Aufstand der Jungen

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Wie wir den Krieg der Generationen vermeiden können

Buchbesprechung

 „Es wird keine Rede zur Lage der Nation gehalten, in der nicht der demografische Wandel als Gefahr für unsere Gesellschaft gebrandmarkt wird.“ Wir werden als eine „gierige Generation von reichen Alten“ bezeichnet, die „auf Kosten der Zukunft“ lebt. Der Krieg der Generationen wird herbeigeredet durch dramatisierende Aussagen wie die von dem Soziologen Reiner Gronemeyer: „Die drohende Vergreisung… werde die Republik in eine ‚umfassende Krise‘ stürzen, ein ‚soziales Erdbeben‘ stehe bevor.“

Der Politik- und Sozialwissenschaftler Gründinger zeigt in seinem Buch anhand der hierfür wichtigen Themen demografischer Wandel, Sozialversicherungen, Staatsverschuldung, Arbeitssituation der jungen Generation auf, wie Generationengerechtigkeit aussehen kann und warum ein Aufstand der Jungen erforderlich ist: „nicht gegen die Alten, sondern gegen einen unfairen Zustand“.

Verantwortung für zukünftige Generationen

Wie sehr der Krieg der Generationen etwas ist, das herbei geredet wird, macht die Tatsache deutlich, dass laut dem Generationen-Barometer des Instituts für Demoskopie Allensbach die Beziehungen in den Familien „so gut sind wie kaum jemals zuvor“. Die Verantwortung für die künftigen Generationen wird instrumentalisiert für die Durchsetzung der Verschlechterung der Sozialpolitik in Hinsicht auf Renten, Pflege, Gesundheit. Aber werden sich unsere Kinder über knappe Renten und schlechte Gesundheitsleistungen freuen? Das Leitbild der Generationengerechtigkeit wird „missbraucht, um politische Vorhaben zu legitimieren“.

Konflikte zwischen Arm und Reich werden verdeckt, indem sie umgemünzt werden zu Konflikten zwischen Jung und Alt. Sie dienen als Argumentation für die Privatisierung der sozialen Sicherungssysteme.

Die Gerechtigkeit für beide Generationen erfordert Verantwortung für die Zukunft. Wie kann sie durch Kürzung staatlicher Ausgaben entstehen? Für die Zukunft ist es doch notwendig in Kitas, Schulen, Universitäten, Infrastruktur zu investieren. Bei der Debatte über die Staatsverschuldung wird ständig die Forderung erhoben, dass Sparen „zum Wohle künftiger Generationen“ notwendig sei. Aber klar ist, die nächste Generation erbt nicht nur die Schulden, sondern auch die Defizite nicht getätigter Investitionen. Gründinger entwirft eine Strategie für eine generationsgerechte Finanzpolitik. Sein Fazit lautet: „Ein Staat, der in bessere Infrastruktur und Bildung investiert, macht seine Kinder reicher – trotz Haushaltsdefizit“. Als größte Hypothek für unsere Nachkommen bezeichnet er das ökologische Erbe, die Umweltzerstörung, die wir unseren Kindern hinterlassen.

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Der demografische Wandel – Schreckgespenst oder eine wunderbare Vision?

Der demografische Wandel wird medial als eine Katastrophe präsentiert: zum Thema „Die Deutschen sterben aus“ schrieb der Spiegel eine Story über „die Zukunft in einem Land ohne Lachen“. Hat eigentlich die Jugend das Lachen gepachtet?, frage ich mich. Deutschland wird beschrieben als ein Land mit „leeren Wiegen und vollen Pflegeheimen“. Von einer demografischen Zeitbombe ist die Rede. Wolfgang Gründinger entwickelt dagegen die Vision von einem Land, das wieder ausgedehnte Naturparks hat, durch die Wildhüter chinesische Touristen führen; von einem Land, das weniger Energie und Rohstoffe verbraucht und so zum „Öko-Vorzeigeland“ wird. Jedenfalls werden mögliche positive Auswirkungen des demografischen Wandels in Deutschland nicht diskutiert, die Gründinger in seinem Buch ausführlich beschreibt. Es ist eine Tatsache, dass Länder mit einer jungen Bevölkerung wie z.B. Äthiopien, Bangladesch oder Nigeria nicht im Reichtum schwimmen. Der demografische Wandel ist also eine herbei geredete Katastrophe. Sogar die Kreditwürdigkeit bewertet Standard & Poors auch nach dem Altersquotient!

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Alterspyramide

Die Bevölkerungsvorausberechnungen können nur einen möglichen Trend beschreiben, da viele Faktoren ja unbekannt sind. So bezeichnet Gründinger Vorausberechnungen von 50 Jahren als „moderne Kaffeesatzleserei“. Er setzt sich mit den Zahlen auseinander und nimmt damit der Debatte ihre Brisanz. In verschiedenen Themenbereichen zeigt er auf, wie man sich auf die Zukunft mit den Veränderungen der Altersstruktur gut vorbereiten kann.

Erneuerung des Generationenvertrags

In weiteren Kapiteln setzt Gründinger sich mit dem Generationenvertrag – also dem Umlageverfahren der Sozialversicherungen auseinander und weist nach, dass dies nach wie vor die beste Alternative ist – im Vergleich zu zunehmend mehr privater Vorsorge. Dabei geht er ausführlich auf das bestehende Renten- und Gesundheitssystem ein und rückt auch das Bild von der alten Generation, die wie „die Made im Speck“ lebt zurecht. Sein Votum ist die „Erweiterung der Solidargemeinschaft hin zu einer Bürgerversicherung“, denn so „können sowohl die Renten gesichert als auch die Beiträge stabilisiert werden“. Gründinger argumentiert gegen einen „demografischen Fatalismus“. Sein Plädoyer lautet: „Anstatt das Umlageverfahren zu demontieren und zu diskreditieren, steht eine Grunderneuerung des solidarischen Generationenvertrags an“.

Die junge Generation auf dem Arbeitsmarkt

Für eine gelingende Zukunft ist die Arbeitssituation der jungen Generation von großer Bedeutung. Problematisch ist, dass sowohl der gesellschaftliche Zukunftsoptimismus bei ihr rückläufig ist, als auch die persönliche langfriste Perspektive fehlt. Dies vor allem durch prekäre Arbeitsverhältnisse wie den Missbrauch von Praktika und die häufig befristeten Arbeitsverträge. Das führt zu Unsicherheit und Existenzangst. Gründinger fordert auch die „Abschaffung altersabhängiger Lohnerhöhungen zugunsten höherer Einstiegsgehälter“. Er weist auf die Problematik von Altersprivilegien beim Kündigungsschutz hin, der dazu führen kann, dass „z.B. ein lediger 50-Jähriger mit guten Ersparnissen von vornherein geschützt, während eine junge Mutter mit Kind von Kündigung bedroht wäre“.

Die Zukunft gibt es nicht umsonst

Die „Stimme der nachrückenden Generation wird überhört“, meint der Buchautor da „die Belange der Zukunft dem Zeitgeist der Gegenwart“ geopfert werden. „Was sie (die Entscheidungsträger) anrichten, müssen zukünftige Generationen ausbaden“. Er schlägt die „Einrichtung einer Kommission für künftige Generationen“ vor. Deren Thema soll die Generationengerechtigkeit sein. Sie sollte in der Verfassung verankert sein und das Recht zu Gesetzesinitiativen haben. Er beendet seine Ausführungen mit der Aussage: „Wir müssen aufpassen, dass die Jugend in Zeiten des demografischen Wandels nicht zur vergessenen Generation wird. Deswegegen brauchen wir einen Aufstand der Jungen. Einen Aufstand nicht gegen die Alten, sondern gegen einen unfairen Zustand… Denn: der Jugend gehört die Zukunft – aber es gibt sie nicht umsonst“.

Das Buch liest sich in vielen Teilen durch seine deutlichen Positionen und manchmal auch provokativen Formulierungen sehr gut. Insgesamt stimmen seine Ausführungen mit dem Titel „Wie wir den Krieg der Generationen vermeiden“ überein, da er immer die Situation beider Generationen im Blick hat. Nur der Schluss erscheint etwas inkonsequent, wenn er den Aufstand der Jungen fordert – statt den Aufstand der Jungen und Alten gegen einen unfairen Zustand zu fordern.

Wofgang Gründinger
Aufstand der Jungen – Wie wir den Krieg der Generationen vermeiden können
München 2009
12,95 €

 

 

 

 

 

 

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