Weshalb wir altern

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Und so lang du das nicht hast, dieses Stirb und Werde,
bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.

Goethe, West-östlicher Divan, Buch des Sängers, Selige Sehnsucht

„Warum bist du alt?“, fragt mich meine Enkelin. Ihrer erstaunt klingenden Stimme und ihrem fragenden Gesichtsausdruck entnehme ich, dass sie es sonderbar findet, dass nicht alle Menschen jung sind und auch jung bleiben.
Aber eigentlich wollte die Kleine mich wohl fragen: „Warum altern wir Menschen eigentlich?“
Ähnliches fragen sich auch viele Erwachsene: „Weshalb lassen meine körperlichen und geistigen Fähigkeiten nach, weshalb bekomme ich Falten, weshalb gehen mir die Haare aus?“

Ich hätte meiner wissbegierigen Enkelin gern eine zufriedenstellende Antwort gegeben. Aber wie soll ich einer Fünfjährigen mit wenigen Worten etwas erklären, was viele Erwachsene nur mit Mühe verstehen? „Weil ich ein Mensch bin“, sage ich zu ihr und : „Alle Menschen werden alt“ – „wenn sie nicht schon vorher sterben“, ergänze ich im Stillen. Aber mit dieser Antwort ist das kleine Mädchen natürlich nicht zufrieden. Soll ich ihr sagen: „Weil wir Menschen sehr komplexe Lebewesen sind“ und, dass alle „höher“ entwickelten tierischen Lebewesen dasselbe Schicksal haben: sie altern früher oder später.“? Diese Antwort würde sie noch mehr verwirren, und sie würde vielleicht zu Recht fragen: „Aber warum werden alle Menschen alt?“

Was bedeutet „Altern“? Altern kann man unterschiedlich definieren. Ich will diesen Begriff hier auf die physiologischen Abläufe eines Organismus beschränken. Eine erste Definition lautet dann: Altern ist „die Summe aller Veränderungen, die in einem Organismus während seines Lebens auftreten und zu einem Funktionsverlust von Zellen, Geweben und Organen führen.“ Altern ist eine Begleiterscheinung der Lebensvorgänge der mehrzelligen Lebewesen. Dieser Prozess kann nicht rückgängig gemacht werden, wenn er einmal in Gang gekommen ist..

Bereits seit 1930 gibt es etliche Theorien über die Ursachen der Altersvorgänge, von denen aber keine diesen Prozess befriedigend erklären kann. Einige der Erklärungsversuche widersprechen sich, andere ergänzen sich – wenn jeder versucht, einen Teilbereich des umfassenden Problems zu verdeutlichen.
Folgt man den sog. Schadenstheorien, wird das Altern als die Summe der Schäden angesehen, die durch Oxidationsvorgänge in den Zellen, Verschleiß- oder Abnutzungsvorgänge oder eine ungesunde Lebensweise und die damit verbundene Ansammlung von schädlichen Abfallprodukten entstehen. Eine der populärsten Theorien, für die es einige experimentelle Belege, aber auch Gegenargumente gibt, soll hier kurz erläutert werden, die Theorie der freien Radikale: In unseren Zellen gibt es kleine „Kraftwerke“, Mitochondrien, die in einem chemischen Vorgang Sauerstoff benutzen, um die Energie, die aus der Nahrung kommt, zu speichern. Bei einigen Sauerstoffatomen verläuft dieser Vorgang aber fehlerhaft: sie verlassen den Prozess als ungesättigte, äußerst reaktionsfreudige Molekülfragmente. Wenn sie auf Zellmembranen, Eiweißstoffe oder Chromosomen treffen, beschädigen oder zerstören sie diese. Viele dieser Schäden können durch Reparaturmechanismen wieder rückgängig gemacht werden. Aber diese Fähigkeit nimmt mit zunehmendem Alter immer mehr ab. Die Beschädigungen werden auch als Auslöser von Diabetes, Arteriosklerose, Demenz und Krebserkrankungen diskutiert. Andere Theorien beschäftigen sich u.a. mit dem Verschleiß der Zellen und Organe oder der Anhäufung von giftig wirkenden Stoffen im Körper.
Die Genetischen Theorien führen dagegen die Altersvorgänge auf den Einfluss des Erbmaterials zurück. In der letzten Zeit machte hier besonders die Telomer-Theorie von sich reden. Bei jeder Zellteilung verkürzen sich die Endabschnitte der Chromosomen, bis die Zellen ihre Teilungsfähigkeit verlieren. Das Enzym Telomerase kann die Verkürzungen wieder ausgleichen. Wie aktiv es wirkt, kann der Körper durch richtige Ernährung, Bewegung und Stressvermeidung positiv beeinflussen.
Solche Theorien können uns helfen, den Alterungsprozess zu verstehen oder ihn sogar zu verlangsamen. Aber sie geben uns keine Antwort, warum diese Alterungsvorgänge überhaupt stattfinden müssen. Man könnte ja mit einiger Logik argumentieren: Warum entstehen in der Natur so komplexe Wesen wie Menschen, wenn ihre Körper nach kurzer Zeit wieder abgebaut werden?

Erst die Evolutionsbiologie gibt uns Hinweise, welche die Hintergründe des Alterns plausibel machen. Für den Altersprozess existiert aber auch hier noch keine allgemeingültige Theorie. Aber es gibt gut begründete Hypothesen. Eine schlichte Hauptaussage der Abstammungslehre lautet ja bekanntlich: Auf Dauer setzen sich diejenigen Lebewesen durch, welche die besseren Überlebenschancen haben und die meisten Nachkommen zeugen. Was sagt uns diese Erfahrungstatsache, wenn wir sie auf die Altersvorgänge anwenden? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir etwas weiter ausholen.
Es existieren etliche Organismen, die nicht physiologisch altern, und das sind in der Regel einzellige Lebewesen. Sie sind unsterblich, solange sie nicht gefressen werden oder einen anderen Unfall erleiden. Bei allen mehrzelligen Tieren standen urtümliche einzellige Lebewesen am Anfang ihrer Ahnenreihe, ebenso natürlich bei uns Menschen. Mehrzeller zu sein musste – gemäß der Evolutionslehre – Vorteile bringen, und diese Vorteile mussten die Nachteile überwiegen. Schon die ersten einfachen Mehrzeller waren – im Unterschied zu den Einzellern – z.B. wegen ihrer Größe besser gegen einige Fressfeinde geschützt und konnten Nährstoffe effektiver speichern. Im Laufe der weiteren Entwicklung kamen andere Eigenschaften wie wachsende Größe, weiter entwickelte Sexualität, Arbeitsteilung der unterschiedlichen Körperzellen, Entwicklung von Organen, schließlich eines Nervensystems und – als Krönung – eines Gehirns hinzu. Die Mehrzeller bestehen aus Körperzellen und bilden Keimzellen, mit denen sie sich geschlechtlich fortpflanzen können. Aber nur diese Keimzellen blieben weiterhin unsterblich; die Körperzellen altern und müssen früher oder später mit dem gesamten Organismus zugrunde gehen. Altern und Sterblichkeit sind der Preis, den die einzelnen Individuen bezahlen müssen, damit die Art mit dieser Strategie weiter bestehen kann.

Warum kann der Organismus nicht ewig jung bleiben und sich außerdem fortpflanzen?
Die Antwort folgt aus der Tatsache, dass Lebewesen in einer Umwelt leben, von der sie abhängig sind. Was in der unbelebten Natur gilt, kann man sich an einem ganz einfachen Beispiel aus dem Alltag klarmachen: Wenn Sie etwas Milch zu ihrem Kaffee geben, entsteht mit der Zeit eine Mischung, ohne dass Sie umrühren müssen; aber die Milch- und Kaffeeteilchen werden sich von selbst nicht wieder trennen. Der Physiker sagt: Die Unordnung in der unbelebten Natur nimmt von selbst zu, weil ein System in diesem Gleichgewichtszustand den niedrigsten Energiegehalt besitzt. Anders verhält es sich in der belebten Natur: Lebewesen besitzen die entscheidende Fähigkeit, gegen das physikalische Prinzip der Unordnungszunahme zu arbeiten, indem sie Energie von außen aufnehmen. Sie können in Form von Zellen und Organen einen Ordnungszustand aufbauen und diese Ordnung eine Zeitlang gegen die gegenläufigen Abläufe in der Umwelt verteidigen. Dabei benötigen sie aber viel Energie, denn es ist Schwerstarbeit, alle die vielfältigen und komplexen Lebensfunktionen zu erschaffen und aufrecht zu erhalten. Die Energie-Ressourcen des Organismus sind aber begrenzt, und es musste sich herausstellen, ob er sie in erster Linie zum Wachstum, zur Selbsterhaltung oder zur Fortpflanzung einsetzen konnte. Am günstigsten aber ist es, die verfügbare Energie in die Fortpflanzung zu investieren. Im Organismus der Mehrzeller haben sich demzufolge die Lebensprozesse für den Vorrang der Fortpflanzung entschieden und damit auf den Erhalt des Organismus über einen längeren Zeitraum verzichtet. Das Fortpflanzungsprinzip mit seinen immer neuen Variationen ist hier erfolgreicher als die Dauer-Erhaltung von bestehenden mehr oder weniger wandelbaren Individuen. Die Erhaltungs- und die genetisch bedingten Reparatur-Mechanismen müssen nur zur Verfügung stehen, um zu gewährleisten, dass das Individuum sich fortpflanzen kann. Da in freier Wildbahn sehr langlebige Individuen sowieso meistens das Opfer eines „Katastrophentodes“ – z.B. wegen fehlender Anpassungsfähigkeit, Gefressenwerden, Unfällen oder Krankheiten – würden, wäre eine Investition in ewige Jugendlichkeit und potentielle Unsterblichkeit auch aus diesem Grunde eine „Fehlinvestition“. Mehr Nachkommen, die neue Anlagen besitzen und sich ändernden Bedingungen besser anpassen können, waren und sind also – so die Evolutionstheorie – die bessere Entscheidung. Deshalb altern und sterben wir.

Die Evolution kümmert sich nicht um die Wünsche der einzelnen Individuen. Das ist kein angenehmer Gedanke. Es sei denn, wir bringen es fertig, uns mit der eigenen Natur auszusöhnen und weniger an unsere eigene Ewigkeit zu denken als an das Ganze.

Peter Grießmann

Foto: Benjamin Grießmann

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