Die Quetzaltour

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Schon als junger Mann war es mein Traum, eines Tages einmal nach Costa Rica, in „das Land der tausend Naturwunder“, zu reisen. „Pura vida“ – das Motto der Costarikaner – war ein Wahlspruch in meinem Sinne: Ich wollte sowohl die Lebensweise der Menschen dieses Landes als auch die vielfältigen Landschaften, ihre wilde und reiche Natur, ihren unglaublichen Pflanzen- und Tierreichtum kennen lernen.
Mittlerweile habe ich die 77 erreicht, bin also ein älterer Mann. Ich bin zwar noch nicht im Greisenalter, aber ich habe doch einige Alterserscheinungen: ich fühle mich nicht mehr so kräftig und sehe nicht mehr so gut wie früher. Und ich leide auch an Gelegentlichem Herzvorhofflattern, hohem Blutdruck, Reizdarm, schmerzhaften Kreuzbeinbeschwerden und Schlafapnoe.
Als das Gespräch unter Freunden – trotz gegenteiliger Absprache – sich doch mal um diese Wehwehchen drehte, meinte einer mit einer wegwerfenden Handbewegung, er glaube nicht, dass ich ernstlich krank sei, aber er könne sich vorstellen, dass ich vielleicht neuerdings an „Altersängsten“ leide.
Wenn ich von meinen Reiseplänen sprach, beschwichtigte man mich: „Du bist doch noch gar nicht so alt. Mit noch nicht 80 gehört man doch heute noch nicht zum alten Eisen.“

Also gut, wenn das so ist, dann kann ich ja meinen Jugendtraum noch verwirklichen, sage ich mir.
Solange – ja, so lange das noch möglich ist. Immerhin fühle ich mich noch ziemlich fit.

Aber ich habe mich noch nicht endgültig entschieden. Das erste Mal fürchte ich mich vor einer so langen, beschwerlichen und anstrengenden Reise. Tag und Nacht lasse ich meine Phantasie spielen. Auf dem 14-stündigen Flug oder im Dschungel könnte ich einen Herzinfarkt bekommen. Zum Beispiel. Ich versuche in Erfahrung zu bringen, ob es in Costa Rica eine Klinik gibt, die eine Kardioversion im Falle von Vorhofflattern durchführen kann.
Angst ist ein guter Ratgeber! Das habe ich auf meinen Reisen in aller Welt erfahren.
„Angst ist kein guter Ratgeber“, sagt dagegen mein Arzt und fügt hinzu „Die Alternative wäre: zu Hause zu bleiben. Aber wollen Sie wirklich das Leben an sich vorbei ziehen lassen?“

Während meiner Reisevorbereitungen habe ich gelesen, dass es eine Möglichkeit geben soll, in Costa Rica einen Quetzal beobachten zu können. Das ist ein mittelamerikanischer Vogel mit wunderbar schillerndem grün-roten Gefieder und langen hellgrünen Schwanzfedern. Nun ergäbe sich die Möglichkeit, diesen scheuen „Göttervogel“ einmal leibhaftig zu Gesicht bekommen! Er interessiert mich aus unterschiedlichen Gründen. Schon während meines fünfjährigen Südamerika-Arbeits-Aufenthaltes vor mehr als 40 Jahren habe ich mich mit der Mythologie der Ureinwohner und speziell mit der Quetzalcoatl, der „leuchtenden Federschlange“ beschäftigt. Dabei handelt es sich um eine mit „Quetzalfedern gefiederte Klapperschlange“ alias einen hellheutigen, bärtigen Mann, die als Schöpfergottheiten bei den Azteken und Maya eine bedeutsame Rolle spielten.

Ich bin in Costa Rica. Und ich habe Bedenken, ob ich mir eine Vogelbeobachtungstour in 2600 m Höhe, die mir angeboten wird, zutrauen kann. Insbesondere, da ich vorher mit dem Auto aus Meereshöhe in den Bergregenwald hinauf fahren muss. Ich gönne mir einen Tag ohne viel Aktivität, um mich an den abrupten Höhenunterschied zu gewöhnen.
Am nächsten Tag startet unsere zehnköpfige Touristengruppe Punkt 6 Uhr. Erst gemächlichen,
dann immer schnelleren Schrittes geht es auf steilen Pfaden hoch in den Nebelwald. Nein, hier oben scheint dieser Quetzal nicht zu sein. Also geht es wieder runter. Dann wieder nach oben. Nach unten. Nach oben. Und wieder runter und wieder nach oben. Der Guide tut sein Bestes. Er will den Vogel mit einem Lockruf ködern, ahmt immer wieder seinen Gesang nach. Aber es scheint keinen Quetzal in dieser Gegend zu geben. „Da“, rufen einige Touristen: „ er ist eben nach links rüber geflogen!“ Also nach links rüber, wieder nach oben. „Er ist wieder nach rechts zurück geflogen.“ Nach unten! Ich bemühe mich, die ganze Zeit neben dem Guide zu bleiben, denn der scheint mir doch der Einzige zu sein, der den Vogel entdecken könnte. Zwei Stunden erfolglose Jagd. Dann, nach weiteren 20 Minuten, sehen wir ihn, ganz hoch oben, auf einem Ast sitzen. Gedrängel. Fotoapparate klicken.

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Ich habe es geschafft! Ich habe den Quetzalvogel in seiner angestammten Nebelwald-Heimat gesehen. Sogar ein brauchbares Foto ist mir trotz schlechter Lichtverhätnisse gelungen.

Eine Stunde nach der Rückkehr ins Blockhaus spüre ich, dass etwas mit meinem Puls nicht stimmt.. Ich messe den Blutdruck. Der ist sehr hoch, auch der Pulsschlag ist stark erhöht. Beide Werte sinken ab, steigen wieder an. Der Notarzt bringt mich in die nächst gelegene Klinik. Dort haben sie nur die notdürftigsten Geräte. Die Ärztin hat aber im EKG „Zacken“ gesehen. Verdacht auf Herzinfarkt. Man fährt man mich in die Klinik der 50 km entfernt gelegenen Kreisstadt. Wieder Messungen, EKG, Blutuntersuchung, Thorax röntgen, Infusionen, Tabletten. Am Abend kommt der Kardiologe: es sei nichts Schlimmes, ich könne entlassen werden, brauche aber stärkere Tabletten.
In den nächsten Tagen fühle ich mich schwach und zitterig und habe nicht den Mut, meinen Mietwagen durch den gebietsweise sehr chaotischen Verkehr zu lenken. Ich muss meine Reise abbrechen und mich in der Heimat „durchchecken“ lassen.

Ich habe meine Reise durch mein Sehnsuchtsland nicht zu Ende gebracht. Doch ich habe den „Göttervogel“ leibhaftig und in Freiheit gesehen.
Aber ich frage mich: war es das wert – meine Gesundheit dafür aufs Spiel zu setzen?

Sind „Altersängste“ nicht manchmal doch gute Ratgeber?


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Der Quetzal (Pharomacrus mocinno) ist der größte und auffälligste Vogel aus der Ordnung der Trogone; das sind farbenprächtige Vögel von 23 bis 36 cm Länge mit verhältnismäßig großen Köpfen und charakteristisch gemusterten, kurzen, breiten Schwänzen., die ausschließlich in tropischen Waldgebieten leben. Den Quetzal findet man nur noch in den Nebelwäldern Mittelamerikas. Er ist etwas größer als unser Eichelhäher und trägt ein schillerndes smaragdgrünes Gefieder. Das Männchen besitzt scharlachrote Brust- und Bauchfedern und zusätzlich bis zu 64 cm lange hellgrüne Schwanzfedern. Quetzale ernähren sich von reifen Früchten und Gliedertieren; sie brüten gern in Höhlungen alter Bäume oder verlassenen Termitenlöchern. Wegen der zunehmenden Zerstörung seiner Lebensgrundlagen (z.B. umfangreiche Rodungen) ist der Quetzal stark gefährdet.

Quetzalcoatl bedeutete bei mehreren mittelameriknischen Indianerkulturen der vorkolumbischen Zeit, den Olmeken, Tolteken, Azteken und Maya, soviel wie „Quetzalschlange“ oder „leuchtende Schwanzfederschlange“, die als Schöpfer-Gottheit angebetet wurde. In den ersten Darstellungen ist es eine Klapperschlange, die mit den Federn des Quetzalvogels bedeckt ist. Bei den Azteken ist Quetzalcoatl später ein hellhäutiger, bärtiger Schöpfergott und eine Gottheit der Erde, des Himmels und des Windes. Quetzale wurden gefangen, und den Männchen wurden die Schwanzfedern ausgerissen, um ein Herrschaftssymbol (Krone oder Umhang) für den Häuptling zu fertigen. Wer einen Quetzal tötete, wurde mit dem Tode bestraft.

Foto ganz oben: Michael Stifter

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