Was auf die Ohren

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Batphones – Hören wie Fledermäuse

Sind Ihre Ohren in die Jahre gekommen und verweigern Ihnen zunehmend den Dienst? Können Sie geräuschvollen Tischgesprächen nicht mehr einwandfrei folgen? Brechen bestimmte Konsonanten weg, verzerren die Sprache und machen sie miß- oder gar unverständlich? Müssen Sie zur Freude Ihrer Nachbarn die Lautstärke des Fernsehers nach oben regulieren? Sogar Vogelzwitschern, das Rascheln der Blätter und, o weh, Verkehrsgeräusche bleiben auf der Strecke?

Sollten Sie mindestens zwei von diesen Fragen mit Ja beantwortet haben, dann stehen Sie nicht alleine da. Etwa 19 Prozent der Gesamtbevölkerung über 14 Jahre hat eine verminderte Hörfähigkeit.
Was tun? Ein Hörgerät muss her? Eins von diesen immer kleiner und unsichtbarer werdenden Teilen mit einem winzigen digital gesteuerten Mikrochip? Oder eingebaut in die Bügel einer Brille?
Besonders leistungsstarke Hörgeräte sind heutzutage so weit entwickelt, dass man sie kaum oder gar nicht mehr sieht. Diese elektronischen Hightech-Zwerge erinnern ein wenig an das Ersatzmittel für die Brille: die Kontaktlinsen, die den Träger nicht länger als Brillenschlange diskreditieren, wenigstens nicht auf den ersten Blick. Man könnte sagen, die Hör-Minis sind der versteckte Floh im Ohr, das hörende Heinzelmännchen, aber auch Tarnkappe für den verteufelten Prozess der Hinfälligkeit, Tribut an die Illusion von ewiger Jugend. Denen, die sich diese Kleinstgeräte nicht leisten können, wachsen weiterhin die Ersatzlauscher wie mutierte Blumenkohlröschen zu den Ohren heraus.

Wer nicht mehr gut hört, sich mit dem eingeschränkten Hörverständnis nicht arrangieren will, hat nun die Qual der Wahl, kann aber auch noch ein bisschen auf die clevere Alternative, die der Jung-Designer Matthias Ries entwickelt hat, warten. Er hatte die pfiffige Idee, über ein Paar Riesenohren wieder an die Geräusche der Außenwelt anzudocken. Sie erinnern an die von Fledermäusen, die dank des von ihnen genutzten Ultraschallsystems perfekt für frontales Hören geformt sind.

Bei Vorlesungen an der Uni machte er, wie alle anderen Zuhörer in den letzten Reihen auch, die Erfahrung, dass er dem Professor nicht folgen konnte, da zu viele Nebengeräusche die Vorlesung störten. Nahm er allerdings seine Hände als Hörverstärker zu Hilfe, geriet die eigentliche Klangquelle in den Fokus und die Rede wurde verständlicher. Probleme gab es jetzt nur, weil er die Hände nicht mehr frei hatte, um gleichzeitig Notizen machen zu können.

Diese etwas umständliche Art des Zuhörens setzte Ries um in eine praktische Anwendung: seine Batphones. Sie unterstützen das erlahmte Ohr, indem sie eine breitere Spanne von Schallwellen auffangen können und so die Sprechquelle trichterförmig einrieseln lassen – eine einleuchtende einfache Methode.

Diese lustigen Hörmuscheln werden wie Kopfhörer aufgesetzt und vergrößern dadurch den Resonanzraum für ankommende Schallwellen. Sie werden selbstbewusst und offen zur Schau getragen als Zeichen dafür, dass das Interesse an der Wahrnehmung der Umgebung nicht erloschen ist, sondern im Gegenteil offensiv verfolgt wird.

Mit Hilfe eines Hörakkustikers führte er physikalische Tests durch, die schwarz auf weiß ergaben, dass die künstlichen Ohren »ausgerechnet die hohen Tonbereiche, sprich die k- und die s-Laute, das Vogelzwitschern, die im Alter als erstes wegbrechen«, deutlich verstärkten und wie eine Art Radarsystem funktionierten, also die auditive Wahrnehmung eindeutig verbesserten. Ries hat diese Erkenntnisse aufgegriffen und für seine Hörschirme ein innovatives, gleichzeitig einfaches Design kreiert.

Die Ries’schen Megaohren verweigern sich dem Trend, die Zeichen von körperlichen Einschränkungen zu verstecken. Sie machen der Ideologie der visuellen Manipulation den Garaus und kommen ganz groß heraus: als Fledermaus-, besser: Elefantenohren der besonderen, nämlich der afrikanischen Bauart. Nach dem Motto: Zeigt her eure Ohren!

Auch wenn die Batphones eine äußerst sinnvolle wie nützliche Erfindung sind und es schon Nachfragen von Privatpersonen aus den USA, von Freiluftkinoveranstaltern, Kostümbildnern am Theater gab, in Serienproduktion sind sie bedauerlicherweise noch nicht gegangen. Die Herstellung eines Prototyps wäre finanziell wohl noch zu stemmen, doch danach beginnen ernsthafte Probleme: zum einen der teure Vertrieb, zum anderen aber die sehr hohen Kosten des TÜV für die Unbedenklichkeitsbescheinigung, also eine entsprechende Absicherung gegen Unfallschäden. So bleibt die Idee, die Ersatzohren im Supermarkt oder einer Drogeriekette zu einem erschwinglichen Preis kaufen zu können, vorerst eine Illusion. Ebenso meine liebste Vorstellung: mit meinen Freunden beim nächsten gemütlichen Essen in einer bunten Elefantenrunde zusammen zu sitzen.

Klar leisten sie nicht das, was moderne, sehr teure, individuell angepaßte Hörgeräte zu Gehör bringen und könnten diese nicht ersetzen. Aber sie könnten eine gute Alternative bei leichten Hörproblemen sein und in Frontalsituationen zum Einsatz kommen, z. B. wie gesagt beim Fernsehen, bei Vorträgen, in Kino, Theater, Konzerthalle. Vielleicht ließe sich so auch der Stammtisch oder das Kaffeekränzchen neu beleben und schon hätten wir einmal mehr ein Kommunikationsproblem gelöst – nicht mehr die waisenhaft herumschwirrenden Töne würden ihre Gäste berauschen, sondern endlich wieder der edle Riesling oder das gut gekühlte Pils zur gepflegten Unterhaltung.

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