Unheilige Johanna

„Der Tod ist Betrug an der Menschheit und als solcher nicht länger zu tolerieren. Aus dem ewigen Werden schält sich das ewige Sein. Der letzte Feind, den wir besiegen, ist der Tod. Wer jetzt noch stirbt, ist selber schuld.“

Giessmann

In dem Roman „Die Unglückseligen“ von Thea Dorn geht es um nichts weniger als den Versuch einer ehrgeizigen Wissenschaftlerin, das Sterben ein für alle Mal abzuschaffen: Das Leben ist sinnlos, „wenn es bloß entsteht, um im nächsten Augenblick schon zugrunde zu gehen.“
Beteiligt sind drei Hauptakteure: die Heldin Johanna Mawet, eine Molekulargenetikerin, Johann Wilhelm Ritter, ein Philosoph und Physiker aus dem 18. bzw. 19. Jahrhundert und der Teufel.
Johanna arbeitet in einem US-amerikanischen Forschungslabor an einem Gen-Projekt. Sie hasst den Tod, sieht im „Eintagsfliegen-Dasein“ eine Demütigung des Menschen. Die Genetikerin ist keine wundergläubige Esoterikerin; sie ist überzeugt, ihr selbstgewähltes Ziel konsequent auf naturwissenschaftlich-redliche Weise erreichen zu können. Die Forscherin weiß, dass es einige potentiell unsterbliche tierische Lebewesen gibt, aber der Mensch gehört nicht dazu. Diesen „Fehler“ in der Evolution will die Forscherin beseitigen; sie will es besser machen als die Natur – und das um jeden Preis.
Eines Tages trifft die Wissenschaftlerin auf einen äußerst merkwürdigen Menschen, der mit der modernen Welt nicht zurecht kommt. Sie will dem Einsamen helfen, ins Leben zurück zu kehren. Der Fremde, der Johanna anfangs für eine Personifikation des Teufels gehalten hat, erklärt ihr schließlich, er sei Johann Wilhelm Ritter, ein bekannter Physiker. Dieser Forscher hat wirklich gelebt und sich durch waghalsige Elektroexperimente einen Namen gemacht. Er wurde jedoch schon 1776 geboren und müsste damit älter als 200 Jahre sein. Johanna kann das natürlich zunächst nicht glauben, sieht in ihrem Schützling aber ein willkommenes Werkzeug, um ihre wissenschaftlichen Ziele weiter zu verfolgen. Sie lässt sein Erbmaterial untersuchen; es weist ungewöhnliche Abweichungen auf. Nun fragt Johanna sich aufgeregt: Könnte dieser Mann vielleicht unsterblich sein?

Johann_Wilhelm_RitterDie Genetikerin muss befürchten, dass ihre weiteren egoistischen Forschungspläne öffentlich werden könnten. Deshalb flieht das ungleiche Paar widerstrebend nach Deutschland, wo es jedoch auf Schritt und Tritt beobachtet wird. Johanna sucht verzweifelt nach einer Auskunft über ihr weiteres Schicksal, bekommt aber bei einer Teufelsbeschwörung keine Antwort. Und die Autorin hält für ihre Heldin noch einige – dieser beinahe den Verstand raubende – Schreckensszenarien bereit.
Der Teufel tritt ganz anders auf als man das nach den herkömmlichen Vorstellungen erwarten sollte. Er ist zunächst nur Kommentator, dann offenbart er sich aber wortgewaltig und behauptet, er sei ein Freund der Menschheit und ein Kontrahent Gottes, dessen Schöpfung er verurteile. Am Ende jedoch zeigt er wieder sein wahres Gesicht, als er seinen Siegeszug verkündet, weil er glaubt, die Menschheit werde sich am Ende selbst zerstören.

In Thea Dorns Roman repräsentieren Johanna und Johann zwei höchst unterschiedliche Lebensbereiche: sie die moderne technisch-wissenschaftliche und er die romantisch und religiös verklärte Welt des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Was für eine phantastische Idee: die Begegnung zweier Personen aus zwei Jahrhunderten! Was hätte man daraus machen können! In diesem Roman jedoch vegetieren die beiden ungleichen Personen lange Zeit nur so nebeneinander her. Ab und zu kommt es zu heiklen emotionalen Zusammenstößen, aber die anfangs von der Verfasserin versprochene entscheidende Auseinandersetzung bleibt aus. Die Autorin benutzt ihre Figuren, um ihre ambivalenten Ansichten zum Thema Unsterblichkeit aufzuzeigen und eine Debatte über das Thema Sinn oder Unsinn der genetischen Veränderung des menschlichen Erbgutes zu beginnen. Johann weist Johanna auf die Sinnlosigkeit und Gefahren des ewigen Lebens hin und versucht ihr klar zu machen, dass es höhere Werte gibt als die Unsterblichkeit. Für Johanna ist Ritter der romantische Träumer, mit dem man nicht diskutieren kann, weil er die moderne Forschung als eine „Verfallserscheinung“ der Menschheit ansieht.
In einem Interview sagt Thea Dorn, wir seien an einer Zeitenwende angekommen und befürchtet, dass wir an einem Scheidepunkt ohne Umkehrmöglichkeit stünden: Wenn es den Genetikern gelänge, Menschen unsterblich zu machen, würde das alle unsere moralischen und kreativen Werte verändern. „Können wir das zulassen?!“ könnte die Autorin ihren Ritter kämpferisch fragen lassen. Leider kümmert der sich nicht um solche entscheidenden Fragen.
Die Verfasserin scheint sich darüber im Klaren zu sein, dass einige Besessene es Ernst meinen mit dem Umbau des menschlichen Genoms und dass diese Tatsache ein akutes Problem ist, mit dem wir in naher Zukunft rechnen müssen. Es ist ihr Verdienst, die Leser in ihrem Roman auf diese Entwicklung in der Genforschung hinzuweisen. Das Für und Wider, die Folgen der Lebenszeitverlängerung und einer eventuellen Unsterblichkeit werden jedoch nicht weiter verfolgt. Hier wünscht man sich die Auseinandersetzung mit Problemen wie zum Beispiel Übervölkerung der Erde und einen Diskurs darüber, dass Unsterblichkeit wahrscheinlich nur einigen Privilegierten zugute käme und sich die weniger „Glücklichen“ gegen die narzisstischen Unsterblichen zur Wehr setzen würden.

In Ritter glauben Johanna und die Autorin ihren Doktor Faustus gefunden zu haben. Aber der kann natürlich diese Erwartungen nicht erfüllen. Der echte Johann Wilhelm Ritter war zwar ein wagemutiger Physiker, der wissen wollte, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ und der an seinen elektrischen Selbstexperimenten zugrunde ging. Aber er war und ist ein Kind seiner Zeit, ein individualistischer und idealistischer Mensch, der Wissenschaft und Religion vereinen wollte, der nach der Unendlichkeit „fassen“, die „Weltseele“ erforschen und eine „Urformel“ der Natur finden wollte. Er war und ist nicht der Faust, der sich – mit dem Teufel verbündet – den Tabus seiner Zeit entgegenstellt. Er glaubt an den Höllenfürsten, meint aber, der Mensch könne Wissen und Erkenntnis nicht in der Rebellion, sondern nur mit dem Einverständnis Gottes erlangen.

Über das Leben des Doktor Faustus ist wenig bekannt. Er soll als umherziehender Magier marktschreierisch vor Volksmassen aufgetreten und besonders durch seine Horoskop-Weissagungen und „Wunderheilungen“ bekannt geworden sein. Im Volksglauben und durch literarische Bearbeitungen entstand der Faust-Mythos.
Thea Dorn und ihr Verlag haben verkündet, die Autorin habe einen Faust-Roman geschrieben. Nun sind sowohl im Mythos als auch bei Dorn Hybris im Spiel sowie Abenteuer und der Kampf gegen alle Bevormundung, auch der Widerstreit zwischen religiösem Glauben und Wissenschaft. Aber in der Legende über Faust geht es vorwiegend um Kenntnis aller Geheimnisse und um Macht durch einen unheilvollen Pakt mit dem Teufel. Im vorliegenden Buch jedoch geht es in erster Linie um die Erlangung der Unsterblichkeit durch wissenschaftliche Methoden. Mit Dorns Mephisto wird kein Bündnis geschlossen.
Wenn Thea Dorn zwei Menschen, die nur Ansätze dieser „faustischen“ Eigenschaften besitzen, mit einem Teufel, der kein sonderliches Interesse an ihren Seelen zeigt, konfrontiert, kommt der kritische Leser ins Grübeln. An vielen Stellen fragt man sich: Wo bleibt der Rote Faden? Und schlimmer: Worum geht es der Autorin eigentlich?
Denn auch Johanna hat nicht das Zeug zum Doktor Faustus. Aus der rationalen Wissenschaftlerin wird eine irrational handelnde „Halbverrückte“. Weshalb treffen die Protagonistin die grausamsten Schicksalsschläge wie in einem billigen Thriller? Es wird nicht klar: Sind sie die „Strafe“ für die Hybris, den Tod besiegen zu wollen oder sind sie nur eine zufällige Laune des Schicksals? Es gibt zu viel action und zu viele unnötige Gags. Das Buch ist zu langatmig, mit unnötigen, den Leser quälenden Passagen und stellenweise in einer unglaubwürdig klingenden Sprache geschrieben.

Im weiteren Verlauf wird Johanna immer handlungsunfähiger. Der Rückzug der beiden Helden in die intimste Privatsphäre wirkt tragikomisch. Beide Protagonisten werden erst lebendig, „wenn das Leben endigt“. Eine ist ausgerechnet die Heldin, die für das ewige Leben kämpfte. Sie scheitert am Ende, verlassen von Natur, Gott und Teufel.
Einfallsreichtum, Intelligenz, Phantasie, einige genetische Fachkenntnisse, Sprachvirtuosität – alles das kann man der Autorin grundsätzlich bescheinigen. Der interessierte Leser wird hin und her geschleudert und kann sich der – leider immer kurioser werdenden – Handlung nicht leicht entziehen. Der Autorin ist in ihrem Metier ein ehrgeiziges, witziges, teilweise chaotisches und Grauen erregendes, an die Grenzen zum Wahnsinn streifendes, in manchen Abschnitten auch spannendes Werk gelungen.
Aber es ist kein Faust-Roman geworden. Die Verfasserin ist mit der komplexen Anhäufung der Themen nicht zurande gekommen. Wie sollte sie auch – hat sie doch nur ansatzweise den noch lange nicht verdauten „alten Sauerteig“, die grundlegenden menschlichen Fragen nach Erkenntnis, sinnvoll erfülltem Leben, Schuld und Erlösung zum Inhalt gewählt. Im Brennpunkt steht bei ihr der uralte Traum von der Unsterblichkeit. Bis zur Mitte des Buches scheint die Handlung in der Verfolgung dieses Themas noch einigermaßen plausibel zu sein, zum Schluss wird es auch hier immer verwirrender. Und am Ende ist man versucht, Mephistopheles – frei nach Goethe – zuzustimmen, wenn er lästert: „Dann hat sie die Teile in ihrer Hand, / fehlt leider! nur das geistige Band.“

Thea Dorn, Die Unglückseligen, Roman, Albrecht Knaus Verlag,
München 2016, 555 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 978-3-8135-0598-6

Fotos: Peter Grießmann, Acrylgemälde „Hybris“ und Wikipedia

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