Man sagt, er sei der schönste Platz Berlins – Wandeln am Gendarmenmarkt

Der Gendarmenmarkt 1822

Der Gendarmenmarkt 1822

Im Vergleich mit anderen bedeutenden Städten Europas, wie etwa Wien, Paris oder London  gibt es Berlin  – am Anfang als Doppelstadt Berlin/Cölln – erst seit der Zeit um 1200. Und erst rund 460 Jahre später, entstanden, westlich angeschmiegt an das bisherige Areal, kurz hintereinander drei kurfürstliche Neustädte: um 1662 Friedrichwerder, um 1674 die Dorotheen- und um 1688 die Friedrichstadt, deren Zentrum der heutige Gendarmenmarkt bildet.

1709 wurden die fünf Städtchen unter dem Namen Berlin zusammengefasst und 1734 bis 1736 – gemeinsam mit  nördlich, östlich und südlich ins Umland hineingewachsenen Vorstädten – von einer Akzisemauer umschlossen.

Nach einigen weiteren Eingemeindungen um 1861 wurden schliesslich erst 1920 acht Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke aus den Berlin umgebenden Gebieten vereint zu  Groß-Berlin, das damals, mit 878 Quadratkilometern die nahezu achtfache  Größe der Fläche von Paris erreichte.
Zurück ins frühe 18. Jahrhundert !

Nach 1700 entstehen auf dem heutigen Gelände des Gendarmenmarktes zwei kleine Kirchen auf den äusseren von drei freigehaltenen Karrees: eine deutsche auf der Süd-, eine zweite auf der Nordseite für die seit 1685 infolge des Edikts von Potsdam eingewanderten Hugenotten, die zu einem beträchtlichen Teil in dieser Umgebung angesiedelt waren. Seinen Namen leitet der Platz von den Ställen des Regiments Gens d’ armes her, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf der Ostseite zwischen Jäger- und Taubenstrasse, später um die Kirchen herum errichtet worden waren.

In den frühen 1780er Jahren wurden die Kirchen durch zwei 78 Meter hohe Kuppeltürme ergänzt, um die repräsentative Ausstrahlung des Platzes zu verbessern. Im Vorraum des französischen Domes findet man Relieftafeln mit Darstellungen von der Ankunft der Réfugiés und deren Empfang durch den Kurfürsten.

Auf der mittleren Platzfläche, mehr zur Seite der Margrafenstrasse hin, befand sich seit 1776, gerahmt von den beiden Domtürmen, ein französisches Komödienhaus, das an der Wende zum 19. Jahrhundert, der Zeit des sich herausbildenden deutschen Nationaltheaters, durch einen Theaterneubau auf der westlichen Platzseite, entworfen von Carl Gotthard Langhans, dem wir auch das Brandenburger Tor verdanken, ersetzt wurde. E.T.A. Hoffmann, dessen Wohnung sich vis à vis der hinteren Seite des Theaters im Haus Charlottenstraße 56 befand, beschreibt in einem Brief an einen Freund das Feuer, dem dieser Bau schon 16 Jahre nach seiner Einweihung zum Opfer fiel. Schon weniger als vier Jahre später war nach Entwurf des Architekten Karl Friedrich Schinkel unter Verwendung stehengebliebener Gebäudeteile des Vorgängerbaus ein grandioser Theaterneubau in der bis heute sichtbaren äußeren Form, entstanden, in dem sich jetzt das Berliner Konzerthaus befindet.
Nahezu die gesamte ursprünglich barocke Platzrandbebauung des Gendarmenmarktes fiel mit  den Gründerjahren, spätestens aber bis zum beginnenden 20. Jahrhundert einer architektonisch-spekulativen Neubauorientierung des deutschen Kaiserreiches und dessen Aufbruch zur Weltstadtmetropole zum Opfer. Diese neue Architektur wiederum wurde zu einem großen Teil durch die Bombardierungen zwischen 1943 und 1945 sowie bei den Straßenkämpfen am Kriegsende zerstört bzw. schwer beschädigt.

Erst in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre wurde der Wiederaufbau der drei monumentalen sowie der wenigen erhaltenen historischen Gebäude und die ergänzende Bebauung der den Platz umgebenden leeren Grundstücke mithilfe moderner Baumethoden von der DDR-Regierung beschlossen und mit der Rekonstruktion des weiträumigen Areals begonnen. Nach  der Wende schliesslich wurden die noch freigebliebenen Restflächen bebaut. Das heutige Gesicht des Platzes ist also mit dem seiner Gründungszeit keinesfalls mehr zu vergleichen.

Resultat ist ein wiedererstandenes Ensemble mit Stilen aus letztlich sechs Bauepochen, in der  Mitte geschmückt mit einem Denkmal Friedrich Schillers, ein Werk Reinhold Begas’ das 1871 eingeweiht worden war..

Das im 19. Jahrhundert nicht zuletzt durch seine Stammgäste wie E.T.A. Hoffmann, den Schauspieler Ludwig Devrient sowie durch Besuche des Dramatikers Christian Dietrich Grabbe, des Dichters Heinrich Heine und des politischen Satirikers Adolf Glaßbrenner  berühmt gewordene Weinhaus „Lutter und Wegener“ befand sich bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg im Keller der Charlottenstrasse 49 und hat seinen neuen Standort an der Stelle des oben erwähnten damaligen Wohnhauses von E.T.A. Hoffmann an der Ecke Taubenstrasse gefunden.

Wenig entfernt davon, an der Ecke Charlotten- und Jägerstraße, (heute Antiquariatsbuch- und Kunsthandlung) war 1820 das „Café Stehely“ eröffnet worden, das Theodor Fontane immer mit dem Gefühl verließ, sich „eine Stunde lang an einer geweihten Stätte befunden zu haben“. Von großer Bedeutung für das intellektuelle Leben im preußischen Berlin des Vormärz war das Aufkommen dieser Art Cafés, in denen vor allem außerpreußische, fortschrittliche und politische Journale und Zeitschriften ausgelegt waren. Hier verkehrten und informierten sich im legendären „Roten Zimmer“ u.a. Heinrich Heine, Gottfried Keller, Friedrich Engels und Karl Marx.

Beim weiteren Umschreiten des Gendarmenmarktes im Uhrzeigersinn kommt entlang der Französischen Straße – nahezu die gesamte nördliche Platzwand einnehmend – die um 1890 von Alfred Messel entworfene Fassade der früheren Berliner Handelsgesellschaft in den Blick.

Danach, nach rechts in die Markgrafenstraße einbiegend, gelangt man zur Ecke, die diese Straße mit der Jägerstraße bildet. Zwei Häuser in die Jägerstrasse hinein, Nr. 54, stand ein  Barockhaus, in dessen Dachgeschoss Rahel Levin von 1793 an ihren Salon führte. Eine Tafel am Portal weist darauf hin. Im Hause gegenüber, der ehemaligen Nr. 22, kam 1769 Alexander von Humboldt zur Welt.

Schon früh war die Jägerstraße für die Entwicklung des Berliner Bankwesens von großer Bedeutung. Am östlichen Ende der Straße stand einst das Gebäude der kurfürstlichen Hofjägerei, das seit 1765 Sitz der Königlichen Giro- und Lehnbank wurde, aus der 1875 die Deutsche Reichsbank hervorgegangen war. 1772 etablierte sich an der Ecke der Markgrafen- / Jägerstraße die sogenannte Preußische Seehandlung, die in die Preußische Staatsbank überging. Seit 1999 befindet sich in dem an ihrer Stelle 1901 errichteten Gebäude die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.

Die Nachfahren des 1743 aus Dessau nach Berlin gekommenen armen Talmudschülers und späteren Philosophen der Aufklärung, Moses Mendelssohn, hatten 1795 eine Privatbank gegründet, die 1815 in die Jägerstraße 51 verlegt wurde. Die Geschäfte des Hauses verliefen so gut, dass die Familie ihren Besitz im Laufe der Zeit um vier weitere Wohn- und Geschäftshäuser in derselben Straße ergänzen konnte. Bis heute zeugt der prächtige Palaisbau mit der Hausnummer 49/50 von diesem Erfolg.

Bei dem letzten Stück des Erkundungsganges um den Gendarmenmarkt entlang der Markgrafenstraße gelangt man zu den Häusern Markgrafenstrasse 34 bis 36. Diese Bauten mit den charakteristischen Dachaufstufungen, sind typische Beispiele der Randbebauungsergänzungen der Nachwendezeit. Bemerkenswert ist sicher, dass im Hof des Hauses Nr. 35 im Jahre 1885 durch Oscar von Miller und Emil Rathenau das erste öffentliche Kraftwerk in Deutschland, die sogenannte Centralstation, errichtet wurde. Und als erster Grosskunde ist das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt registriert.

 

 

Comments
  1. Dorothee Ruddat
    • Heiner Welz
  2. Heiner Welz

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