Abschied

Trauer MTrauer über den Tod des Partners

Wie geht es Dir“, das war die häufigste Frage, die mir Menschen, meist am Telefon stellten.
Ich habe dann den Hörer aufgelegt. Wie soll es mir gehen, nachdem mein Mann mit 56 Jahren gestorben ist? Wir wollten zusammen alt werden, das war eine Vereinbarung vor vielen Jahren. Kurz vor seinem Tod – wir wussten, dass er bald sterben wird – haben wir dann doch noch geheiratet.
Nun ist er tot.
Für mich, der größte anzunehmende Gau.
Und dann werde ich gefragt: „Wie geht es Dir?“.
Soll ich am Telefon weinen, soll ich sagen: „den Umständen entsprechend“, soll ich sagen, wie das viele tun: „Gut“?
Was soll ich sagen? Gar nichts? Dann ist einfach auflegen wohl besser. Aber unfreundlich. Ich habe keine Sprache gefunden, mein Verhalten wurde als aggressiv ausgelegt, was es wohl auch war.
Aber: was soll ich sagen?
Aber, es ist auch schwer für Freunde mit einem trauernden Menschen umzugehen. Wir haben keine Anhaltspunkte. Die Tröstenden wissen nicht, wie sie trösten können, die Traurigen können nicht oder nur wenig auf Mitfühlende eingehen.

Und Bücher, können Bücher helfen?
Es gibt diese Ratgeber für alle Lebenslagen.
Beatrix Gerstberger, deren Lebenspartner Gabriel Grüner 1999 als Kriegsreporter im Kosovo erschossen wurde, beschreibt in ihrem Buch „Keine Zeit zum Abschiednehmen“, welche Missverständnisse sich zwischen Trauernden und ihren Mitmenschen auftun. Viele der Frauen, die ihren Mann bei dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 in New York verloren, sagten ihr im Interview, dass dies die erste Gelegenheit wäre, ausführlich über den Tod ihres Partners zu sprechen. Redet mit den Menschen, die trauern! Das ist die Botschaft des Buches.

Die Botschaft hör ich wohl. Aber wie soll das gehen, wenn Betroffene keine Worte finden?
Sterben und Tod sind heute keine Tabuthemen mehr. Aids und die Hospizbewegung haben das Schweigen über den Tod gebrochen. Die Trauer aber wird noch vielerorts verdrängt. Die Psychotherapeutin Verena Kast sagt dazu, „Ich glaube, wir haben einerseits Angst davor, den Trauernden durch Fragen zu verletzen, und andererseits durch das Sprechen über den Tod mit der Zwangsläufigkeit des eigenen Todes konfrontiert zu werden.“
Trauer ist ein wichtiger psychischer Prozess, um einen Verlust verarbeiten zu können.  „Wir müssen Wege finden, Trauer zu akzeptieren, wir müssen lernen, wieder miteinander zu trauern, die große Angst vor der Trauer überwinden“, rät  Verena Kast. In unserer Gesellschaft wird oft eine möglichst schnelle Bewältigung von Verlust und Trauer erwartet und diese Verdrängung unterstützt die damit verbundenen Probleme. Das kann zu dauerhaften Störungen führen, zu Depressionen und Ängsten. Sigmund Freud beschreibt Trauer als normale Reaktion und auch als einen wichtigen Prozess.

Was ist denn Trauer?
Die Erfahrung von Tod im persönlichen Umfeld ist eine starke emotionale Belastung und oft der stärkste Stress, dem ein Mensch ausgesetzt ist. Der Verlust eines geliebten Menschen ist wie ein Erdbeben, der Boden wird ihm unter den Füßen weggerissen. Alles stürzt ein, es herrscht Chaos. Der Hinterbliebene steht unter Schock.
Die Zeichen der Trauer reichen von Verschlossenheit oder Gleichgültigkeit über Angst und Wut bis zu Niedergeschlagenheit und Verzweiflung, führen manchmal aber auch zum totalen Zusammenbruch. Nichts ist mehr wie vorher und wird es auch nie mehr sein. Antoine de Saint-Exupéry sagt: „Und wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben.“

Margrets FotoTherapeuten haben versucht, die Trauer in verschiedene Phasen einzuteilen:
Zuerst der Schock, die Versteinerung. Dann die Verzweiflung, der Schmerz, aber auch Schuldgefühle, Angst,  Aggressivität.
Wird der Verlust realisiert, zieht sich der Trauernde meist zurück. Wird die Situation langsam angenommen kann er möglicherweise loslassen. Die Trauer hört nicht auf – aber sie verändert sich. Ob das so stimmt?
Wer sich mit Tod und Trauer beschäftigt, ist zunächst überrascht, wie viel in den vergangenen Jahren darüber veröffentlicht wurde. Häufig sind es persönliche Erfahrungen, Beschreibungen des eigenen Erlebens. Erstaunlich ist, dass kaum ein Buch über Trauer von einem Mann geschrieben wurde. Trauern Männer weniger als Frauen?
Künstlerische Ausdrucksformen, ob in eigener Gestaltung oder als Rezipient, können eine wichtige Hilfe sein. In Literatur, Musik und Malerei finden Trauernde einen Spiegel ihrer eigenen Empfindungen. Kunst, Philosophie und Religion sind oft Begleiter und manchmal ein Weg, um der Vereinsamung zu entrinnen. Thomas Mann hat einmal gesagt, dass auf Erden ohne Tod wohl kaum gedichtet würde, und Friedrich Dürrenmatt sieht im Tod „die Wurzel der Kultur“.

Über den Umgang mit Trauernden
Die Menschen haben den Umgang mit Trauernden verlernt. Ängste und mangelndes Einfühlungsvermögen von Seiten der Mitmenschen treiben die Betroffenen in die innere und äußere Isolation. Gedankenlose Bemerkungen („Ich weiß genau, wie es dir geht“ oder „Andere Leute sind auch darüber hinweggekommen“) oder – noch schlimmer – gut gemeinte Aufmunterungen („Du darfst nun nicht immer nur trauern“, „Sei doch endlich wieder fröhlich“) führen oft zu weiterem Rückzug, und Hilfsangebote („Ruf mich an, wenn du etwas brauchst“) erreichen die Adressaten nicht.
Auf jemanden zuzugehen, ihn um Hilfe zu bitten, fällt ohnehin den meisten Menschen schwer und den Trauernden erst recht. Bei dem Prozess des Trauerns brauchen Menschen aber dringend Hilfe. Freunde sind wichtig, auch wenn der Trauernde sie häufig abweist.
Trotz meiner unfreundlichen Haltung gab es damals Menschen, die zu mir durchdringen konnten. Auf die so gar nicht angemessene absurde Frage: „Na, wie geht es deinem Mann heute“, konnte ich reagieren. Von meinen Träumen erzählen. Wer sich traute, mich zu besuchen, dem konnte ich – oft stundenlang – von meinem Mann und unserem Zusammensein reden. Das war schön, das tat mir damals einfach gut. Über etwas Anderes sprechen konnte ich sowieso nicht, all meine Gedanken kreisten lange Zeit nur um ihn.
Aber auch das musste ich lernen. Ich durfte die Zuhörenden nicht überfordern mit meinen immer gleichen Geschichten. Und so kam ich ganz langsam in die Normalität zurück. Alltägliche Dinge wurden mir – wie zum Beispiel Musik hören – wieder vertrauter.
Der trauernde Mensch befindet sich im Übergang in eine neue Lebensphase, auf der Suche nach einem neuen Welt- und Selbstverständnis. Dass mit dem Verstorbenen auch immer ein Teil des eigenen Ichs stirbt, ist mehr als eine Redensart. Trauer ist für den Trauernden eine hohe Anforderung: den Verlust als Realität akzeptieren, den Schmerz erfahren, sich an eine Umwelt anpassen, in der der Verstorbene fehlt, und seine emotionale Energie in andere Beziehungen investieren.
Den Trauerfall als Wendepunkt im eigenen Leben zu begreifen und als Chance für die eigene Entwicklung und das seelische Wachstum zu sehen, das ist nicht einfach. Für mich war es tröstlich zu erfahren, dass es anderen Trauernden ähnlich geht.

 

 

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