Diskussuionsbeitrag Pflege

Pflege c.pngLiebe PASSAGEN-Redaktion!

Es hat mich gefreut, dass Sie mit dem Artikel von Armin Rieger  zur Pflegesituation das Thema Arbeitssituation vom Pflegepersonal in Heimen aufgenommen haben. Der Autor spricht dabei auch die Frage der Gegenwehr an – meiner Meinung nach aber nur als moralischen Appell, ohne zu fragen, warum sich die Pflegekräfte nicht wehren. Dabei werden sie doch händeringend gesucht  und könnten eigentlich selbstbewusst z.B. mehr Geld, einen besseren Personalschlüssel und dadurch weniger Stress einfordern.
Nach meinen eigenen mehrjährigen Erfahrungen als Angehörige und als Freundin von Pflegeheim-Bewohnerinnen spielen neben den wichtigen quantifizierbaren Problemen der Arbeitssituation (Einkommen, Personal) auch „weiche Faktoren“ eine wichtige Rolle: Schikane und Machtmissbrauch von Vorgesetzten (Heimleitung), Verbreitung von Angst und Misstrauen untereinander, respektloses Führungsverhalten nach dem Prinzip “Teile und Herrsche“, konsequente Verhinderung einer gemeinsamen Interessenvertretung, die diese Situation ändern könnte.
Ich habe z.B. erlebt, wie eine neue Heimleitung gewachsene Kollegialität und ein kollegiales Arbeitsklima durch systematische Versetzungen „aufmüpfiger“ Pflegerinnen und Pfleger auf andere Stationen oder aber durch Androhung einer Kündigung in gefürchteten Personalgesprächen – ohne Zeugen –  auf der Arbeitnehmerseite zerstört hat. In einem anderen Heim wurde Pflegekräften mitgeteilt, dass es nicht gern gesehen sei, wenn das Personal privat miteinander befreundet ist. Manche Stationsleitungen legten es auch darauf an, das Pflegepersonal durch Verhaltens-Vergleiche (auf wen kann man sich verlassen, bei Personalengpässen einzuspringen, wer bleibt auch mal länger) gegeneinander auszuspielen. Die Pflegerinnen (Männer halten sich da meistens raus) ziehen dann übereinander her, anstatt die mangelhafte personelle und gesundheitsschädliche Organisation der Arbeit zu kritisieren.  Wie auch im Artikel angesprochen: trotz bejammertem Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal werden sie oft zusätzlich zur Pflegearbeit auch für Küchendienste eingesetzt, wo das Personal den Investoren zuliebe reduziert worden ist. Beliebt scheint auch zu sein, wenn die Wahl eines Betriebsrates ansteht, als Geschäftsführung indirekt die Kandidatur von jemand zu unterstützen, der/die in Nachtschicht arbeitet und bei den Tagessschichten nur als Phantom bekannt ist. Ich habe auch erlebt, wie ein aktiver Heimbeirat, der aus Bewohnern und Angehörigen bestand und auch mit dem Personal guten Kontakt hatte, durch aktive Einmischung der Geschäftsleitung arbeitsunfähig wurde und die Angehörigen ausgestiegen sind, weil sie Angst hatten, ihr Engagement würde sich nachteilig bei der Pflege der Mutter auswirken. Bei der Neuwahl, in der nur Kandidaten der Bewohner/innen zugelassen waren, wurde den ratlosen Heimbewohnerinnen von im Haus angestellten Betreuerinnen empfohlen, wen sie wählen sollten, nämlich vor allem solche, die der Geschäftsführung genehm waren.
Nun will ich meine einzelnen Beispiele nicht verallgemeinern oder mit einem Rundumschlag alle Pflegeheime in einen Topf werfen. Und ich stimme dem Autor auch zu, dass die Pflegekräfte aktiv werden müssen, weil sich sonst nichts bewegt (sieht man ja am lange bekannten „Pflegenotstand“). Aber man muss auch realistisch einschätzen, warum sie so selten laut werden: Sich als einzelne Frau zu wehren (und es sind ja meistens Frauen, oft Alleinerziehende oder Mitverdienerinnen in der Familie, oft in Teilzeit, oft aus einem anderen Land und mit ungenügenden Deutschkenntnissen) ist wie Harakiri. Und gemeinschaftliches Verhalten ist nicht zuletzt wegen der geschilderten unkontrollierten Macht von Heimleitungen ziemlich schwer. Es kommt hinzu, dass das Stammpersonal zugunsten von Arbeitnehmern aus Leihfirmen immer mehr reduziert wird, die nur befristet bleiben und die Fluktuation des Personals unnötig erhöht. Und dann gibt es auch noch die moralische Erpressung der Pflegekräfte: Sie haben den Beruf ja gewählt, weil sie mit Menschen umgehen möchten, die ihre Hilfe brauchen. Diese Pflegebedürftigen würden am meisten darunter leiden, wenn man (genauer: Frau) eigene Interessen verfolgt und etwa auf Pausen, freien Tagen, qualitativ guter Arbeit besteht…
Vielleicht könnten (moderierte) Gesprächsgruppen zwischen Angehörigen/Freundeskreis und Pflegepersonal – ohne Heimleitung – zumindest dazu führen, dass beide Gruppen sich verständigen, dass es bei der Arbeit in der Pflege in erster Linie um die Heimbewohner/innen geht und dies nur gewährleistet werden kann, wenn die Pflegekräfte gute Arbeitsbedingungen haben und respektvoll mit ihnen umgegangen wird… Oder hat noch jemand andere Ideen?
Wichtige Adressen zum Thema Pflege
www. pflege.de

Umfangreiches Informationsangbot, beispielsweise zu den Themen barrierefreies Wohnen oder Pflegekasse / Pflegegrade
www.bagso.de
Die „Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen“ gibt viele Tipps, u.a. zur Pflege zu Hause.
ww.pflegelotse.de
Suchmaschine des „Verbandes der Ersatzkassen“ für ambulante Pflege und Pflegeheime
www.zqp.de
Das gemeinnützige „Zentrum für Qualität in der Pflege“ bietet eine eigene Suchmaschine, mit der sich bundesweit alle wichtigen Beratungsabebote finden lassen

 

 

 

 

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