Demenzpuppe – Quo vadis?

Zu Zeiten der Währungsreform im Jahre 1948 erhielt ich meine erste Puppe, eine von Käthe Kruse. Ich mochte sie nicht, spielte lieber mit Nachbarskindern in den Trümmergrundstücken des zerstörten Hamburg. Auch wenn ich als kleines Mädchen die altvordere Leier mit dem Puppenspielen nicht mochte, würde ich die Handpuppe für Demenzkranke heutzutage gern in den Arm nehmen. Sie fordert geradezu auf zum Kuscheln, zum Drücken und Liebhaben. Sie kommt in einer reizvollen Verkleidung daher, verbirgt aber in ihrem Inneren ein Geheimnis: Sie ist ein Roboter und soll im Umgang mit dementen Menschen eingesetzt werden.DSCN6516 Foto: P.Grießmann
Anfangs hat mich besonders betört, daß man der Puppe ihr Innenleben eben nicht ansieht. Sie ist keine eiskalte, aus Plastik geformte Maschine, wie wir sie aus Japan kennen: mit ihren magischen Kulleraugen, ihrer plumpen Figur, die ihre technischen Erscheinung, ihre Künstlichkeit nicht versteckt. Sie ist in japanischen Altenheimen sehr verbreitet und äußerst beliebt. Bei uns könnte sie keinen Erfolg landen. Aus verschiedenen Gründen, wie auch immer.
Bei uns wäre eher die kesse Hampelpuppe, die Wissenschaftler an der TU Berlin zur Erprobung für einen sinnvollen Einsatz nutzen, Erfolg versprechend. Sie sieht frech aus, übermütig, lebensbejahend, ist weich und anschmiegsam. Ihr mit einem Computer gesteuertes Innenleben soll den Kranken sowie ihre sie pflegenden Angehörigen das Leben erleichtern helfen. Vielleicht soll sie sie auch ein wenig trösten.
Unter dem Titel „Die Demenzpuppe“ veröffentlichten wir in den PASSAGEN einen Artikel von Torsten Harmsen über das TU-Projekt. Ich war begeistert über die vielen nützlichen Funktionen, die die Wissenschaftler der Puppe an die Hand geben. Auch, wie hübsch sie den Computer, der zu therapeutischen Zwecken gedacht ist, verkleidet haben. Kein nackter, glatter Roboter aus Plastik, sondern eine flauschige Puppe aus Stoff, die an Kinderzeiten erinnert. Und auch schon in anderen therapeutischen Zusammenhängen benutzt wird, z.B. bei Logopäd*innen.
Eine gute Idee, wie ich fand, daß da, wo der Mensch sich nicht mehr gut äußern kann, sie zu Hilfe eilt und Signale nach draußen sendet. An die Angehörigen oder das Pflegepersonal, wenn sie denn auch in Heimen oder Krankenhäusern zum Einsatz kommen sollte. Schön die Vorstellung, daß sie die Einsamkeit der kranken Menschen lindern und tröstlich in ihren Armen liegen kann. Wie die Puppe aus Kindertagen eben. Und man sagt ja, alte Menschen und besonders die an Demenz erkrankten unter ihnen kehrten in ihren Erinnerungen dahin zurück. Mir gefiel, daß sie die pflegenden Angehörigen unterstützt und entlastet, ihnen etwas mehr zeitlichen Spielraum für eigene Aktivitäten ermöglicht.

DSCN6519 Foto: P.GrießmannAuch wenn sie eine tröstende Hand oder eine menschliche Stimme nicht ganz und gar ersetzen kann. Aber immerhin, ihre digital geäußerten Signale können einen Menschen herbeirufen, der dann die Not lindern hilft, entsprechende Streicheleinheiten oder andere Zuwendungen verabreichen kann.
Ich war wirklich begeistert, bis ich die erschreckende Nachricht über die Puppe Cayla – als alltägliches Spielzeug für Kinder gedacht – las. Auch sie kommt hübsch, gar modisch verpackt daher. Sie könne sogar ‚knifflige Fragen‘ beantworten, wie der Hersteller betont.
‚Spionin im Kinderzimmer‘ wurde sie in der Presse genannt. Denn in dieser Puppe steckt technischer Sprengstoff. Nach hiesigen Gesetzen gilt sie als ‚Sende- oder Telekommunikationsanlage‘. Deshalb wurde sie sehr schnell vom Markt genommen. Ihr Besitz ist in Deutschland bei Strafe verboten, Herstellung und Vertrieb natürlich auch.

Cayla

Foto: Deutsches Spionagemuseum

Eine App auf dem Smartphone z.B. stellt die Verbindung von ihr zum spielenden Kind her und kann so empfangen und senden. Sie kann dem Kind Antworten erteilen und scheinbar mit ihm sprechen. Denn über das Smartphone ist sie mit dem Internet verbunden. Und da liegt der Hase im Pfeffer: Die Daten  erreichen nicht nur die Eltern, sondern werden allesamt gespeichert und sogar dem Hersteller, der sich in den USA befindet, übermittelt.
Das Spielzeug wird so zum Spielball im globalen Kontext, ist also nicht nur ein Instrument zur Kommunikation mit dem Kind, sondern auch ein Einfallstor für dessen Überwachung durch die Eltern. Durch wen wohl noch? Ein Lausch-  statt eines Lautsprechers? Eine Puppe als Spionagegerät?
Zurück zur Demenzpuppe. Wäre auch sie ein Späher im Krankenzimmer, täte nicht nur Gutes, sondern hätte auch eine dunkle Seite? Wäre das denkbar? Und was wollte sie wem vermelden? Vielleicht den Krankenkassen einen Einblick gewähren in die tägliche Pflege durch Angehörige? Was tun diese überhaupt und mit welcher Intensität? Entspricht ihr Tun unseren Leistungen oder machen sie sich eher einen fröhlichen Lenz und kassieren leichterdings das Pflegegeld? Würde die Kollegin Roboter in Heimen und Krankenhäusern gar das Pflegepersonal ersetzen, also vertreiben, und der Betreuungsschlüssel damit noch weiter gesenkt? Vielleicht den Herstellern Hinweise liefern zum Verkauf von entsprechend empfohlenen medizinischen Hilfsmitteln? Oder gar Bestattungsinstituten mit Daten versorgen, die dann eine schnelle Anzeige schalten könnten? Vielleicht der Skandalpresse, wenn hier Missbrauch oder grobe Vernachlässigung vermutet würden? Oder, oder…?doll-1551633_960_720

Ich weiss es nicht und Spekulationen helfen da wenig. Aber hellhörig und wachsam sollte man schon sein, wenn elektronische Assistenzsysteme so sympathisch daherkommen und manchmal sogar hilfreich sind. Nach all diesen Bedenken wachsen die Zweifel in mir, ob ich die niedliche Puppe noch gern zum Kuscheln in den Arm nehmen würde. Doch wenn die Sinne mit der Zeit dahin schwinden, vielleicht könnte sie auch mir Trost spenden und mich meine alte analoge Lieblingspuppe vergessen lassen.

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