„Der Wurm in unserem Herzen“

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Das Wissen um die Unausweichlichkeit des Todes prägt unser Verhalten in weit stärkerem Maße als wir glauben.
Diese Behauptung des 1974 verstorbenen US-amerikanischen Kulturanthropologen Ernest Becker haben die Verfasser des vorliegenden Buches, drei amerikanische Verhaltenspsychologen*, in zahlreichen Studien untersucht und sind zu dem Schluss gekommen, dass der Todesgedanke sich tatsächlich in nahezu „allen Bereichen des menschlichen Lebens tiefgreifend auf unser Denken, Fühlen und Verhalten“ auswirkt.
Die Autoren beschäftigen sich mit den Themen: unser Umgang mit der Angst vor dem Nicht-mehr-Sein, der Kampf der Menschen gegen die Sterblichkeit von vergangenen Zeiten bis heute und die Folgen der aus dem Todesgedanken resultierenden Handlungen.

Todesgedanken beeinflussen unser Denken und Handeln sowohl in positiver als auch in negativer Richtung. Gedanken an den Tod machen uns toleranter gegenüber allem, was unsere Überzeugungen verstärkt oder aber sie führen zu der Ablehnung dessen, was unsere liebgewonnenen Ansichten in Frage stellt und erzeugen auf diese Weise zwischenmenschliche Konflikte. Todesgedanken unterminieren bei vielen Menschen die körperliche oder seelische Gesundheit.
Auf den zutiefst schockierenden Gedanken, eines Tages nicht mehr zu existieren, reagieren wir mit Angst und versuchen die unterschiedlichsten Abwehrmechanismen zu entwickeln. Mit einem „gesunden Selbstwertgefühl“ und zu einer Gruppe gehörend, fühlen wir uns als wertvoller Bestandteil eines kulturellen oder religiösen Wertesystems sicher. Bereits unsere Vorfahren erfanden „genialerweise“ eine übernatürliche Welt, in der der Tod nicht existierte oder in der ihre Magier Einfluss auf das drohende Naturgeschehen nehmen konnten. Auch heute glauben viele, dass wir Menschen uns grundlegend von den Tieren unterscheiden und etwas Besonderes sind, nämlich unsterbliche Ebenbilder Gottes.
Wir verfügen über zwei unterschiedliche Abwehrsysteme gegen den Todesgedanken: entweder ignorieren wir die Fakten, indem wir an eine Unsterblichkeit im eigentlichen Sinne glauben (z.B. dass unsere Seele, aus ihrem irdischen Gefängnis befreit, weiterlebt) oder wir reagieren mit Ersatzhandlungen (so stellen wir uns vor, dass irgendein Aspekt der eigenen Identität z.B. in unseren Kindern oder Werken weiter besteht). Aber nicht alle Menschen können sich solcher Schutzmaßnahmen oder Hilfsmittel bedienen.
Zum Schluss fragen sich die Verfasser, wie wir trotz unseres Wissens gut leben können und geben uns Ratschläge dafür mit auf den Weg. Wir sollten staunen, dass wir denkende Wesen seien oder der Tod sei notwendig, damit das Leben weitergehe. Die Verfasser räumen jedoch auch ein, dass „alles epikureische Streben, der Todesangst mit rationalen Argumenten entgegen zu treten, bis heute von spektakulärer Erfolglosigkeit geblieben“ ist.

Es handelt sich bei diesem Buch um ein populärwissenschaftlich geschriebenes, einfach und stellenweise unterhaltsam zu lesendes Werk. Solomon, Greenberg und Pyszczynski haben 30 Jahre in den USA auf dem Gebiet der Verhaltenspsychologie empirisch gearbeitet und wollen ihre Erkenntnisse einem breiten Publikum zugänglich machen. Der Leser muss sich jedoch auf ihre daraus resultierenden Aussagen verlassen, falls er nicht die zahlreichen in englischer Sprache verfassten und unter Fußnoten vermerkten Studien-Einzelergebnisse studieren will.
Immer wieder konfrontierten die Verfasser Probandengruppen mit dem Todesgedanken, eine zweite Gruppe wurde an andere Inhalte erinnert. Da Menschen wegen ihrer unterschiedlichen, biografisch bedingten Ängste unterschiedlich reagieren, erregt jedoch das Ergebnis, alle Probanden, die an ihre Sterblichkeit erinnert wurden, hätten in der gleichen Weise reagiert, einiges Erstaunen.
Beim Lesen entsteht immer wieder auch der Eindruck, die Autoren wollten alle menschlichen Handlungen auf die Angst vor dem Sterblichsein zurückführen.
Die Schlussfolgerung, Angst vor dem Nicht-mehr-Sein führe unmittelbar zu einer Änderung unseres Handelns, sagt zu wenig aus. Die Verfasser beschäftigen sich nicht intensiv genug mit den Ursachen der inneren Handlungsabläufe. Sie verzichten auf wichtige psychologische Zusammenhänge und Erkenntnisse der Verhaltensforschung und der Neurowissenschaften und vernachlässigen gesellschaftlich und kulturell bedeutsame Unterschiede. Heute existierende nicht-westliche Kulturkreise werden nicht berücksichtigt, so dass die Ergebnisse nicht verallgemeinert werden können. Auch die konkurrierenden Erkenntnisse der Psychologie in Europa (Freud, Jung etc.) werden nicht diskutiert. Der Begriff Gefühl wird nicht deutlich von Emotion oder Empfinden abgegrenzt usw.
Manchmal kommen die Autoren erst auf vielen Umwegen zu einer schlüssigen Aussage; oft erzählen sie Altbekanntes. Nicht beweisen lässt sich ihre These, die frühen Menschen hätten durch die Flucht in eine imaginäre Welt überlebt. Erfrischend ist die Ansicht, dass wir Menschen biologische Wesen sind und keine gottgleichen Kreationen mit unsterblicher Seele.
Wer keine größeren Ansprüche an philosophische, psychologische oder verhaltensbiologische Hintergründe stellt und bereit ist, sich mit seiner Sterblichkeit auseinanderzusetzen, dem kann die Lektüre bedingt empfohlen werden. Ich möchte aber auch vor diesem Buch warnen. Nicht jede Leserin oder jeder Leser werden über zuverlässige Abwehrmechanismen verfügen, um ihre existentiellen Ängste vor dem Nicht-mehr-Sein-Zustand zufriedenstellend im Zaum zu halten, wenn sie sich nicht zuvor mit dem Gedanken daran beschäftigt haben.
Dass wir unsere Angst mindern können durch Stärkung unseres Selbstwertgefühls oder durch den Glauben an Wertesysteme, denen wir uns verpflichtet fühlen, mag für manche Menschen zutreffen. Aber gibt es nicht auch andere Versuche, Frieden mit unserer Sterblichkeit zu schließen? Die Lektüre erinnert uns an die Möglichkeit, innezuhalten und unser Leben angesichts unserer Sterblichkeit zu überdenken und es adäquat zu leben.
Neben all seiner Schwächen ist dieses Buch angesichts der Bedrohungen unserer Welt durch weltanschaulichen Extremismus bis zum Hass-Posting ein aktueller Appell, sich mit den Ursachen unserer verhängnisvollen Handlungsweisen zu beschäftigen und ihre verheerenden Folgeerscheinungen zu reflektieren und sie einzudämmen. Zumindest ist das Buch eine Diskussion über dieses Thema wert.

Peter Grießmann

* Sheldon Solomon, Jeff Greenberg, Tom Pyszczynski „Der Wurm in unserem Herzen. Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Leben beeinflusst“, Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2015. Originalausgabe „The Worm at the Core. On the Role of Death in Life“, Random House, New York, 2015. Sachbuch, ISBN 978-3-421-04725-0, auch als E-Book erhältlich, 368 Seiten, gebunden 24,99 Euro

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