Menschen auf der Zielgerade des Lebens

Scherf 1Notizen zu einem Vortrag von Henning Scherf

Henning Scherf packt zu, greift nach den Händen der Frauen und Männer, die zu seiner Lesung gekommen waren. Er begrüßt jeden Einzelnen per Handschlag. Henning Scherf ist immer noch der Mann zum Anfassen, wie zu Zeiten, als er Bürgermeister von Bremen war. So kennen ihn die Menschen: nah dran. Auch als Rentner und Autor bleibt er bei seinen Gewohnheiten. Aber die Themen haben sich geändert.  Nach der Politik hat Henning Scherf das Alter für sich entdeckt, Stück für Stück arbeitet er sich daran ab. Nun greift er in seinem neuesten Werk, wie er meint, „Das letzte Tabu“ – den Umgang mit dem Sterben – auf. Dass auch andere, wie Elisabeth Kübler-Ross, sie ist 2004 gestorben oder  Fritz Roth, Bestatter und Gründer der Privaten Trauerakademie, auch er bereits tot, sich schon vor langer Zeit dieses Themas annahmen, ficht den einstigen Politiker und Schirmherr vieler Stiftungen nicht an.

Erstmal redet er über die Autoren des Buches, die unterschiedlicher nicht sein können: der ehemalige Politiker und die Wissenschaftlerin Annelie Keil, die krankheitsbedingt ein schweres Leben hat. Der 79-jährige Scherf dagegen strotzt vor Gesundheit: mit seinen schlaksigen Bewegungen füllt er den Raum.

Und er erzählt und erzählt. Von seinen Erfahrungen in seiner Bremer Wohngemeinschaft, in der er seit 30 Jahren lebt.
Er spricht viel über eigene Erfahrungen mit dem Tod: als Kind im Krieg, nach einem Bombenangriff in Bremen.  Henning Scherf singt auch. Nein, nicht bei der Lesung. Aber im Chor, auch das erzählt er, er liebt das Requiem von Brahms, singt es am liebsten. Denn Rituale, so meint er, seien wichtig. Und an Ritualen mangelt es in unserer Zeit. „Wir brauchen etwas, an dem wir uns festhalten können“, meint er. Rituale sind dafür gut.

Aber immer wieder kommt Scherf auf Wohngemeinschaften zurück, auf seine, in der er seit 1987 lebt, beschreibt andere, die er kennt, besucht hat, um sie in seinen vielen Büchern über das Alter zu beschreiben, wie „Gemeinsam statt einsam“ oder „Das Alter kommt auf meine Weise“ – Lebenskonzepte heute für morgen. Es sind Ideen, die er vertritt – und es ist für ihn wichtig, neue Wege zu gehen. Die Einsamkeit der Menschen müsse aufgebrochen werden. Vor bereits 200 Jahren sind die Nachbarschaften und Familienstrukturen durch die Industrialisierung zerlegt worden, resümiert Scherf. Die Menschen lebten nicht mehr in Familien, der Arbeitsplatz, ganz woanders, trennte sie. Und: moderne Gesellschaften überlassen die Sterbebegleitung den Profis. Über 90 Prozent der Menschen sterben nicht mehr zu Hause, sondern irgendwo in Kliniken und entsprechenden Einrichtungen. Menschen sollten nicht am Ende ihres Lebens allein gelassen werden. Für ihn sind Wohngemeinschaften die Lösung. Auch Pflegewohngemeinschaften. Denn jeder kann noch etwas, kann seinen Beitrag leisten, und wenn es nur noch Kartoffel schälen ist, z.B. bei der Diagnose: Demenz.  Wohngemeinschaften sollen heute die frühere Großfamilie ersetzen. Alt und Jung gehören zusammen das stärkt auch die Toleranz.

Henning, Scherf ist eifrig. Er hat konkrete Vorstellungen, wie das Alter von den Menschen gestaltet werden könnte. Sein Rezept: Das Sterben „organisieren“. Das heißt, mit Freunden und Verwandten rechtzeitig  darüber sprechen, wo man sterben möchte, welche Dinge nötig sind, um das Ende für alle Beteiligten zu erleichtern. Die Pflege kann organisiert werden. Es gibt Ärzte, die Sterbende ambulant behandeln, der Tod muss nicht verdrängt werden.
Es gibt bereits ambulante Palliativärzte und -pfleger/innen.  Und Scherf hat sich mit Architekten zusammen getan, neu zu bauende Häuserreihen entwickelt, in denen Jung und Alt zusammen leben können, Ideen, die es zwar schon lange gibt, deren Umsetzung sich aber erst jetzt durchsetzt. Waren es noch vor 40 Jahren einzelne, wenige Modelle, so finden sie sich heute in vielen Städten, auch bereits in kleinen Gemeinden. Der demografische Wandel zwingt zu neuen Lebensformen – und denen hat sich Henning Scherf verschrieben.

Denn für ihn gibt es ein Leben vor dem Tod, dem letzten Tabu. Aber über dieses Tabu spricht er weniger, für ihn ist es eben wichtiger, aufzuzeigen, wie wir mit dem Alter auf der Zielgeraden des Lebens umgehen können.

Bücher von Henning Scherf:
Grau ist bunt
Was im Alter möglich ist
Gemeinsam statt einsam – Meine Erfahrungen für die Zukunft
Das Alter kommt auf meine Weise – Lebenskonzepte heute für morgen
Wer nach vorne schaut, bleibt länger jung
Altersreise
Mehr Leben – warum Jung und Alt zusammengehören.

 

 

 

 

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *