Ein Leben mehr

Ein Leben mehr

Das zentrale Thema dieses Buches  von  Jocelyn Saucier ist Leben und Tod. Es „ist die Geschichte von drei alten Männern, die sich in den Wald zurückgezogen haben. Drei Männern, die die Freiheit lieben. `Man ist frei, wenn man sich aussuchen kann, wie man lebt. Und wie man stirbt.`“ „Sie redeten über den Tod wie über das Wetter.“„Die drei Alten hatten einen Todespakt geschlossen… Das einzige, was für sie zählte, war ein freies Leben und ein selbstbestimmter Tod.“ Mit diesen Worten wird das Thema des Buches gesetzt.

Die drei alten Männer heißen: Tom, Charlie und Ted. Sie alle haben unterschiedliche Hintergründe, sich aus dem Leben in die Wildnis zurückzuziehen. Aber alle haben sie Angst vor den Sozialarbeiterinnen dieser Welt und davor, ihre Freiheit zu verlieren.

Eine Sozialarbeiterin hatte Tom ins Herz geschlossen „und mit seiner Freiheit war es vorbei. Sie setzte alles daran, dass sein körperlicher und geistiger Verfall, seine alkoholbedingte Senilität, der Verlust seiner Geschäftsfähigkeit und seine allgemeine Unmündigkeit anerkannt wurden.“ Seine Familie unterschrieb die Papiere dafür. „Sie wollten mich auf den Müll schmeißen… Innerhalb von zwei Minuten hatte ich meine Sachen gepackt und mich auf den Weg gemacht! Auf den Weg in die Freiheit!“

Charlie erzählt, von seinem Leben in der Wildnis, wo er der Zeit beim Vergehen zusieht und nichts anderes zu tun hat als zu leben. Er hatte akutes Nierenversagen. „Hämodialyse. Drei Behandlungen pro Woche. Das waren drei zu viel und unser Charlie hat sich still und leise von all den guten Leutchen verabschiedet, die nur sein Bestes wollten.“ Er begannzu hoffen, dass er eines Tages in der Wildnis sterben könnte, wie ein Tier, ohne Trauergäste mit Leichenbitterminen, in der Stille des Waldes.“ Er sagt: „Ich zog in meine Jagdhütte und wartet auf den Tod. Als er nicht kam, wurde mir klar, dass mir ein zweites Leben geschenkt worden war. Ich beschloss, von nun an nur noch so zu leben, wie ich es wollte.“

Ted war einer der letzten Überlebenden der großen Brände. Er war „vor seinen Dämonen in den Wald geflohen.“ Er war für die Gemeinschaft ein „Vorbild, die gute Seele dieses Ortes, er inspirierte uns, und wir bewunderten ihn…Er war der Junge, der durch die rauchenden Trümmer geirrt war. Der Mann, der plötzlich irgendwo auftauchte und ebenso plötzlich wieder verschwand. Ted war eine offene Wunde.“ Jemand erzählt von ihm: „Er habe das Feuer überlebt, aber ein Teil seiner Seele sei … zurückgeblieben. Er habe nie gelernt, ein richtiges Gespräch zu führen, die Worte seien ihm in der Kehle stecken geblieben. Man habe immer das Gefühl gehabt, sich mit einem Geist zu unterhalten… Immer war da dieser leere Blick.“ Seine Geschichte ist die eines „Mannes, der sein Leben lang im Unglück gefangen gewesen war.“

Die drei Männer sind eine Gemeinschaft, leben aber jeder in eigenen Hütten, so weit voneinander entfernt, dass sie sich alleine fühlen können. Der Beschützer dieser Einsiedelei ist Steve, der Hotelpächter. Sein Hotel ist etwas entfernt. Steve beantwortet die Fragen der Reisenden, indem er „ihnen irgendwelchen Unsinn erzählt und sie in die Irre führt… Er hat mit der Welt abgeschlossen, hat keinen Ehrgeiz und verfolgt keine großen Pläne… Das ist seine Form der Freiheit.“

Und dann ist da noch Bruno. Er ist jünger. Er „hat sich noch nicht von der Welt verabschiedet… Er kommt und geht.“ Er ist der Kontakt zur Außenwelt und bringt oft Vieles zum Leben mit – auch Zeitungen. Die Beiden lieben das Verbotene und bewirtschaften eine Grasplantage. Von diesem Verdienst können alle gut leben.

In dieser Gemeinschaft am See tauchen zwei Frauen auf, die alles verändern: „eine kleine alte Dame mit großen schwarzen Augen und eine große, kräftige Frau, die die Legende von Ted zum Vorwand nimmt, um ihnen einen Besuch abzustatten.“ – Die Fotografin.

Sie sucht Überlebende des großen Brandes und hat von Ted gehört. Als sie schließlich dort ankommt, ist Ted gerade gestorben – an Altersschwäche. Sie kommt zuerst mit Charlie ins Gespräch, der ihr sein Leben erzählt und später kommt auch Tom dazu. Sie macht Fotos von Charlies Hund und ruft im Weggehen, dass sie ihm die Bilder vorbeibringen wird. Sie wissen also, dass sie sie nicht losgeworden sind. Aber sie ist ja auch nicht von irgendeinem Amt. Sie wird wiederkommen, denn sie sagt von sich: „Ich liebe Geschichten, ich liebe es, wenn man mir ein Leben von Anfang an erzählt, mit allen Umwegen und Schicksalsschlägen, die dazu geführt haben, dass ein Mensch sechzig oder achtzig Jahre später vor mir steht, mit einem ganz bestimmten Blick, ganz bestimmten Händen und einer ganz bestimmten Art zu sagen, dass das Leben gut oder schlecht gewesen ist.“

Die kleine alte Dame ist Brunos Tante. Er hatte sie nach einem Besuch mitgenommen. Sie war aus dem Heim ausgerissen. Mit 16 Jahren war sie in die Psychiatrie eingewiesen worden. Man sagte von ihr: „Sie sieht, was andere nicht sehen… Und nun nach 66 Jahren des Eingesperrtseins war sie nicht gerade alltagstauglich.“ In Steves Hotel kann sie aber auch nicht bleiben. So beschlossen Bruno und Steve, „die Tante zu ihren alten Freunden in den Wald zu bringen, um herauszufinden, ob man sich verstand.“ Nach einigen Stunden Tee und Gesprächen fragte Charlie sie nach ihrem Namen. Sie hatte sich entschieden, sie wollte „Marie-Desneige“ heißen. „Was für ein schöner Name.“ Und damit war sie in die Gemeinschaft am See aufgenommen.

Wo sollte Marie-Desneige wohnen? Die Männer konnten sich nicht dazu durchringen, sie in Teds Hütte einzuquartieren. Also entschlossen sie sich, ihr eine Hütte zu bauen. Eine mit allen Schikanen: mit fließendem Wasser, Dusche, Toilette. Sie konnten ihr schließlich nicht zumuten, so zu hausen, als hätte sie ihr Leben in der Wildnis verbracht. Es dauerte drei Wochen. Und dann taucht die Fotografin mit den Fotos auf. Die Männer versuchen zu verhindern, dass sie Marie-Desneige sieht. Aber: umsonst. Sie hört, wie die Fotografin die Männer begrüßt, hört ihre Stimme und kommt aus dem Haus geeilt. In ihr war eine Erinnerung an ihr altes Leben erwacht – eine angenehme Erinnerung an eine Freundin und sie flüstert ihren Namen: „Ange-Aimée“. Aber dann sieht sie eine Fremde und ist enttäuscht. Die Fotografin geht auf sie zu und sagt: „Sie können mich gerne Ange-Aimée nennen.“ Das besiegelt ihre Freundschaft. Und so wird auch sie in die Gemeinschaft aufgenommen. Sie wohnt im Hotel, kommt und geht nach Belieben. Da „begriffen die Männer, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor“. Und noch etwas hat sich verändert: Sie sprechen nicht mehr vom Tod, ja sie denken nicht einmal mehr an ihn. Sie interessieren sich nicht mehr für ihn. Marie-Desneige hat noch nie in ihrem Leben so viel Aufmerksamkeit bekommen und blüht auf wie ein junges Mädchen. „Die Welt war jung und neu, wenn man sie durch Marie-Desneige Augen betrachtete“. Sie ist fest entschlossen, aus ihrem neuen Leben etwas zu machen. Und allmählich hält die Liebe Einzug: Sie und Charlie werden ein Paar.

Eines Tages betreten sie Teds Hütte und staunen über die Bilder die er gemalt hat. Sie sind ihnen ein Rätsel. Aber da ist ja Marie-Desneige, „die sieht, was andere nicht sehen“. Sie interpretiert sie, so dass klar wird: die Bilder handeln von dem großen Brand. Es sind Bilder des Grauens, das er auf die Leinwand gebannt hat. So hat Ted versucht, sich von ihnen zu befreien. Und sie hoffen, dass er so in Frieden in den Tod gehen konnte. In der anderen verschlossenen Hütte finden sie noch viele Bilder und so wird die Fotografin eine Ausstellung machen.

Das Buch atmet förmlich Wildnis und Freiheit. Es endet mit friedlichem Sterben und neuem Leben. Es macht Hoffnung und Mut für ein selbstbestimmtes Leben und Sterben.

Jocelyn Saucier
Ein Leben mehr
Berlin 2015
19,95

 

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