Wo geht’s denn hier zum Altwerden?

Rollator-Pumps

Altwerden und Sterben war vor 30 Jahren so weit weg, wie das junge, wilde, ewige Leben nah. Heute schreiben wir zwei Freundinnen, die sich seit 1982 kennen, zusammen gelebt und irgendwann in Kreuzberg ihre ungeraden Lebenswege in gerade Bahnen gebracht haben, über genau dieses Thema. Unsere Gedanken zu den Fragen: Wie werden wir im Alter sein, was werden wir unter Lebensqualität verstehen, wie wird unsere Lebens- und Wohnform aussehen, wird es eine finanzielle Sicherheit geben, sind durch unseren persönlichen Hintergrund geprägt: Trotz vieler Gemeinsamkeiten gibt es große Unterschiede, die zum Teil aus der Tatsache resultieren, dass wir seit zwanzig Jahre in zwei verschiedenen Ländern leben. Zum Teil zeigt es aber einfach nur eine zeitgenössische Wahrnehmung zweier Frauen in den Vierzigern.

Viola Ruddat kam mit 13 Jahren nach Berlin. Nach dem Abitur ist sie in die USA gezogen – und ist geblieben, promovierte in Chemie und arbeitet heute bei General Electrics im Bereich der Biotechnologie. Ihr fester Standort ist San Francisco, aber ihr Job treibt sie ständig quer durch den nordamerikanischen Kontinent.

Jasmine Ait-Djoudi, aus binationalem Elternhaus, kam mit 11 Jahren nach Berlin, machte eine Tanzausbildung, danach Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und absolvierte ein Studium der Kommunikationswissenschaften. Ihre berufliche Karriere begann beim Cornelsen Verlag in Berlin, inzwischen lebt sie seit vier Jahren in Halle (Saale) und ist Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit am dortigen Fraunhofer–Institut für Werkstoffmechanik IWM.

Viola Ruddat: „Gott Jugend“ – Ein neuer Glaube

Viola Ruddat

In meinem Leben zählt kaum etwas mehr als Sport. Ich vergnüge mich am liebsten mit Wandern, Skifahren, Joggen, Radfahren, usw. In meiner Wahlheimat, Kalifornien, ist das recht normal und die Dame, die mit 70 Jahren noch den Kilimandscharo besteigt, ist eine Heldin. Wenn die Knochen und Glieder nicht mehr funktionieren, besorgt man sich neue, wenn das Gesicht oder der Busen hängt, wird alles gestrafft. Das alles ist allerdings ein Luxusgut und man muss es in den finanziellen Lebensplan integrieren. Hat man langfristig vor, sich ein neues Knie oder Hüftgelenk zu leisten, um weiter so aktiv zu sein, wie man möchte, dann muss man darauf sparen. Natürlich sollte das Grenzen haben, aber wo sind die? Arnold Schwarzenegger hat sich angeblich neue Bizepse einsetzen lassen, ganz normale Frauen lassen sich das Fett absaugen, jeder färbt sich die Haare – wo sind da die Grenzen? Ich weiß es nicht. Was ganz sicher ist: Das Bedürfnis, alles aus diesem einen Leben herauszuholen, ist weit verbreitet – überraschend, wenn man auf die tiefe Religiosität der Amerikaner blickt. Jedoch, der ewige Jungbrunnen wäre in den USA wahrscheinlich der größte Markterfolg.

Einsamkeit und Gemeinsamkeit im Alter

Der hiesige Trend im Westen der USA ist interessant und gefällt mir. Dadurch dass sich 95 Prozent der Amerikaner darauf einstellen müssen, bis ins hohe Alter zu arbeiten, hat sich die Planung fürs Alter schon in der letzten Generation sehr verändert. In den 50zigern findet bei vielen eine Art Auswanderung in die Berge, an einen See oder aufs Land statt, da die Lebenshaltungskosten dort oft günstiger sind. Dort wird dann oft eine neue Karriere angefangen, die weniger einbringt, aber bis in die 70ziger machbar ist und einen davor bewahrt, zu früh ans Gesparte zu gehen. In meinem Umfeld fängt das jetzt schon an. Sobald die Ersten in einem Freundeskreis anfangen sich neu anzusiedeln, kommen andere hinterher. Das bildet das Fundament für die selbstgemachte Großfamilie im Alter. Viele treffen sich also in der gleichen Gegend, so dass eine neue, sehr aktive Gemeinde entsteht. Für diejenigen, die das nicht im Voraus planen oder es sich nicht leisten können, besteht die Gefahr großer Einsamkeit in der Zukunft. Eine andere Variante ist die Großfamilie: die vielen Einwanderer zum Beispiel aus Mexiko und China, aber auch viele oft religiöse Familien, die in ihrem Familienzusammenhang groß und auch alt werden. Ein anderer Teil der Einwanderer geht nach der Rente zurück ins Herkunftsland. Aber für den Teil der Gesellschaft, dem ich angehöre, also der weißen Mittelschicht, meistens gebildet und ein bisschen fortschrittlicher, mit mittlerem Einkommen und ohne große Familienzusammenhänge gilt: Wir müssen uns früh überlegen, wie wir uns später arrangieren wollen.

Die größte Angst vorm Altwerden

Das Verlieren der Kraft, emotional und physisch, ist sicher meine größte Angst. So habe ich die Sorge, ob ich dazu in der Lage sein werde, sowohl für mich als auch für andere, das notwendige Verständnis aufzubringen. Denn das, denke ich, ist die Grundlage, das Leben weiter genießen zu können. Danach kommen Einsamkeit, Gebrechlichkeit und Armut – in dieser Reihenfolge. Mit der Einstellung bin ich sicher nicht alleine. In meiner jetzigen Lebenssituation, als Alleinstehende ohne Familie in den USA, in der Großstadt, in einem Land ohne soziales Netz, ist sowohl die Einsamkeit als auch die Armut eine große und reale Gefahr. Ich werde das am besten verhindern können, indem ich auf mich selbst höre und früh alles plane. Wenn man in diesem Land nicht der Mittelklasse angehört, kann man sich das allerdings nicht leisten. In vielerlei Hinsicht ist das momentan meine größte und realistischste Sorge: durch Langzeitarbeitslosigkeit aus der Mittelklasse abzurutschen, was das Älterwerden in jeder Hinsicht furchtbar schwierig macht. Unter diesem Aspekt plane ich neue berufliche Perspektiven: vielleicht an einer Universität im Landesinneren zu unterrichten, Försterin oder Naturführerin zu werden. Diese Tätigkeiten interessieren mich eigentlich mehr, bringen allerdings weniger Geld. Sie könnten mir ermöglichen, länger bis ins hohe Alter zu arbeiten und sind zugleich ein Plan B, falls ich meinen Job verliere.

Natürlich möchte ich auch gesundheitlich dazu in der Lage sein, mein Leben so lange wie möglich zu genießen, aber auch das hängt sehr vom Geld ab. Eine sehr persönliche Angst habe ich noch, die unvermeidlicherweise wahr werden wird. Da ich soweit weg von Deutschland lebe, viele Freunde aus beiden Ländern durch Umzüge auf anderen Kontinenten wohnen, werde ich so oder so und immer mehr, manche sehr vermissen. Obwohl Skype, Web-Chats, Internet usw. das alles verbessert haben – sie werden mir fehlen. Irgendwann ist es mit dem Reisen und Besuchen vorbei, und das wird schlimm, aber ist hoffentlich noch lange hin!

Das ideale Altsein

Ich habe sehr großes Glück, denn ich habe viele großartige Vorbilder aus den letzten zwei Generationen. Eine Oma, die von sich behauptete, dass man ihre Klappe extra totschlagen müsse, wenn sie stirbt. Eine Tante, die blind mit Mitte achtzig noch in den Alpen wandern war und eine Mutter, die sich mit über 70 Jahren noch freuen kann wie ein Kind. Ich habe dadurch recht konkrete Vorstellungen, wie ich sein möchte und wonach ich strebe. Ich will mich gerne meinen Freunden anschließen, um eine Art Kommune aufzubauen, in der wir uns gegenseitig unterstützen können. Und ich arbeite schon daran! Ich habe viele gute Freunde und glaube fest, dass sie es bis zum Ende bleiben und wir immer füreinander da sein werden. Ich möchte weiter neue Sachen lernen und ausprobieren. Ich hoffe, das nötige Geld zu haben, um meinen Körper dann und wann instand zu setzen und solange wie möglich Freunde und Familie zu besuchen, die in aller Welt verstreut sind. Ich möchte bis ins hohe Alter daran glauben, dass das Leben einem Überraschungen bereiten kann und mir für immer die jugendliche Hoffnung darauf bewahren.

 Ich strebe danach, dann und wann etwas zu machen, worüber alle nur staunen, dass das in meinem gehobenen Alter geht: immer weiter die Berge zu erklimmen und manchmal – mit 80 – geschminkt in Stöckelschuhen bis morgens um drei zu tanzen!

Jasmine Ait-Djoudi: „Gott Jugend“ – Ein neuer Glaube

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Die Diskrepanz wird in unserer Generation sicher groß sein. Betrachte ich mir den jetzigen Jugend- und Fitnesswahn, dann wird es uns sehr schwerfallen, in den Spiegel zu schauen und unser zunehmendes Altern und unsere Gebrechlichkeit anzunehmen. Die Metamorphose des attraktiven Wesens hin zu einem alten, körperlich nicht mehr anziehenden Menschen wird hart. Die ersten und sehr offensichtlichen Anzeichen versetzen mich schon jetzt manchmal in Hektik – zumal die von uns selbst erschaffenen und medialen Vorbilder ja mehr denn je diesem Gott Jugend dienen. Wir haben  keine bis sehr wenige Vorbilder, die zeigen, wie ein gemütliches Altern funktionieren könnte. Damit ist nicht gemeint, dass wir Fitness und Aktivität abstellen und nicht mit farbenfrohen Rollatoren zu Parties gehen sollten. Mit Gemütlichkeit meine ich, einigermaßen stoisch die normalen Lebensschritte, die wir eh alle werden gehen müssen, zu akzeptieren. Es bleibt zu hoffen, dass meine Generation dem Idiotismus des körperlichen „Forever Young“ sowie dem damit aufgebauten immensen Druck bald entsagt: Kein Viagra, kein Bodylifting, keine Boy-Toys und jungen Gespielinnen, die allesamt nur Substitutionen sind, aus denen wir vermeintlich Jugend und Hoffnung auf Unendlichkeit geradezu vampirartig heraussaugen.

Einsamkeit und Gemeinsamkeit im Alter

Momentan zeigt der Wohnungsmarkt in Deutschland einen interessanten Trend auf: Es werden künftig immer mehr Wohnungen benötigt, da sich das Single-Dasein im Alter mit eigenem Haushalt verstärken wird. Dieser Trend paart sich mit der Zunahme der Alten, da wir ja dank der guten Lebensumstände in Deutschland immer älter werden. Der Trend ist aber auch beängstigend, denn das verspricht viel Einsamkeit in den Provinzen und Städten unseres Landes. Nun wird viel von Mehrgenerationenhäusern und selbstbestimmtem Wohnen in altersgerechten WGs gesprochen – es ist gut, dass es solche Möglichkeiten gibt und die heutigen „Alten“ uns den Weg schon mal ebnen und vorstellbar machen. Ich glaube aber, dass es so einfach jedoch nicht sein wird: Ist es nicht so, dass wir alle – je älter wir werden – unsere Marotten und Macken bekommen, die ja jetzt schon das Zusammenleben mit einem Partner schwierig werden lassen? Das Leben mit anderen, eigentlich fremden Menschen zu teilen, erscheint mir angesichts dessen umso anstrengender. Vielleicht ist es das, was Großeltern trotz Alleinseins meinten, als sie in ihrem Alter keine neuen Freundschaften mehr schließen wollten. Doch was machen diejenigen, wie ich, die im Alter ohne Familie sein werden? Sei es, da sie nie eine Familie gegründet haben, sei es, weil Kinder am Ende auch kein Garant für Gemeinschaftlichkeit im Alter sind. Die Planung ist schwierig. Oft lese ich, dass es gut sei, bereits mit 50 in eine WG zu ziehen, damit man sich frühzeitig daran gewöhne – doch würde ich mit 50 schon einen solchen Schritt gehen und damit zugeben: ‚Mann, ich werde alt!‘? Sicher ist, dass ich und andere in keiner kuscheligen Großfamilie alt werden, wo Kinder und Enkel sich aufopfernd und liebevoll um mich kümmern werden. Wir sollten uns auf eine Art Alleinsein mit anderen einstellen – sofern unser körperliches Befinden dies zulässt.

Die größte Angst vor dem Altwerden

Dass das Sterben nicht schnell geht. Langsames, einsames, schmerzvolles Sterben, körperlicher Verfall – ohne Geld! Das ist mein purer Horror. Nicht mehr körperlich und geistig in der Lage zu sein, selbstbestimmt das Leben zu leben. Sich selbst – wie ein Zuschauer – von außen beim Zerfall zu betrachten. Wahrscheinlich ist das die Angst von 90 Prozent aller Menschen. Ich hoffe, dass wir in Deutschland einmal – und zwar sehr bald – niederländische Verhältnisse haben werden und Sterbehilfe legitim sein wird. Um den Tod zu bitten, ist schon schlimm genug und wenn ärztliche Moralapostel und Kirche mein selbstbestimmtes Sterben verhindern dürfen, dann ist das mehr als eine Zumutung. Sie nehmen mir meine Selbstbestimmtheit. Und ja, Geld spielt eine extrem wichtige Rolle. Es macht einen Unterschied, mit einer angemessenen Rente, die über die reine Existenzsicherung hinausgeht, in den Ruhestand zu gehen. Das beruhigt und bietet die Möglichkeit, sich bessere Seniorenheime – oder wie es im Osten der Republik so schön hieß: Feierabendheime – leisten zu können. Oder ein Überwintern auf den Kanaren, der schmerzenden Knochen wegen. Ich verlasse mich keinesfalls auf die Rente oder andere staatliche Unterstützung, das ist für unsere Generation keine Option mehr. Wir können nur so weit und so viel zusätzlich vorsorgen, wie das unsere jetzigen Jobs finanziell hergeben – nicht in jedem Fall wird das reichen. Mein Angst-Bild einer Altersarmut verkörpert die alte Frau mit einer 1-Zimmer-Hinterhof-Wohnung in Neukölln mit Ofenheizung, beschämt Flaschen sammelnd – ein naturalistisches Bild.

Das ideale Altsein

Schwierige Vorstellung. Ab wann bin ich alt? Die Definitionen verschieben sich stets, wir sprechen von Silber- und Golden-Agern. Manchmal sind schon Fünfzigjährige alt und Siebzigjährige aufgrund ihrer Fitness und geistigen Wachheit nicht als solche zu erkennen – und damit auch scheinbar nicht alt. Also, ab wann bin ich alt? Wenn ich merke, in der Berufswelt nicht mehr ganz mithalten zu können, mir jugendliche Trends kryptisch erscheinen, ich vergesslich werde, mir Energie für 100 Sachen fehlt? Wenn ich krank werde, wenn Krankheit mein Leben bestimmt? Wenn ich keine Lebensqualität mehr habe, mir nutzlos vorkomme? Aber vielleicht sehen wir Deutschen auch alles zu pessimistisch. Warum sollten wir kein Ideal vom Altsein und besser gleich noch von der Vorstufe des Altwerdens haben? Wie zuvor gesagt, das Optimum ist, gemütlich und ohne Druck alt zu werden. Schön wäre es, noch einen Partner an seiner Seite zu haben, Ruhe und Gelassenheit zu finden, keine Verbitterung. Altwerden ist sicher kein Kindergeburtstag. Oder wie es der Autor Philipp Roth ausdrückt: „Altwerden ist kein Kampf, es ist ein Massaker“. Relativ schmerzfrei und schnell sterben wäre schön und bis dahin noch ein erfülltes, mit Freunden umgebenes, neugieriges und lustiges Leben zu leben. All das in ausreichender Lebensqualität und in Akzeptanz des natürlich Unvermeidbaren zu leben, wäre schon ein Privileg.

Comments
  1. Ulrike Block-v. Schwartz
  2. Regina Hirschmann
  3. AlphaAger;-)

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