Die Handtasche

Foto: Goldi 64 (Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

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„Und sie wackelt mit der Tasche, mit der Tasche, mit der Tasche, ja, womit denn sonst …“
Ursprünglich wackelte sie nicht – die Tasche. schon gar nicht bei den Damen. Auch wenn sie es dem Alter nach durchaus mit dem Gewerbe aufnehmen kann, für das Tucholsky sie als Animier-Requisit wackeln lässt. Ebenso könnte man sie ihrem frühen Gebrauch nach als „Gewerbe-Tasche“ bezeichnen. Aber als männliche – und zu anderen Diensten.

Hirten und Jäger trugen sie im Altertum. Ihre Tasche war ein schlauchförmiger Sack, an einem langen Riemen schräg über die Schulter gehängt, um Werkzeug, Wegzehrung und andere Nützlichkeiten zu transportieren. Diese „pera“, wie sie im Griechischen und Lateinischen heißt, war einfach und aus Leder oder Fellen gefertigt. Wer unter den anderen Zeitgenossen der Polis etwas mit sich führen  wollte,vor allem Geld oder Steine für das Brettspiel, verbarg es vor Dieben in den Falten seines Gewandes, die sich beim Umlegen oder Umgürten ergaben. Denn die Kleidung selber kannte noch keine Taschen. Dieser Brauch ist uns durchaus geläufig. Nur ein Greenhorn der Großstadt trägt heute sein Gut  und Geld offen herum.
Für Frauen war die Tasche kein Gegenstand. So selten erschienen sie in die Öffentlichkeit, dass sie dieses handliche Transportwesen nicht benötigten.
Anders dann im Mittelalter: der Gebrauch der Tasche wurde heterosexueller.
Männer trugen Almosentaschen oder Jagdtaschen. Der Beruf des Beutlers entwickelte sich, Taschenmacherzünfte entstanden. Die prächtigsten wurden für die fürstliche Falkenjagd hergestellt. Prunkvolle Stickereien aus Gold und Flitter schmückten die Falknertasche und stolz den Ritter. So gesellte sich zum Gebrauchswert der Tasche schnell die Lust an der Zierde.
Mancher Berufsstand, dem Zierrat nicht unbedingt ziemte, stolzierte wohl zu eitel mit ihr daher. So die Kleriker: Auf der Synode zu Salzburg wurde ihnen das Tragen solcher Luxusgegenstände untersagt. Könnte hier der historische Grund liegen – mit Verlaub spekuliert –, dass die Kirchenmänner uns so gern mit vollem Mund und leeren Händen entgegenkommen? Gar uns gottesfürchtig auf der Tasche liegen?
Für Ritter dagegen wurde die Tasche schnell zum beliebten Mitbringsel für ihre Damen. Diese füllten sie mit Schlüsselbund, Schere, Riechbüchsen und Rosenkranz und freuten sich an der farbigen Seide, verziert mit geometrischen Mustern und Vogelstickereien.
Ob die Tasche eins der begehrtesten Modeattribute wurde, ist schwer zu sagen. Auf einer Darstellung in der Manessischen Handschrift um 1320, heute in Heidelberg zu besichtigen, können wir sehen, dass die Herzensdame aus den Geschenken ihres Verehrers, der sich als Händler verkleidet hat, um allerlei Kostbarkeiten anzubieten, nicht den Faltbeutel, „le sac“, oder das kleine runde Täschchen, „die Aumonière“, wählt, sondern sich für einen Gürtel entscheidet.

Jedoch war der Erfolg der Tasche als Accessoire à la mode der Damen für die kommenden Jahrhunderte nicht mehr aufzuhalten.
Musste die Frauenhand frei bleiben, wie im Barock und Rokoko, für anmutige Spielereien mit Fächern, Schmucktaschentüchern, Schnupfdosen, so verbannte man die Tasche unter den weiten Rock, in dem sie an Bändern festgenäht wurde. Es waren reich verzierte Sacktaschen mit Schlitzen zum Hineingreifen. Von diesen Umbindetaschen sind uns heute am geläufigsten der „Ridicule“ und der „Pompadour“, letztere benannt nach der Maitresse von Ludwig XV., die ein besonderes Faible dafür hatte.
Die eigentliche Damenhandtasche konnte jedoch ihre modischen Möglichkeiten erst mit der Erfindung des Metallrahmens im Jahre 1846 voll entfalten, da jetzt der feste Halt Formenvielfalt beliebig kreieren konnte.
Das wurde auch höchste Zeit. Die Frauen gingen mehr und mehr außer Haus, und da sie keine Hosen mit eingenähten Taschen trugen wie die Männer, mussten sie irgendwo die Notwendigkeiten des Tages lassen können. Wo konnte sie diese besser unterbringen als in der Handtasche, ein obendrein sie noch schmückendes Mode-Attribut.
Taschen gab es jetzt für jede Gelegenheit und in jeder Gestalt. Die Abendtasche, die Einkaufstasche, die Strandtasche, die Schultertasche, die Briefformtasche usw.

Handtaschen 1 & 2

Fotos: Brocante, Berlin-Schöneberg, Grunewaldstr. 15

Und der Mann? Dem bleiben vorerst die Aktentasche, später der Campingbeutel. Die Handtasche war zu einem höchst fraueneigenen Mode-Utensil geworden.
Wenn ich als Knabe in den 50-er Jahren einen Mann die Handtasche einer Frau tragen sah, konnte ich in dem Mann nicht den Kavalier, zu dem ich auch gerade erzogen werden sollte, sehen, sondern nur den Pantoffelhelden. So sehr fand ich die Handtasche fraueneigen, dass für mich nicht Rock und Hose, Haarfrisur oder Arm- und Halsschmuck zum sichtbaren Zeichen des Unterschieds von Mann und Frau wurden, sondern die Handtasche.

Jede Frau, selbst die jungen Mädchen, trugen eine Handtasche. Überall wurden sie von ihr begleitet, immer sichtbar, doch nie unbewacht, bei keinem Toilettengang zurückgelassen, symbolisierte sie für mich, den Knaben, das Geheimnis der Frauen schlechthin. Die Tasche und die Dinge, die sie – übrigens nur erahnbar – bargen, zeigten mir sinnlich das Unerklärliche, Unbeschreibliche der Frauen. Ich war sicher, dass die Galerie der Gegenstände, die sie enthalten konnte, ohne Zahl war, aber jedes voller Zauber und Rätsel steckte – unerreichbar für den Jüngling. Es war etwas, dem ich nichts entgegensetzen konnte.
In der Tat: Was ist die Hosentasche der Männer gegen eine Damenhandtasche!
Zeitlich etwas später dann diese erbärmliche Erfindung des Sonnentourismus: die handgerechte Männertasche. Wie ein ausrangierter Hodensack in Leder gebunden, bammelt es um das Handgelenk. Hinter dem Reißverschluss liegen langweilige männliche Potenzen verwahrt: Dunhill-Feuerzeug und Zigarettenmarke, Kreditkarte, Geldschein und ein PS-starker Autoschlüssel.

rentnerporsche

Foto: Caroline Schrader

Und heute? Die Handtasche ist eine Allerweltstasche geworden. Da wackelt sie, da wackelt er mit ihr.
Da erscheint sie in jeder Form, in jedem Material, zu jedem Nutzen. Sie firmiert jetzt – zumeist englischsprachig – im Angebot for men, for women and the third gender, too. Ob backpack, sportbag, gym bag, messenger bag, fashion bag etc. Vielfalt ohne Zahl. Nicht zu vergessen, baby’s kangaroo bag für Mamas wie Papas oder – fast schon ein Oldtimer und keine Handtasche mehr – der Rentnerporsche.

Die Handtasche ist sexuell polymorph geworden, will sagen: Wer sie trägt, trägt sie eben. Mehr nicht.


 

Jörg Richard ist Kulturwissenschaftler und lebt in Berlin.

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