Der Hörakustiker – das unbekannte Wesen

Sagen Sie nicht, im Alter passiere nichts Neues mehr! Das Älterwerden erschließt einem ganz neue Lebensräume. Neue Hüftgelenke habe ich inzwischen schon, für die Altersweitsicht sorgt seit langem eine entsprechende Brille, und der graue Star wurde mir vor ein paar Jahren gestochen.

Seit neuestem höre ich nicht mehr so gut. Meine Tochter war die erste, die es wagte, mich darauf anzusprechen: „Sag mal, muss die Glotze so brüllen?“ „Tut sie das?“ fragte ich erstaunt. Mir war es gar nicht aufgefallen, dass ich sie nach und nach immer lauter eingestellt hatte. An manchen Tagen hört man besser als an anderen, wie ich inzwischen weiß. Ohne dass ich es gemerkt hatte, war ich sehr variabel mit der Lautstärke umgegangen.

speakers-453475__340Die Ohrenärztin machte einen Hörtest und stellte Ausfälle im Höhen- und Tiefenbereich fest. „Haben sich Ihre Nachbarn noch nicht über Ihren Fernseher beschwert?“ wollte sie wissen. Haben sie nicht. Ich wohne in einem Haus Baujahr 1895, da sind die Wände noch dick. „Sie sollten einen Hörakustiker aufsuchen“, war ihr Rat.

So kam der Hörakustiker in mein Leben, ich hatte noch nie von ihm gehört. Mir waren zwar gelegentlich die merkwürdigen Gebilde aufgefallen, die im Schaufenster eines Geschäfts ausgestellt sind, an dem ich öfter vorbeikomme. Dieses Geschäft hat aber, wie soll ich sagen – überhaupt keine Ausstrahlung. Unbestimmt und bieder sind seine Auslagen, nichts lockt einen, ihm einen zweiten Blick zu gönnen. Da muss erst der Tag kommen, an dem Sie jemand auf die Lautstärke Ihres Fernsehers anspricht und Sie sich die kleinen Dinger näher betrachten, die Ihnen zu einem besseren Gehör verhelfen sollen.

Es war der Zufall, der mir den entscheidenden Anstoß gab. In einer Fernsehreklame suchte eine Firma, die Hörgeräte vertreibt, TesthörerInnen für „unsere neue Generation von MiniHörgeräten, hocheffizient und unsichtbar“. Mir fiel ein, dass eine Freundin meiner Tochter mir vor einiger Zeit zu meinem Erstaunen von ihrer frühzeitigen Schwerhörigkeit erzählt hatte und dass sie sich an einem Test für kleine Hörgeräte beteiligt hatte. Als Lohn für Ihre Testarbeit hatte sie diese teuren Geräte zu einem Vorzugspreis – sie sagte „Spottpreis“ – bekommen.

Mit diesem Beispiel im Hinterkopf meldete ich mich bei der Firma aus der Fernsehreklame. Normalerweise klicke ich Reklameangebote im Fernsehen unbesehen weg, aber solch ein Angebot sollte man nicht ausschlagen, dachte ich. Noch ohne zu wissen, im Übrigen, in welchen Preisklassen sich Hörgeräte bewegen.

Der erste Hörakustiker, den ich aufsuchte, sah streng aus. Steif und unnahbar saß er hinter seinem Schreibtisch, in einem weißen Kittel. Wie ein verhinderter Arzt, dachte ich bei mir. Er erklärte mir die Pflichten, die ich zu erfüllen hätte, wenn ich mich mit meiner Schwerhörigkeit auseinandersetzen wollte. Sachlich bis zur Unfreundlichkeit, offenbar wollte er mich einschüchtern. Da hatte er bei mir schlechte Karten. Freundlich lächelnd sagte ich, dass ich zu allen Schandtaten bereit wäre, was ihn etwas zu verwirren schien. Freunde würden wir wohl nicht werden.

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Zunächst einmal machte er diverse Tests mit mir, prüfte meine Höreinschränkungen, meine Konzentrationsfähigkeit, schloss mich an unerklärliche Geräte an und stellte so mein Hörprofil her. Für den nächsten Termin sollten mir passende Geräte zum Ausprobieren vorgelegt werden. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Beim nächsten Treffen empfing mich eine freundliche Dame, es gibt also auch weibliche Hörakustiker, mit der ich bis heute verhandle, Herr K. sei in Urlaub. Glück gehabt.

Viele Gerätetypen haben wir ausprobiert, um die am besten zu mir passenden zu finden. „Wir wollen doch, dass Sie zufrieden sind.“ Das Gerät, mit dem ich zufrieden war, fand sich schließlich, und ich fragte, etwas spät vielleicht, nach dem Preis, Die Hörakustikerin nannte vorsichtshalber keine Summen, versprach mir aber ein schriftliches Angebot. Ich bekam es und fiel aus allen Wolken: 1.890.– Euro nach Abzug der Kassenzuzahlung! Von einem Preisvorteil für Tester war keine Rede, das muss eine andere Firma gewesen sein. Ich bin durchaus bereit, auch eine etwas größere Summe zu investieren, aber das übersteigt dann doch meinen guten Willen.

Nun ist meine Freundin C. sehr zufrieden mit ihrem Kassenmodell ohne Zuzahlung, das
reiche ihr völlig aus. Ob wir denn schon mal ein Kassenmodell getestet hätten, fragte ich meine Hörakustikerin. Die begann herumzudrucksen, sie wisse nicht, was ich am Anfang mit Herrn K. vereinbart hätte … Mir dämmerte, dass man mir von Anfang an teure Modelle vorgeführt, mich sozusagen angefüttert hatte, nach dem Motto: Wir wollen, dass Sie zufrieden sind. Auf meinen Wunsch teste ich gerade ein Kassenmodell – das ist schon ein Absturz: schrille Töne, laute Nebengeräusche. Und Kaffee wird mir auch nicht mehr angeboten, die Stimmung ist etwas reserviert geworden. Das enttäuscht mich etwas. Da war ich wohl sehr blauäugig gewesen!

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