Margarets Jakobsweg

Sag ich’s mal so: Es gibt Situationen im Leben, da kann man nur weglaufen. Sicher, ich weiß, ich nehme mich dabei mit.
Aber wenn die Füße wehtun, der Schweiß in die Augen rinnt, die Beine immer müder werden, ich noch keine Ahnung habe, wo und wann ich mein müdes Haupt niederlegen werde, dann wird vielleicht der Kopf doch frei, atmet das Gemüt auf. Auf jeden Fall erhoffe ich mir das von diesem Trip.
Denn, so was hab ich noch nie gemacht. Eine Strecke laufen, von A – aber ich weiß nicht, wo B ist. Einfach nur geradeaus. Bauchschmerzen, also Bedenken hab ich schon. Aber Reisen ist heute anders. Mit Smartphone – mit dem ich nicht so vertraut bin – und all seinen Möglichkeiten geht es schon leichter als vor Jahren. Am Computer recherchiere ich die Wegstrecke.
Hotels suchen, finden, buchen. Aber wie weit laufe ich überhaupt mit Rucksack, mit müden Beinen? Drei Unterkünfte habe ich im Voraus gebucht, aber weitere Hotels in der Nähe meines Weges nicht gefunden. Meine Strecke ist ein gut ausgeschilderter Weg. Eben: der Jakobsweg. Von der Pfalz durch das Saarland nach Lothringen.

Jakopsweg ZeichenHier wird mir niemand begegnen, werde ich allein sein. Denn ich will ja weglaufen, immer gerade aus. Der Kopf soll frei werden, das wünsch ich mir, mit meinen 74 Jahren. Denn auch in diesem Alter treibt mich das Leben noch so vor sich her.
Wie meinte der Bademeister einmal vor Jahren zu mir, als ich ihm eröffnete: „Ich schwimme auch, um im Training, in der Figur zu bleiben.“ „Sind Sie in ihrem Alter noch eitel?“ waren seine Worte.
Eitel nein, aber ich lebe noch. Und das Leben will ich spüren. Deshalb laufe ich los. Spüren. Das Wetter, den Wind, die Sonne, den Regen, Neues, Unbekanntes und mich. Will wissen, ob ich mich davor fürchte, allein im Restaurant zu sitzen. Allein Wandern ist okay. Aber allein unter Menschen sein? Es gruselt mich ein wenig. Vielleicht bringt es was, vielleicht auch nicht. Dann kehre ich wieder zurück. Denn beweisen muss ich weder mir, noch irgendwem was.
Vor dem Start habe ich eine Freundin besucht und bin mit ihr meinen schweren, schon gepackten Rucksack nochmal durchgegangen. Sie ist erfahren im Wandern mit Rucksack. Ja, ja, die Kosmetik. Ich werde nicht so viel mitnehmen. Weder Sachen zum Schminken, da brauch ich auch nichts zum Abschminken. Dafür Salben gegen Muskelkater und Wundlaufen. Trotzdem, der Rucksack bleibt schwer.
Meine Laune rutscht auf null. Ich habe ein sehr mulmiges Gefühl und auch Bammel vor den Strecken. Drei Hotels habe ich gebucht, aber ich weiß nicht, ob ich sie erreiche. Das dritte Hotel werde ich erst mal stornieren. Ich bin aufgeregt.
Die Strecke: Hornbach – Altheim – Böckweiler – Medelsheim. Dann: Medelsheim – Walsheim – Herbitzheim – Rubenheim – Bebelsheim – Gräfinthal. Dann immer weiter. Ausgangspunkt ist das ehemalige Kloster Hornbach, nahe der französischen Grenze. Ein Benediktiner Kloster, das im 9. Jahrhundert gegründet wurde. Klar, dass hier der Jakobsweg vorbei führt.
Vorgenommen hatte ich mir eigentlich den Weg bis Metz einzuschlagen, immer der Jakobsmuschel nach. Aber es war mir bei der kurzen Vorbereitungszeit nicht möglich, überall Hotels an der Route zu finden, die keine so langen Strecken bedeuten. Denn 20 Kilometer am Stück, das traue ich mir denn doch nicht zu.

Der erste Tag der Wanderung
Es regnet in Strömen. Unter einem Scheunendach sattele ich meinen Rucksack über zwei Regenjacken, setzte den Regenhut auf und marschiere los. Einen asphaltierten Weg entlang, leicht den Berg hoch. Der Bliesgau, durch den mein Weg führt, ist eine hügelige Gegend, keine hohen Berge, keine tiefen Täler, eine weite, offene Landschaft mit relativ wenig Wald, vielen Wiesen und Feldern. Ich laufe und laufe, schaue gen Himmel und vermute eine Aufhellung. Richtig. Langsam wird der Regen weniger, es nieselt nur noch. Ein Eichhörnchen flüchtet vor mir, kurz darauf vier Rehe, die aber immer wieder stehen bleiben und neugierig zu mir rüber schauen. Sonst: weit und breit niemand.

Schon nach kurzer Zeit sind meine Bedenken in Bezug auf das „Vorhaben“ gewichen. Ich überlasse mich meinen Gedanken, fühle mich frei und ungezwungen – und habe eine Wegstrecke von 14 Kilometern vor mir. Schritt für Schritt komme ich vorwärts. Der Tag ist lang, ich habe Zeit, Zeit für mich, selbst wenn ich das Handy mitgenommen habe. Auch ein Smartphone. Auf die Schnelle versuchte ich noch in den letzten zwei Tagen die Bedienung zu begreifen: wie finde ich meinen Standort, wie finde ich ein Hotel in der Nähe? Den Standort zu erkennen, das ist nicht so schwer für mich. Nur die Sucherei nach einer Bleibe, verursacht mir Kopfschmerzen – und dauert, wenn es überhaupt klappt. Das Angebot ist fast unüberschaubar und der kleine Computer, mein Smartphone, geht nicht so genau auf meine Wünsche ein. Oder liegt es doch an mir? Im Augenblick ist mir das ziemlich gleichgültig. Zwei Tage im Voraus hab ich ja meine Reise organisiert. Der erste Tag ist sozusagen der Probelauf. Mit vollem Gepäck.

Jakobsweg bearbeitetMit meinem Etappenziel in 14 Kilometern Entfernung bin ich ja immer noch nicht weit von meinem Zuhause entfernt. Also sage ich zu mir, dann lass Dich doch abholen und am nächsten Tag wieder an den Ort bringen, an dem du deine Wanderung unterbrochen hast. Dann kannst Du erkennen, was falsch ist, was fehlt, was noch getan werden muss – und eine heißes Bad nach dem Marsch zuhause ist ja auch nicht schlecht.  So ist denn alles bestens – und der Regen hört bald ganz auf. Ich laufe und laufe, das erste Dorf, das ich von Hornbach aus in etwa knapp drei Stunden erreiche ist Altheim. Am Ortseingang grüßt mich ein Kreuz mit einer in den Sandstein gehauenen Figur: einem mittelalterlichen Pilger. Nun weiß ich es genau, denn auch in den Stein gehauen ist die Entfernung nach Santiago de la Compostela: 2 000 Kilometer.

Das ist doch eine ganz andere Nummer, ich habe mir heute nur 14 Kilometer vorgenommen und bin davon schon etwa sieben gelaufen. Von Altheim aus geht es den Berg hoch, an Streuobstwiesen vorbei. Zu Beginn fühle ich mich eigentlich leicht, das ungewohnte Tragen des Rucksacks beschwert mich nicht. Nur ab und zu greife ich in die Riemen, um den Rücken zu entlasten. „Ich schaff die Belastung schon“, denk ich. Das Wandern tut mir gut, schnell haben sich alltägliche Belange geklärt, mein Inneres sich beruhigt, ich fühle mich frei und ungebunden, hab mit der Welt da draußen, jenseits meines Weges nicht mehr viel zu tun. Es ist so einfach wegzulaufen, sich von Zwängen und Abhängigkeiten zu lösen. Das war mein Vorhaben und dieser Wunsch erfüllt sich langsam.

Ich steige den Berg hoch zu einem kleinen Ort mit einer originellen alten Kirche und einem mittelalterlichen Rundturm. Dort werde ich aufgeklärt, was es mit dem Jakobsweg auf sich hat. Ein Schild informiert: Seit dem 9. Jahrhundert wandern Pilger über die europäischen Jakobswege zur Grabessstätte des Heiligen Jakobus in Santiago de la Compostela im Nordwesten von Spanien. Seit 1987 wird auf Empfehlung des Europarates der Jakobsweg neu aufgebaut. 1993 wurden die Pilgerwege von der UNESCO zum geistigen Kulturerbe erklärt. Dadurch steigt die Zahl der Reisenden zum Apostelgrab wieder an. In der Gemeinde Mandelbachtal bemüht man sich seit 2006 um die Wiederbelebung der Jakobswege. Es gelang mehreren Orten, noch offene Wegstrecken zu schließen. Deshalb ist dieser Weg auch so gut ausgeschildert, dass ein Verlaufen eigentlich nicht möglich ist.

Gegenüber der Kirche St. Margaretha sind Bänke aufgestellt und ein Tisch. Die Sonne hatte bereits die Regentropfen darauf getrocknet. Ich kann mich hinsetzen, Pause machen, mein mitgebrachtes Brot essen. Einkehrmöglichkeiten am Wegesrand gibt es selten. Gasthäuser in den Dörfern sind rar geworden. Selbstverpflegung ist angesagt. Kinder kommen mit dem Bus von der Schule. Ich schaue ihnen beim Nachhauseweg zu. Sie tragen auch Rucksäcke. Vielleicht nicht so schwer wie meiner – und sicherlich sind sie es auch gewohnt. Ich nicht. Mir tut nach drei Stunden Wandern der Rücken sehr weh. Meine Erkenntnis, so wie geplant die Wanderung zu machen, von Hornbach nach Metz, das schaffe ich  untrainiert und alt, wie ich nun mal bin, nicht auf einmal. Ich reduziere die Wanderung auf das Etappenziel des lothringischen Saarguemines, kurz hinter der deutschen Grenze. Aufgeben, nein, das will ich nicht, aber zugeben muss ich, dass ich das, was ich so leichtfertig und ohne den Rucksack schmerzhaft zu spüren, nicht schaffen kann. Ich packe meine Sachen, Wasser und den Rest der Brote wieder ein, schultere den Rucksack und laufe weiter. Nun schon leicht nach vorne gebeugt, wegen der Schmerzen. Die Hälfte der Strecke habe ich bereits hinter mir, das sind nun noch etwa drei bis vier Stunden für die restlichen acht bis neun Kilometer.

Weiter geht’s. Immer über die Höhe der Berge des Bliesgaus. Trotz Schmerzen, es ist schön durch diese unprätentiöse hügelige Landschaft zu laufen, mit dem Blick bis zum Horizont. Nach etwa wieder einer Stunde erreiche ich eine Birkenallee. Das ist selten in dieser Landschaft, auf der Höhe. Erinnerungen an Wanderungen in und um Berlin werden wach. Dort gibt es viele Birken, sie gehören zu Brandenburg mit seinem sandigen Boden.

Jakobsweg2

In dieser Stadt habe ich einen Großteil meines Lebens verbracht. In den 70er Jahren dort gearbeitet, im neuen Jahrtausend eine Zukunft für mein Rentnerleben gesucht und zehn Jahre die Stadt durchlaufen, die Seen umrundet, das Wandern für mich entdeckt, meinem Rentnerleben mit dem Wandern einen neuen Sinn gegeben. Später hab ich aus dieser Erfahrung fast so was wie einen neuen Beruf gemacht: Ich habe Wanderbücher geschrieben, Burgenwanderbücher. Denn ich hatte ja nun die Zeit, meinem kindlichen Traum von Burgen nachzugehen und erwanderte sie. Und weil es kein spezielles Burgenwanderbuch gab, hab ich daraus dann drei gemacht: zwei über den Pfälzer Wald und eines über das Elsass. Denn ich bin dem südwestlichen Teil der Republik geboren und nach vielen Berliner Jahren dorthin wieder zurückgekehrt. Deshalb auch die Wanderung von Hornbach aus, auf dem Jakobsweg.

Warum eigentlich der Jakobsweg? Nicht aus religiösen Gründen. Aber aus meiner Erfahrung heraus, durch den Wald zu laufen, nach Wanderkarten, in denen die Wegmarkierungen eingezeichnet sind, weiß ich: an der nächsten Kreuzung fehlen oft die Wanderzeichen. Der Jakobsweg dagegen ist, so hab ich gelesen, in den letzten Jahren über weite Strecken vervollständigt worden, die Zeichen der Jakobsmuschel sind übersichtlich angebracht. Und darum ging es mir eigentlich: immer geradeaus gen Süden zu wandern und nicht ständig den richtigen Weg zu suchen und dann hoffentlich zu finden. Deshalb der Jakobsweg, der hier in der Gegend auch als Sternenweg bezeichnet wird.

Noch zwei Kilometer bin ich von meinem Streckenziel entfernt. Ich kann fast nicht mehr laufen. Der ganze Körper tut weh, die Schultern, die Hüfte, die Beine. Ich gehe immer gebückter. Noch zwei Kilometer, das müsste ich doch in gut 30, 45 Minuten schaffen – und dann ist erst mal die Lauferei für heute vorbei. Ich rufe eine Freundin an und sage ihr, dass ich so gegen 17 Uhr im verabredeten Ort ankommen werde. Sie braucht ja auch ihre Zeit, um mit dem Auto dorthin zu fahren. Ich beiße die Zähne zusammen. Tränen kommen mir in die Augen, nicht nur wegen des Windes. Ich schleppe mich weiter. Menschen mit Hunden – das ist immer so, wenn man sich einem Ort nähert – kommen mir entgegen. Es kann nun wirklich nicht mehr so weit sein. Bedauernde Blicke erreichen mich. Ich schaue sicher nicht aus wie das „blühende Leben“ und laufe weiter. Den Schmerz kann ich mir nicht weg denken und trotzdem fühle ich, dass zwar der Körper schmerzt, der Kopf aber immer freier wird. Es regnet wieder. Ich glaube, an diesem Tag habe ich mich zehn Mal aus- und wieder angezogen: Zusätzliche Regenjacke überziehen, Regenjacke wieder ausziehen, wenn die Sonne scheint und es warm wird. Jetzt also die Regenjacke wieder anziehen.

Mit meiner Freundin habe ich mich an der Kirche verabredet. Gasthäuser gibt es ja kaum noch in den Dörfern, aber die Kirchen stehen immer noch mitten im Dorf. Wir kommen fast gleichzeitig zum Treffpunkt. Völlig erschöpft setze ich mich ins Auto und höre dem Begrüßungssatz gar nicht zu: „Warum machst Du das, ist doch Blödsinn, in deinem Alter“. Das reicht mir. Zuhause angekommen, schaffe ich es fast nicht mehr aus dem Auto. Der Rucksack kommt in die Ecke, das Probelaufen mit vollem Gepäck hat eben doch die Einsicht gebracht, dass meine Freundin gar nicht so unrecht hat. Ich lasse mir heißes Badewasser einlaufen, stelle mir ein Glas Wein neben die Wanne und entspanne. Das tut gut. Anschließend kommen zwei Lagen Salbe auf den geschundenen Körper und es stellt sich mir die Frage: wirst du überhaupt morgen gehen können?

Fortsetzung folgt

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  1. Claudia

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