Das Gespenst der Demografie

Noch vor 15 Jahren war die Bevölkerungsstatistik nur ein staubtrockenes Thema für Statistiker. Heute ist sie unter dem Namen Demografie in aller Munde. Eine erstaunliche Karriere für eine Statistik. Ihr wird nicht nur zugetraut, die ferne Zukunft voraussagen zu können (die aktuellen Prognosen des Statistischen Bundesamtes reichen bis 2060). Sie kann auch Zukunftsangst erzeugen, Angst vor dem Menetekel einer angeblich zu niedrigen Geburtenrate bei zunehmender Lebenserwartung, und dann dient sie nicht der Wahrheitsfindung, sondern manipulativen Zwecken (Greisenrepublik! Krieg der Generationen! Leere Kassen! Rentenniveau und Sozialausgaben senken!). Viele Aussagen zu Langzeitprognosen stehen nämlich auf sehr wackeligen Beinen, wie eine nähere Betrachtung zeigt.

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Moderne Kaffeesatzleserei

Blicke in die ferne Zukunft sind immer unsicher. Selbst vor 20 Jahren waren „Ereignisse“ wie Riester- und Rüruprente, Hartz IV, die Finanzkrise und ihre Folgen nicht in Sicht. Schauen wir doch einmal zurück ins vorige Jahrhundert. Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg von 1900 bis 2000 um über 30 Jahre. Dabei halbierte sich der Anteil der unter 20-jährigen von 44 % auf 21 %. Und der Anteil von 65+ hat sich mehr als verdreifacht – von 4,9 % auf 16,7 %. Diese demografischen Veränderungen waren weit größer als das, was fürs 21. Jahrhundert erwartet wird. Nach heutiger Demografie-„Logik“ hätte diese „Katastrophe“ drastische Kürzungen der Renten und eine drastische Verlängerung der Arbeitszeit nötig machen müssen. Was geschah stattdessen? Der Sozialstaat wurde im letzten Jahrhundert massiv ausgebaut, die wirtschaftliche Entwicklung war immens. Und bei alledem wurden die Arbeitszeiten stark reduziert. Die Demografie-„Logik“ erweist sich also als Trugschluss, sobald wir sie rückwirkend auf das 20. Jahrhundert anwenden. Überraschend, dass viele heute trotzdem 50-Jahres-Prognosen mit der zukünftigen Wirklichkeit verwechseln.

Altersstruktur bestimmt nicht das Wohlergehen

Beliebt ist in Wirtschaft und Politik die Argumentation „wegen der demografischen Entwicklung“ müsse dies und das geschehen. Aber selbst wenn die oft zitierten Vorhersagen über steigende Lebenserwartung, weniger Kinder und mehr Rentner tatsächlich so eintreffen sollten – wäre das ein riesiges soziales und wirtschaftliches Problem?

Wie der Blick in das letzte Jahrhundert auch zeigt, bestimmt die Altersstruktur einer Bevölkerung nicht zwangsläufig ihr Wohlergehen. Das zeigen auch weitere Betrachtungen, die der heute vorherrschenden Logik widersprechen:

–  Wenn die Kinderzahl pro Frau so wichtig wäre, müsste es Frankreich ökonomisch deutlich besser gehen als Deutschland. Immerhin bekommt in Frankreich jede Frau etwa 2 Kinder, in Deutschland im Schnitt nur 1,5 (2015).

– Wie geht es den Staaten dieser Welt mit jungen Bevölkerungen? Das sind zum Beispiel Bolivien, Bangladesch oder die Philippinen. Sie sind arm. Wer dagegen sind die reichen Staaten? Deutschland, Japan, die Schweiz, Australien – also die mit einer „alten“ Bevölkerung.

–  Wir kennen die Bilder von übervollen Hörsälen, wir hören die Meldungen über Jugendliche ohne Chance auf einen Ausbildungsplatz: „Studenten in Deutschland: So viele gab es noch nie“ (Der Spiegel, November 2014) „511.600 Ausbildungsstellen stehen 559.400 Bewerber gegenüber“ (Bundesagentur für Arbeit, Oktober 2014). „Zu große Klassen, zu wenig Lehrkräfte“ (WDR 5, August 2014). Wir glauben aber trotzdem, es gäbe zu wenige Kinder! Wie kann das angehen?

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Wirkungsvolle Zahlenspiele in der Demografie-Debatte

Zahlen sind angeblich objektiv. Deshalb wurden in der Debatte von Beginn an solche „unwiderlegbaren Tatsachen“ präsentiert. Vor der Verdopplung des Altenquotienten (Anzahl der nicht mehr erwerbsfähigen Bevölkerung dividiert durch Bevölkerungszahl im erwerbsfähigen Alter) wurde gewarnt, neuerdings häufiger vor einem gravierenden Mangel an Arbeitskräften. Das erschreckt. Vergessen wir einmal kurz, dass all die Warnungen nur auf Ergebnissen von Modellrechnungen beruhen und tun so, als ob diese Zahlen in der Zukunft genauso eintreten werden. Wie auch dann Dramatik erst künstlich erzeugt wird, zeigt folgendes Beispiel:

„Die Anzahl der Menschen im Erwerbsalter wird stark schrumpfen. Als Erwerbsalter wird hier die Spanne von 20 bis 64 Jahren betrachtet. Im Jahre 2013 gehörten gut 49 Millionen dieser Altersgruppe an. … 2060 (gibt es) ein noch kleineres Erwerbspersonenpotenzial: 34 Millionen oder 30% weniger als 2013.“ So der Präsident des Statistischen Bundesamtes bei der Vorstellung der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung im April 2015.

Das bedeutet also ein Rückgang der Zahl der Erwerbsfähigen um fast ein Drittel. Müssen also bald zwei Menschen die Arbeit von dreien schultern?

Um auf dieses Horrorszenarium zu kommen, mussten die Warner viele Faktoren übersehen. Hier die drei Wichtigsten:

  1. Der Rückgang des Arbeitskräftepotenzials um 30 % ist keine Herausforderung für morgen, sondern eine, für deren Bewältigung wir 47 Jahre Zeit haben (2013 bis 2060)! Aufs Jahr betrachtet, liegt der Rückgang also bei weniger als 0,8 %. Anders ausgedrückt: Nächstes Jahr müssen 124 Menschen das schaffen, was heute 125 schaffen!
  2. Der Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials auf 34 Millionen entstammt einer Modellrechnung, in der die Bevölkerung um ein Sechstel sinkt. Eine deutlich kleinere Bevölkerung braucht zur Versorgung aber auch weniger Arbeitskräfte.
  3. Sowohl für das Ausgangsjahr 2013 wie für 2060 wurde ein Renteneintrittsalter von 65 Jahren unterstellt. Und das, obwohl die Lebenserwartung nach der gleichen Prognose um 6,5 Jahre steigen soll. Und obwohl tatsächlich die Rente ab 67 schon für 2029 beschlossen ist! Warum sollten wir sechs bis sieben Jahre länger leben, unter Arbeitskräftemangel leiden und dennoch die Dauer der Lebensarbeitszeit unverändert lassen? Eine wahrlich unsinnige Annahme.

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Wenn wir diese gern unterschlagenen Faktoren einbeziehen – also Verzerrung durch lange Zeiträume; Bevölkerungsanteil statt -anzahl der Erwerbspersonen; geändertes Renteneinstiegsalter – dann haben wir es nur noch mit einem Absinken des Anteils der Erwerbsfähigen um 0,28 % pro Jahr zu tun. Die Angstzahl von 30 % bedeutet also in Wirklichkeit, dass bis 2060 jedes Jahr einer von 350 Erwerbsfähigen zu ersetzen ist! Eine an sich harmlose Veränderung wurde unter Nutzung dreier Rechentricks zu einem Monstrum aufgebauscht. Diese übersehenen Faktoren erklären auch, warum die rasante Alterung des letzten Jahrhunderts sozial und wirtschaftlich so problemlos gemeistert werden konnte.

Gewinner der Demografie-Debatte

Wie konnte ein seit 1900 beobachteter Prozess der Alterung plötzlich so ein Gewicht bekommen? Wie konnte ein staubtrockenes Statistik- Thema solch eine Aufmerksamkeit erlangen? Wie können so viele offensichtliche Widersprüche fast komplett übersehen werden?  Es gibt einflussreiche Gewinner der Demografie-Angst. Die Versicherungsbranche profitierte durch Riester- und Rüruprente und Kürzungen bei der Gesetzlichen. Die Arbeitgeber konnten sich so aus der paritätisch finanzierten Rente verabschieden, da ihre Arbeitnehmer die Riesterrente allein zahlen. Medien hatten ihre Schlagzeilen nach dem alten Journalistenprinzip „bad news are good news“. Und Politiker hatten für vieles einen Sündenbock, der sie scheinbar aus der Verantwortung nahm. Bildungsnotstand, leere Sozialkassen, Mangel an Fachkräften: Überall schützt das Schild „Demografie“ vor tieferen Blicken. Bei der sehr gut finanzierten und koordinierten Kampagne zum Thema Demografie ging es also nicht um Wahrheit, sondern um Nutzen und viel Geld. Interessierte Kreise haben die eigenen Interessen geschickt als kluge Reaktion auf die „objektiven Notwendigkeiten der demografischen Entwicklung“ dargestellt.

Eine Schlussbemerkung: Mit diesem Artikel will ich der weitverbreiteten „Demografie-Angst“ begegnen. Das heißt nicht, dass die Alterung einer Gesellschaft keine Probleme aufwirft. Nur sind das bei weitem nicht die größten Herausforderungen. Wenn wir erfolgreich an den Hauptproblemen arbeiten, zum Beispiel stärkere Maßnahmen gegen heutige und künftige Arbeitslosigkeit (Stichwort Digitalisierung) ergreifen, unsichere in gesicherte Beschäftigung umwandeln, unsere Jugend ausreichend qualifizieren, den großen Reichtum in unserer Gesellschaft wieder mehr für Soziales und die Infrastruktur nutzen, wäre mehr als genug da, um eine wachsende Zahl älterer Menschen nicht als Belastung zu empfinden.

Wer noch mehr vom Autor zum Thema lesen möchte: Sein jüngstes Buch „Die Zahlentrickser“ ist in der vergangenen Woche im Heyne-Verlag erschienen(19,90€). Darin werden weitere statistische Irreführungen und die Mehtoden der Fälscher aufgedeckt, damit wir Nicht-Experten „Dichtung und Wahrheit“ besser unterscheiden können.

Autor:
Dr. Gerd Bosbach ist Professor für Statistik, Mathematik und Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz, Standort Remagen und war u.a. als Berater des Statistischen Bundesamtes am damaligen Regierungssitz Bonn tätig. Er ist u.a. Koautor (mit J. J. Korff) des Buches „Lügen mit Zahlen: Wie wir mit Statistiken manipuliert werden“, München 2011.

Fotos: pixabay

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