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Berliner Forscher schaffen eine elektronische Betreuerin für die häusliche Pflege. Sie könnte Angehörige unterstützen, im Notfall reagieren.

Einen Namen hat sie noch nicht, die etwa 40 Zentimeter große handliche Knautschpuppe, die man sogar mit ins Bett nehmen kann. Sie soll künftig bei der Altenpflege helfen, als interaktive Betreuerin. Das Bundesforschungsministerium fördert ihre Entwicklung mit insgesamt 1,65 Millionen Euro. Das teilt die Technische Universität (TU) Berlin mit, die an der Entwicklung beteiligt ist – als einer von insgesamt acht Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesundheitswesen.

„Ziel des Projekts ist es, einen Prototyp dieser <<Puppe>> herzustellen“, sagt Tim Polzehl, Forscher am Quality and Usability Lab der TU Berlin, „und zwar für den künftigen Einsatz in der Pflege von Angehörigen.“ Die spezielle Zielgruppe seien ältere Menschen, vor allem Demenzkranke, die zu Hause gepflegt werden. Deren Angehörige erlebten oft Druck und Stress, hätten sehr viel Arbeit. Tim Polzehl sagt: „Wir haben uns überlegt: Kann die Technik nicht ein bisschen Entlastung bringen?“ Weil aber ein Computer zu unpersönlich ist, entstand im Projektkonsortium die Idee, eine <<Puppe>> mit Elektronik zu versehen, die für eine sinnvolle Interaktion mit Pflegenden und Demenzkranken notwendig ist.

Damit sollen weder Pflegekräfte noch Angehörige ersetzt werden. Es geht um Zeiten, in denen gerade niemand in der Nähe des Demenzkranken ist. Es geht um Ängste und Notsituationen. „Demenzkranke vergessen oft, dass sie zu Hause sind“, sagt Tim Polzehl. „Oder dass ihr Angehöriger vielleicht gerade gesagt hat, er gehe nur mal kurz einkaufen und sei in einer Stunde wieder da.“

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Beruhigung in der Nacht

In einem solchen Fall soll die <<Puppe>> Ansprechpartner sein, zugleich auch Aufpasser und Bindeglied zwischen dem zu Pflegenden und denen, die ihn betreuen. Ein konkretes Szenario wäre zum Beispiel: Ein Demenzkranker liegt nachts in seinem Bett, wird wach und fühlt sich orientierungslos. Vielleicht fängt er an zu rufen, verlässt das Bett, irrt ziellos umher. „Für solche Situationen wäre es gut, wenn wir unsere <<Puppe>> im Zimmer, im Sessel oder sogar im Bett platzieren“, sagt Polzehl. „Sie könnte dann mit dem Erkrankten reden und sagen: Es ist drei Uhr nachts, dein Sohn liegt ein Stockwerk über dir und schläft noch. Alles ist gut. Soll ich dir das Licht anmachen? Möchtest du auf die Toilette? Soll ich deinen Sohn anrufen?“ Die <<Puppe>> erhalte damit eine schützende Aufpasserfunktion. Zudem soll sie der Angst vor dem Verlassenwerden entgegenwirken. „Wir arbeiten eng mit dem Deutschen Roten Kreuz und anderen Praxispartnern zusammen“, sagt Tim Polzehl. Deren Erfahrungen mit Demenzkranken flössen in das Projekt ein. Es gehe dabei auch um die Aktivierung des Kranken. Die <<Puppe>> könnte ihn zum Beispiel ermuntern, etwas zu tun. Zugleich soll sie bestimmte Situationen erkennen und im Notfall Hilfe organisieren. Dafür wollen die Forscher sie mit einem Dialogkanal ausstatten, damit sie zum Beispiel mit dem Nachbarn, der pflegenden Person oder dem betreuenden Arzt kommunizieren kann.

Die Forscher nutzen dafür das „Crowdee“-System, das Informationen oder Anfragen auf die Geräte eines bestimmten, registrierten Personenkreises weiterleitet. Die große technische Herausforderung dabei ist, zu erkennen, was für eine Situation vorliegt und wen man informieren sollte: den Angehörigen, den Nachbarn, das Pflegepersonal oder sogar den Notarzt. „Das ist aber noch Zukunftsmusik“, sagt Polzehl. „Im ersten Stadium des Projekts ermitteln wir gemeinsam mit den Partnern, welche Daten wir überhaupt sinnvoll erheben können, welche Sensoren wir dafür brauchen, welche Zustände oder Situationen wir damit sicher erkennen können und welche Datenschutz- und Persönlichkeitsrechte davon betroffen sind.“ Grundlegend verblieben alle von der <<Puppe>> wahrgenommenen Informationen im eigenen Haushalt.

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Emotionale Spracherkennung

Gedacht wird an eine überschaubare Zahl von Sensoren, die Audio-, Video- und andere Signale erfassen sollen. Ein Infrarotsensor oder Bewegungssensoren könnten zum Einsatz kommen. Sie würden aktiviert durch bestimmte Vorgänge, die Polzehl „kritische Events“ nennt, also bestimmte Geräusche oder Rufe. All das könnte auch in einer Box gespeichert werden, als eine Art Tagebuch für denjenigen, der abends wiederkommt und wissen will, was am Tage vor sich gegangen ist, ob es Phasen der Aktivität, Hilflosigkeit oder Panikattacken gegeben hat.

Das Quality and Usability Lab der TU Berlin, geleitet von Professor Sebastian Möller, arbeitet an technischen Lösungen für die Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Tim Polzehl leitet die Forschung für den Puppen-Prototyp. Sein spezielles Gebiet ist die emotionale Spracherkennung. „Demenzkranke haben Ausdrucksweisen, die sich von denen anderer Sprecher unterscheiden“, sagt er. Zudem sei es bei ihnen technisch schwerer, über eine Spracherkennung Informationen zu gewinnen, aus denen man Rückschlüsse auf den Zustand des Patienten ziehen könne. Ist dieser zum Beispiel verängstigt, klingt seine Stimme anders als normalerweise. Lautes Rufen etwa könnte von Verlorenheit oder Erregung zeugen. Die Forscher haben automatische Algorithmen entwickelt, mit denen das System bestimmte Zustände erkennen soll, also zum Beispiel, ob jemand irritiert, verängstigt, verwirrt oder verärgert ist. Oder ob gar ein Notfall vorliegt, bei dem man eingreifen sollte.

Mit freundlicher Genehmigung des Dumont Content Centers

Fotos: Peter Grießmann

 

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