Woher kommst du?

 

GranCanaria2 Wer möchte nicht gerne aus dem kalten und regnerischen Winterdeutschland auf eine Kanarische Insel entfliehen? Auf eine Insel des „ewigen Frühlings“, wo die Sonne (fast) jeden Tag scheint und die Temperaturen – zumindest an den Küsten – zwischen 19 und 24 Grad liegen? Kein Wunder, dass besonders viele Mittel- und Nordeuropäer dorthin reisen. Einige Deutsche, Engländer, Niederländer, Dänen haben sich dort ein behagliches Überwinterungsquartier zugelegt. Manche mieten sich eine Ferienwohnung oder haben sich sogar ein Haus gekauft.

Es ist Mittagszeit. Ein älteres Ehepaar hat in einem kleinen Bergdorf gerade Quartier bezogen. Der Mann ist mir aufgefallen, weil er sehr alt und gebrechlich wirkt, aber noch dichtes, weithin sichtbares schlohweißes Haar hat. Gemeinsam mit ihrem Vermieter stehen die Eheleute – noch mit ihren Koffern – im Garten vor dem gemieteten Ferienhaus. Der Eingang zu „ihrem“ Haus befindet sich auf dem selben Grundstück wie der Zugang zu einem Künstleratelier, dessen Inhaber vor einiger Zeit gestorben ist. Das Atelier ist leer geräumt, doch nirgends findet sich ein Hinweis, der diesem neuen Tatbestand Rechnung trägt. Der Garten des Ateliers lockt viele Touristen an, die sich einen Kunstgenuss erhoffen und auch wegen seiner blühenden Stauden und einer stattlichen Zypresse vor der Kulisse eines Gebirgspanoramas. Alle Besucher stehen aber nur bewundernd vor dem Grundstück, denn der Eingang ist ihnen durch ein dickes, geflochtenes Seil verwehrt.

Gran Canaria1Wieder nähert sich eine kleine Reisegruppe. Der junge Reiseleiter lockert das Seil, und die Gruppe betritt laut schwatzend den Garten. Der etwas irritierte Vermieter des Hauses bittet den Reiseleiter sehr höflich – auf Englisch – das Grundstück mit seiner Gruppe wieder zu verlassen. Der Angesprochene meint – ebenfalls auf Englisch – es könne doch wohl erlaubt sein, hier ein paar Fotos zu schießen. Einige aus der Gruppe haben es sich bereits im Garten gemütlich gemacht, stellen sich für Gruppenfotos in Pose oder machen „Selfies“ vor der Gebirgskulisse.

Nun bittet der greise, weißhaarige Mieter seinerseits den Reiseleiter, das Grundstück zu verlassen. Aber auch er hat mit seiner Bitte keinen Erfolg. Offensichtlich hat er aber gehört, dass die Mitglieder der Reisegruppe Russisch sprechen, denn ich verstehe, wie er den Anführer fragt, ob sie Russen seien. „Wir sind keine Russen, erwidert der, „aber wir sprechen Russisch.“ – „Sie sind keine Russen“, erwidert nun der Mieter mit erhobener Stimme, „aber Sie benehmen sich wie Russen. Wie Russen, die fremde Gebiete besetzen.“ Und er zeigt mit der Hand zum Gartenausgang.

GranCanaria4Langsam setzt sich die Gruppe in Bewegung. Auf dem Weg zum Ausgang fragt der Reiseleiter den Mieter: „Sie sind Deutscher?“ Der antwortet – nach einer kleinen Pause – unwillig: „Wir leben hier …“

So etwas Ähnliches werden sich einige Russen auf der – ebenfalls – frühlingshaften Krim auch sagen.
Ich frage mich, was den beiden Kontrahenten an diesem Nachmittag wohl noch so alles durch den Kopf gegangen sein mag.

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