Der Gedankenspieler

Peter Härtling hat Der Gedankenspieler kurz vor seinem Tod geschrieben – ein Buch, in dem es um das Thema Leben und Tod geht, und er mit Gedanken an den Tod spielt. Härtling schafft es auf faszinierende Weise, ein Buch über das Leben eines pflegebedürftigen alten Mannes zu schreiben. Ohne jede Beschönigung und doch voller Ironie und Humor. Durch seine anschaulichen Beschreibungen,  die bildhafte Sprache und die lebendig geschilderten Personen ist es ein Vergnügen, es zu lesen.

Zum Inhalt

Härtling erzählt  das Leben eines  achtzigjährigen Architekten, der zu vielen körperlichen Malaisen auch noch durch einen Unfall im Rollstuhl sitzt. Johannes Wenger führt ein durch die Pflegekräfte eingetaktetes Leben.

Bei der Körperpflege fühlt er sich nicht mehr als Mensch, sondern als Objekt. Er denkt, „Ich lebe menschenlos.“ Als Korrektiv gibt es aber einen wichtigen Menschen: seinen Hausarzt Mailänder, einen jungen Mann, der sein Freund geworden ist. Als dieser sich wegen eines Seminars und anschließendem Urlaub verabschiedet, klagt Wenger, „er werde am Alleinsein ersticken“.

old man-2359682__340Er ist ein grantiger Mann, aber auch voller Selbstironie. Er steht im gedanklichen Austausch mit den Architekten Schinkel und Mies van der Rohe, schreibt keine, sondern denkt Briefe an sie, auch an den Schriftsteller Nazim Hikmet sowie an seinen abwesenden ärztlichen Freund. Auch das gegenwärtige gesellschaftspolitische Geschehen beschäftigt ihn. Und kleine Aufträge im Rahmen seiner Architektentätigkeit lassen ihn noch am Leben teilnehmen.

Dann aber kommt neue Bewegung in sein Leben: durch die Kollegin von Mailänder und ihre sechsjährige Tochter. In seinem Leben hatte es nie Kinder gegeben. In einem Brief an die mythologische Gestalt Arion schreibt er über seine Erinnerung an einen Besuch des Zwingers in Dresden, wo er ihn auf dem Delphin in einem Brunnen entdeckt. Die Geschichte von der Rettung Arions durch die Delphine ging ihm als Kind sehr nahe. Nun im Alter stellt er fest, das Kind in sich verloren zu haben. Und er schreibt: „Vielleicht habe ich die Chance, durch dieses Kind belebt zu werden, leben zu lernen.“ Denn das einsame Leben begann, ihn zu zermürben.

Er baut mit der sechsjährigen Katharina  aus Streichholzschachteln und anderen winzigen Behältern Häuser. Er nimmt an der Hochzeit Mailänders teil: als Säulenheiliger – im Rollstuhl auf einem erhöhten Podium in einer entlegenen Ecke sitzend. Er fährt mit der Familie in den Urlaub. Die großen Ereignisse bauen sich vorher wie eine „drohende Kulisse“ vor ihm auf. Aber sie machen sein Leben wieder bunter, ereignisreicher. Trotz mancher Beschwerlichkeiten genießt er diese Herausforderungen.

Mit der Zeit wird sein gesundheitlicher Zustand immer schlechter. Er braucht eine Dialyse. Es treibt ihn die Vorstellung um, jahrelang der „Sklave dieser Überlebensmaschine zu sein“. Und er fragt sich, ob er das will. In diesem Sinne schreibt er noch einen Brief an Mailänder.

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Ich habe mir vorgenommen: Wenn ich mal pflegebedürftig bin, vielleicht ins Heim muss, werde ich dieses Buch immer bei mir haben. Es wird mir eine Hilfe sein, mit Gedanken zu spielen und so lebendig zu bleiben.

 

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Peter Härtling
Der Gedankenspieler
Köln 2018
20,- eBook 16,99

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  1. Ulrike Block-von Schwartz
  2. Ulrike Block-von Schwartz

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