Gemeinsam sind wir gut verträglich

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Die Rollberg-Hausgemeinschaft

Nun leben sie in Beton, einer Siedlung aus den 70er Jahren, dem Rollbergviertel in
Neukölln. Über fünftausend Menschen wohnen hier, auch noch alteingesessene Neuköllner und wei
tere 30 Nationen: Türken, Russen, Rumänen, Palästinenser, Libanesen, Afrikaner und viele, viele Kinder. Der Lärm vom Spielplatz war für Bernd Jürgen Gerdes (63) mit ein Grund, dort wieder auszuziehen. Aber nicht weit weg. In drei Minuten ist er von seiner neuen Bleibe in der
Falkstraße 25, dort wo auch all die anderen wohnen, die er kennt, die er mag, weshalb er überhaupt nach Neukölln gezogen ist.

All die anderen? Das sind vier Männer und sieben Frauen, davon zwei Paare, die sich zusammen gefunden haben, um viel Zeit gemeinsam miteinander zu verbringen. Aber sie wohnen nicht zusammen, sondern getrennt, jeder in seinen eigenen vier Wänden innerhalb der Wohnanlage. Ihr Motto ist: »Allein Wohnen in Gemeinschaft«, abgekürzt: AlwiG.
Der Grund weshalb sie so leben wollen?

»Sagen wir mal so«, meint Bärbel Ristow, Mitbegründerin der Initiative, »wir werden älter, und wir fragten uns: wie geht es weiter, wenn wir nicht mehr so gut drauf sind? In dieser Hausgemeinschaft sind wir nicht allein, hier achtet einer auf den anderen. Das bedeutet nicht, dass wir Pflegedienste übernehmen. Das können und wollen wir nicht leisten. Aber wir sind füreinander da. Das ist
ganz wichtig.«

Es ist ein bunt gemischter Haufen, der sich im nicht so rühmlichen Neukölln zusammengefunden hat. Lehrerinnen, Sozialarbeiter, Ärzte, Buchhalterinnen sind dabei, Menschen mit guter und »nicht so doller« Rente, sprich Ein- und Auskommen. Aber eines ist allen gemeinsam. Sie sind über 60 Jahre alt und in Sorge um das Alter, um das, was kommt und es verbindet sie auch die Angst vor dem Alleinsein.

Über ihre Vorstellungen, ihr Engagement hat die Gruppe einen Glyer gemacht. Sie beschreibt darin, sie sie auf die Idee gekommen ist, ein solches Wohnprojekt zu initiieren.

»Wir sind entstanden nach dem Modell des Dresdner Vereins AWIG (Alt-Werden in Gemeinschaft e.V.), der in Publik-Forum, einer ökumenischen Zeitschrift kritischer Christen, vorgestellt worden war. Überwiegend christlich-humanistisch geprägt sind wir offen für Menschen mit unterschiedlichen Lebensormen und Weltanschauungen. Wir wollen ein achtsames, ökologisch nachhaltiges Leben mit sozialem Engagement führen.“

Weiter schreibt die Gruppe in ihrer Selbstdarstellung: »Wir möchten durch gemeinsame Lebensweise Vereinsamung vermeiden und so zum Erhalt unserer psychischen und physischen Gesundheit beitragen“.

Die sieben Frauen und vier Männer wollen mit ihrer Art zu leben dem Gang ins „betreute Wohnen“ oder ins Altersheim vorbeuten. Sie wollen so laange es irgend geht selbständig bleiben. „Es kann nicht geschehen, dass eine plötzlich auftretende Krankheit unbemerkt bleibt und durch ausbleibende Hilfe schwerwiegende Folgen eintreten.«

Das Zusammenleben in der eigenen Wohnung unter einem gemeinsamen Dach hat viele Vorteile: Die Kinder wissen, dass ihre Eltern gut versorgt sind, der Vermieter ist den ständigen Wechsel von Mietern los, es ist ein weicher Übergang vom Berufsleben ins Rentenleben, ins Älterwerden mit abnehmender Flexibilität, quasi nach dem Spruch: »Mancher meint, es sei noch nicht so weit. Doch, wenn es dann soweit ist, ist es meist zu spät.“

Aber da sage mal einer, die über 60-Jährigen wären nicht flexibel. Heidi Bruns (68) war Grundschullehreren, allein erziehende Mutter. Ihr Leben lang. 65 Jahre hat sie in der Lüneburger Heide gelebt. Dann wurde sie im Juli 2008 pensioniert. Drei Wochen später war sie in Berlin, in Neukölln, in einer Wohnung in der Rollberg-Siedlung. Von diesem Zusammenschluss von Menschen, die gemeinsam im Alter leben möchten, hatte sie aus der Zeitung erfahren. In den letzten Jahren fühlte sie sich in Celle sehr alleine, jetzt kann sie ein Leben führen, wie sie es will, selbstbestimmt und mit einem großem Interesse an Kultur. »Das geht ja in Berlin besonders gut, da ist das Angebot wirklich enorm groß, und irgendwie fühle ich mich durch die Gemeinschaft mit den anderen geborgen.«

Viele Lebenswege führen nach Neukölln, ins Rollbergviertel, in die Mietwohnungen einer typischen Betonhaus-Siedlung.

Manfred Hassemer-Tiedeken ist mit 61 Jahren einer der jüngsten in der Gruppe. Er steht kurz vor seiner Rente und gehört zu den Mitbegründern von AlwiG. Noch arbeitet er als Krankenpfleger in Rüdersdorf, nahe bei Berlin. Dort hatte er mit seinem Lebensgefährten und heutigen Ehemann ein eigenes Haus gehabt, mit großem Garten und vielen Tieren. »Zum ersten Mal in meinem Leben wohne ich jetzt zur Miete. Ich bin hier in erster Linie, um frei zu sein. In dieser Wohnung habe ich keine Verpflichtungen wie bei einem Haus und den Tieren. Hier kann ich die Tür abschließen und einfach weggehen. Mein Partner und ich wollen nun viel reisen. Das ist jetzt ganz einfach möglich und das finde ich wunderbar.«

Manfred Hassemer-Tiedeken ist nicht der einzige, der im eigenen Haus gelebt hat. Auch Gudrun Haering-Hardt zog weg vom Eigenheim mit Garten. Sie tauschte Friedrichsdorf bei Gütersloh mit der Bundeshauptstadt. Auch sie gehört zu den Gründern von »Allein Wohnen in Gemeinschaft«.

Angefangen hat alles 2004. Damals waren zeitweise über 20 Menschen von der Idee »Neues Wohnen, Leben im Alter« begeistert. Konzepte wurden entwickelt, es wurde diskutiert und gestritten, gemacht und getan. Viele Häuser besichtigten sie in Berlin, begutachteten Grundstücke. Die einen wollten in einem schönen alten Haus wohnen, andere ökogerecht neu bauen. Pläne wurden geschmiedet, wieder verworfen. Bei dem Wohnkonzept war wichtig, dass das Finanzielle nicht ausschlaggebend sein sollte. Das angestrebte Modell sollte es jedem ermöglichen, mitzumachen. Also: Eigentum sollte wegfallen, adieu Gründerzeitvilla.

Über 40 Projekte wurden angeschaut, über 40 Projekte wurden wieder fallen gelassen. Vier Jahre eine geeignete Bleibe zu suchen, ist eine lange Zeit. »Die Vorstellungen vom Wohnraum waren ziemlich hoch gehängt«, erzählte die 70-jährige Gudrun Haering-Hardt. »Aber wir wollten nicht noch weitere vier Jahre nach was Passendem suchen, wir wollten unsere Idee auch leben. Und wenn es sein muss, eben auch in Beton.«

Per Zufall kam dann das Angebot der Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land. Sie machte der Gruppe Vorschläge, war bereit auf deren Wünsche und Ideen einzugehen. In der Rollberg-Siedlung waren genug Wohnungen frei. Das Interesse der Vermieter war auch, ein anderes Publikum in die Neuköllner Häuser zu bekommen. Außerdem engagiert sich diese Wohnungsbaugesellschaft für »altengerechtes Wohnen«, gemeint sind damit ein geräumigeres Bad, breitere Türen, damit auch die Mieter mit Rollstühlen oder einem Rollator sich in der Wohnung bewegen können.

So allerdings wurden die neuen Wohnungen für die beiden Paare und die sieben Einzelpersonen nicht umgestaltet. Dafür wurden zum Teil Balkone und kleine Wintergärten angebaut, Wände durchbrochen.

Für viele in der Gruppe ist dieses Leben wirklich neu. Iris Bührmann hat immer in Wohngemeinschaften gelebt, später allerdings nur noch mit ihrer Tochter. Nun ist die 62-Jährige zum ersten Mal allein in einer Wohnung. Sie übersiedelte von München, von Bayern nach Preußen. Dafür gab es mehrere Gründe: »Ich hatte keine Arbeit mehr, (die Firma wurde dicht gemacht), kein Kind mehr (die Tochter war volljährig und in diesem Fall wollte sich die Mutter vom Kind abnabeln) und keine Wohnung mehr (das Haus wurde verkauft und in Eigentumswohnungen umgewandelt).« Schnell stand ihr Entschluss fest: »Jetzt geh ich nach Berlin«. Per Mundpropaganda hatte Iris Bührmann von dem Wohnprojekt gehört und sich spontan entschlossen, mitzumachen.

Neue Wohnmodelle

Mitmachen ist heute nicht mehr so einfach. Die Gruppe ist geschlossen. Zunächst werden keine neuen Menschen mehr aufgenommen, nun heißt es erstmal »sich formieren, auseinandersetzen, zur Ruhe kommen«.

Streit? Ja, ja die Gruppendynamik. »Aber bisher konnten wir alle Probleme, Animositäten und Streitereien klären. Das wird zwischen den einzelnen Personen gemacht, aber es gab auch schon Zusammenkünfte von allen, um die Schwierigkeiten, die bestanden, aus dem Weg zu räumen.«

Mindestens zweimal in der Woche treffen sich die Projektmitglieder. Montags im Plenum und freitags zum Kochen und Essen. Aber es gibt zusätzlich viele Dinge, die sie gemeinsam unternehmen. Dazu zählen Urlaub und Wandern, ins Theater und ins Kino gehen, sich um den Stadtteil kümmern, im Mieterbund mitmachen, Schularbeiten beaufsichtigen, Kindern vorlesen. Das gehört auch zum Konzept des »Allein Wohnen in Gemeinschaft.« »Wir engagieren uns in unserem Wohngebiet sozial-verantwortlich, jede und jeder so, wie es für sie/ihn angemessen ist«, heißt es in dem Flyer.

Alle, die nun im Rollbergviertel wohnen, wollen sich in ihrem Kiez einbringen, dazu gehören. Angst in Neukölln? Nein, das hat niemand von den 60- bis 70-Jährigen. Sie meinen, diese unruhigen Zeiten seien zwar nicht ganz, aber immerhin ein bisschen vorbei. Sie kennen die Geschichte des Milieuromans »Arabboy«, den die ehemaligen Sozialarbeiterin Güner Balci aus Neukölln geschrieben hat. Eine Szene in diesem krassen Buch beschreibt den Missbrauch eines Jungen durch die Hauptfigur des Romans, Rashid, der sich in den Kellern ihres Siedlungsbaus abspielte.

Die Gruppe hat guten Kontakt mit den Nachbarn, es entwickeln sich Freundschaften.

Nicht allein im Alter sein, zusammen mit anderen in Wohngemeinschaften leben, mit vielen ein Haus kaufen, in den eigenen vier Wänden in einem Mietshaus leben, mit Gemeinschaftsraum, vielleicht auch einem Musikzimmer, einer Bibliothek, »Jung und Alt unter einem Dach«, die Wohnmodelle, die ausprobiert werden, sind vielfältig. Die Gesellschaft passt sich den Veränderungen an. Was früher die Großfamilie, eine Dorfgemeinschaft und die Eckkneipe an Kommunikation, Zusammensein und Zusammenhalt leistete, wird heute durch neue Wohn- und Lebensformen ersetzt. Kommunikation findet auch im Internet statt. Schauen Sie doch mal unter »Leben und Wohnen im Alter« nach, Sie werden lange damit beschäftigt sein, zu entdecken was da so alles »auf dem Markt« ist.

 

 

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