Die Fernbedienung

Tante Leni geht nur noch selten runter. Seit sie ein paar Mal orientierungslos aufgegriffen wurde, ist sie ängstlich und stromert nicht mehr unbeschwert durch den Schöneberger Kiez. Das war in den letzten Jahren ihre Lieblingsbeschäftigung, sich mit ihrer Krücke von Café zu Café zu bewegen, Menschen zu beobachten und vielleicht in ein Schwätzchen verwickelt zu werden. Tante Leni hat sich verändert, seit sie in ihren vier Wänden ausharren muss. Da unten tobt das Leben – es zieht an mir vorbei, sagte sie einmal, während sie sehnsüchtig hinter der hochgehobenen Jalousie auf die Straße kuckte.

An der Ecke hole ich wie immer bei BLÜTENZAUBER ihre Lieblingsblumen, drei weiße Rosen. Eigentlich mag sie keine Spontanbesuche. Das erschreckt sie. Nachdem ich geklingelt habe dauert es eine Weile, bis sie öffnet: Wer ist da? ruft sie überlaut hinter der Wohnungstür.
Ich bin´s, Tantchen, Amelie! antworte ich schnell, um einer möglichen Beunruhigung zuvor zu kommen. Das ist aber eine Überraschung, da freu ich mich aber, dass du kommst!

Es rappelt und rasselt als sie sich entriegelt, von der Kette befreit und die Tür vorsichtig öffnet. Beim Umarmen merke ich wie klein und zerbrechlich sie ist. Ihre dünnen Haare hat sie mit zahlreichen Kämmen im Nacken zusammen gesteckt. In ihren winzigen Augen blitzt es auf:

Du wirst ja immer schöner, Mädel!

Nun übertreib mal nicht – weißt du, ich war hier in der Nähe und dachte, kuckst du einfach mal, was Tante Leni macht. Wie geht`s dir denn?

Na ja, es muss, sagt sie, dreht sich um, eilt durch den knarrenden Korridor und befreit dabei die Rosen mit Grünzeug vom Papier. In der Küche beugt sie sich über die Spüle, kürzt den dornigen Stiel mit einem Küchenmesser und probiert Vasen aus. Wie stark sich ihr Rücken gerundet hat. Nach dem Krieg musste sie auf einem Bauernhof arbeiten, bis sie erst Jahre später die endgültige Nachricht erhielt, dass ihr Mann nicht heimkehren wird. Seither lebt sie allein in dieser Altbauwohnung, die jetzt zu groß für sie geworden ist.

Komm Tantchen, ich bring die Vase ins Zimmer, halt du mal deine Hände frei.

Sie trägt ihre schwarze Festtagsbluse. Der weiße Kragen wellt sich mal unter mal über der Bluse zu einem bizarren Gebilde.

Warum hast du dich so chic gemacht? Sag mal Tantchen, ist irgendetwas los?

Sie öffnet die Vitrine und fährt suchend mit der Hand zwischen die Tassen.

Ich erwarte doch Besuch, sagt sie in einem Ton, als müsse ich das wissen.

Wirklich, der Tisch ist für zwei Personen gedeckt. Auf dem Läufer die geschwungene Silberschale mit Keksen, die Thermoskanne zischelt geheimnisvoll.

wohnzimmer20jhl1050571

Aber wen erwartest du denn? Da komm ich ja ganz ungelegen.

Nein, kommst du nicht. Ich hol noch einen Teller für dich.

Während sie die Serviette mit Glückskäfern faltet, schaut sie immer wieder in das Flackern des Bildschirms.

Sind die Rosen noch in der Küche?

Nein, Tantchen, ich hab sie auf die Fensterbank gestellt.

Ach ja.

Sie fasst sich kurz an den Kopf, wie sie das immer tut, wenn sie etwas vergessen hat und läuft dabei zwischen Vitrine und Tisch hin und her, um das Gedeck für mich zu vervollständigen. Wie lange geht das noch gut, Tante Leni allein in der Wohnung? Im vorigen Jahr hat sie der Familie überaus energisch klar gemacht hat, dass sie nicht ins Heim gehen wird. Seither hat keiner mehr gewagt, sie darauf anzusprechen. Da, wo sie das dritte Gedeck hinstellt, lasse ich mich nieder.

Sag mal, Tantchen, welch hoher Besuch kommt denn nun?

Na ja, du weißt doch …

Ihr Finger wackelt hin und her während sie zum Fernseher zeigt und einen Namen sucht:

Na, du weißt doch…. Du kennst sie doch, die freundliche Frau. Sie sagt am Schluss immer, „Alles wird gut“, wie heißt sie noch?

Das sagt sie?

Ja, alles wird gut, sagt sie immer.

Sie schaut auf dem Tisch herum. Der Versuch eine Kerze anzuzünden gelingt nicht. Die Augen haben nachgelassen. Beim ersten Versuch bricht ein Stück Streichholz ab und fliegt glimmend auf die Tischdecke. Sie tastet die Gegend um den Kerzenleuchter ab, kuckt dann zum Fernseher und schließlich zu mir: Fehlt noch was?

Kaffeesahne, Tantchen, fehlt, ich hol sie schon.

Ich gehe, nein ich fliehe in Richtung Küche und Kühlschrank, hier, abseits der Szene, kann ich hoffentlich meinen Kopf klar kriegen. Ich kippe ein Fenster, es riecht abgestanden. Eine „Frau“ kommt zu Besuch und sagt „Alles wird gut“. Meint sie etwa eine Fernsehsendung? Nur widerwillig verfolge ich diesen Gedanken.

Zurück im Wohnzimmer konzentriere ich mich auf die Schokokekse, die langsam auf der Zunge schmelzen. Jetzt dreht sie die Lautstärke voll auf. Für meine Ohren unerträglich, aber sie ist schwerhörig. Die Moderatorin, Frau Ruge, lächelt blauäugig in die Runde und streicht sich eine blonde Strähne aus der Stirn. Ich schenke uns drei Frauen Kaffee ein, lege Frau Ruge Kekse auf den Teller und höre mich rufen:  Nimmt sie Milch oder Zucker?

Im barocken Gold umrahmten Wandspiegel gegenüber lächelt Tante Leni zufrieden. Sie nickt in Richtung Bildschirm, Guten Tag, und reicht mir die Kaffeesahne ohne sich umzudrehen. Frau Ruge bedauert das unfreundliche Wetter und verspricht Sonnenschein.

Ja, schrecklich, immer der Regen! nickt Leni zurück, rutscht nach vorn auf die Stuhlkante und starrt in den Bildschirm. Nach den Berichten über Scheidungen, Affären und betrogene Ehefrauen, taucht sie kopfschüttelnd wieder auf.

Wann hat das denn mal ein Ende?

Frau Ruge antwortet nicht. Ihr Kaffee wird kalt. Gespiegelt wird mir Leni mit einem Blick in Fernen, die jenseits allem Vorstellbaren zu liegen scheinen, aufgesogen und verschluckt von der flackernden Scheibe. Ich lass mich ein und spiele mit, – lasse mich einfach vom entspannten Lächeln langsam ins Lachen treiben, kichre ins Kissen, wische mir mit dem Ärmel Tränen weg, die Augenlider brennen. Was sind das für Tränen? Ich weiß es nicht. Als sie mein Lachen bemerkt, lacht sie mit, lacht laut und wirft sich zurück in die Kissen.

Mensch Tantchen, was ist bolß los mit dir?

Siehst du, wenn du kommst, lach ich wenigstens mal, presst sie zwischen gackernden Salven hervor. Einen Augenblick lang frage ich mich, ob wir vielleicht über dasselbe lachen? Ich trau mich aber nicht zu fragen, ich möchte ihr die Fröhlichkeit nicht nehmen.

Sie dreht sich wieder zum Bildschirm, greift die Fernbedienung und behält sie jetzt in der Hand. Dann kommt endlich der Moment, Frau Ruge zwinkert uns vertraulich zu: „Alles wird gut“, sagt sie und hält auf die Kamera. Tante Leni dreht erst nach geraumer Zeit ab. Ihr Blick folgt einem Schiff, das den sicheren Hafen verlässt und droht in den Weiten des Meeres verloren zu gehen. Dann trinkt sie einen Schluck Kaffee. Ich werde mit meinem Leben noch allein fertig, sagte sie damals, sehr bestimmt, fast störrisch. Ich will nicht ins Heim. Nur tot lass ich mich aus der Wohnung tragen. Gilt das auch heute noch?

 

 

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *