geht man den politischen Argumenten nach, so wird kritisch angemerkt, dass das Gebäude in seiner Geschichte immer einem royalistisch-feudalistischem Denken und Handeln verpflichtet war. Stimmt ! Aber waren das die Hochadelssitze nicht in allen Ländern, und das nicht nur in England und Frankreich oder Italien, sondern eben auch in den ehemals sozialistischen Machtzentren wie Moskau, Peking oder Warschau. Aber in keiner der genannten Städte wurden die Zeugnisse dieser Zeiten aus politischen Motiven niedergerissen. Im Gegenteil. Waren sie vom Krieg ruinös hinterlassen worden, so wurden sie rekonstruiert, wie in Warschau der Königspalast oder in Zarskoje Selo (Puschkin) der riesige Katharinenpalast, letzterer gar während der Herrschaftszeit der KPdSU.

Und nebenbei: wiederhergestellt wurden diese ehemaligen Herrschaftssitze auch in der Bundesrepublik, wie u.a. die Schlösser in Hannover und in Würzburg, in Mannheim und Charlottenburg.

Zum Abriss der Überreste des bombenzerstörten und ausgebrannten Berliner Schlosses hatte Ernst Gall, bis 1933 Direktor der Preußischen Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten, 1946 bis zu seiner Pensionierung 1953 Leiter der Museumsabteilung der Bayerischen Schlösserverwaltung, 1950 geschrieben:

Zerstört man das Berliner Schloss, so vernichtet man eines der gestaltreichsten baulichen Kunstwerke, die unsere Welt nach so vielen Verlusten heute noch ihr eigen nennen darf. Aus dieser Zeit um die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts gibt es in Europa wenig, was diesen Bau in der Kraft und in der eindringlich plastischen Klarheit seiner Fassadengliederung übertreffen könnte.“

Zur Seite der Gegner sind jedoch auch viele frühere DDR-Bürger zu zählen, denen der vorangegangene Abriss des Palastes der Republik besonders deshalb grossen Schmerz bereitete, da dieser für sie ein Ort prägender Eindrücke und Erinnerungen war; Erinnerungen an private Gesellschaften, an Tage der Entspannung bei Vortrags- und Konzertveranstaltungen mit den von ihnen verehrten Künstlern aus Ost und West, in einem mit modernster Technik ausgestatteten Saal. Auch dieser Bau war für viele ein Ort der Identifikation geworden. Daher die Ablehnung des Neuen.

Was aber sind die Argumente der ‚Rekonstruktions‘-Befürworter im Falle des in Rede stehenden ehemaligen Berliner Hohenzollernsitzes, mit seiner 1443 beginnenden und über 400 Jahre währenden Baugeschichte, dieses sich 192 m von Ost nach West erstreckenden und 116 m breiten Bauwerkes mit seinen zwei grossen und zwei kleineren Innenhöfen und den damals etwa 1210 Räumen.

Die Unterstützer verweisen darauf, dass einst der imposante Gebäudekomplex als das Scharnier zwischen der eher kleinteiligen Berliner Altstadt und dem Prachtboulevard Unter den Linden angesehen wurde, d. h. dass er eine verbindende Zentralposition innehatte, und das unweit des Stadtgründungsortes am Mühlendamm. Seine Wertschätzung unter Bauhistorikern war hoch. Kein Geringerer als Karl Friedrich Schinkel schrieb 1817 in seinen Schriften:

Folie a

Berliner Schloss – Südostansicht

 „Von eigentlich classischen Gebäuden, die in ihrer ganzen Idee etwas wirklich Eigentümliches und vorzüglich Grossartiges haben, besitzt Berlin nur zwei: das Königliche Schloss und das Zeughaus. Den Kunstwert beider verdanken wir Schlüter; sie stehen zugleich als Monumente der Kunst da und werden immer wichtiger, je weniger die Zeit imstande sein wird, sich auf so grosse und vollkommene neue Werke einzulassen …“

 

 

Folie b

Humboldt Forum – Südostansicht       Foto: Stiftung Berliner Schloss / Humboldt Forum

Bei der nicht gänzlich punktgenauen Wiederherstellung dieses Baukunstwerkes – was besonders augenfällig auf seiner Ostseite wird – sondern, genauer gesagt, bei seiner Transformation in einen öffentlichen Museums-, Begegnungs- und Veranstaltungskomplex, ist also nicht an den Sitz eines Herrschers oder gar Despoten gedacht, sondern an alle – Bewohner wie Gäste der Stadt. Das Öffentliche des Wiederbaus wird besonders deutlich in der vom preisgekrönten Architekten Franco Stella vorgesehenen Passage zwischen zwei Querflügeln von Portal II zu Portal IV, die Tag und Nacht ebenso geöffnet sein wird wie der Schlüterhof mit seinen Portalen I und V als eine städtische Piazza, gerahmt auf drei Seiten von den eindrucksvollen Fassaden nach Entwurf und aus der Hand Andreas Schlüters. Und auf drei der äusseren Seiten des Baus wird das von Schinkel hervorgehobene Grossartige in aller Vollständigkeit wieder zu erleben sein und dem Areal um den Lustgarten einen neuen Halt geben.

Zu hoffen bleibt, das nach Fertigstellung des Humboldt-Forums Gegner wie Befürworter vielleicht doch – angesichts der architektonischen wie skulpturalen Prächtigkeit – wenn nicht zueinander finden, wohl aber das vollbrachte Werk annehmen und sich daran erfreuen können werden.

http://www.francostella.eu/berliner-schloss-humboldt-forum-seit-2008.html

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