Alles auf Anfang – wieder die Schulbank drücken

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Hannelore Thiele im Ruhestand
Eigentlich wäre ich am liebsten Kindergärtnerin geworden. Aber mit 37 Jahren sagte man mir, ich wäre zu alt für diesen Beruf. Eine Ausbildung fürs Büro wäre da angebrachter.« Dies war die Auskunft, die das Arbeitsamt 1977 der gelernten Einzelhandelskauffrau gab, die 15 Jahre nicht mehr berufstätig war. In diesen Jahren hat sich Hannelore Thiele, heute 73 Jahre alt, um Haushalt, Kinder und ihren Mann gekümmert.

Heute, im Ruhestand, kann sich Hannelore Thiele zumindest ein wenig ihrem einstigen Wunschtraum erfüllen. Sie ist Lesepatin in der Nehring-Grundschule in Charlottenburg.

Mit unglaublicher Geduld widmet sich Hannelore Thiele den Kindern, übt mit ihnen Buchstaben um Buchstaben zu erkennen und zu einem Wort zusammenzufügen. Achtzig Prozent der Jungen und Mädchen sind Kinder, deren Eltern zu Hause meist eine andere Sprache sprechen, eben nicht deutsch. Gerade für sie ist die Hilfe der Lesepaten so wichtig. Mit Kindern umgehen, das kann die ehemalige Kassiererin einer Berliner Sparkasse, und es macht ihr Spaß. Sie hat wieder eine Aufgabe gefunden, die wichtig ist, durch die sie Kontakt zu anderen Menschen gefunden hat, die sie erfüllt.

Denn das war nicht immer so in der Zeit nach ihrem Berufsleben. Der letzte Arbeitstag, der war noch prima, garniert mit einer ganz großen Überraschung, die ihr die Tochter Daniela und ihr Sohn Oliver bereiteten. In einem geschmückten Oldtimer, mit einem Schild versehen, auf dem »Just in Rente« stand, wurde die frisch gebackene Ruheständlerin durch Berlin chauffiert. Von Filiale zu Filiale der Sparkasse, in denen sie in den letzten Jahren gearbeitet hatte. Gefeiert wurde überall, mit Sekt, Kuchen und guter Laune.

An den nächsten Tag, ihren ersten Tag im Leben als Rentnerin, erinnert sich Hannelore Thiele nicht mehr. Aber an die folgenden Tage und Wochen. Kaffee trinken, durch die Kaufhäuser streifen, das machte sie auf die Dauer nicht zufrieden. Dann kam auch noch das Wochenende.

Hannelore Thiele wohnt zentral in einer Zwei-Zimmer-Wohnung am Ku-Damm. Unter ihr ist eine Sparkasse. Um 17 Uhr stand sie auf der Straße und beobachtete die Menschen, die das schöne Wochenendgefühl erleben durften, das ihr als Rentnerin nun verwehrt ist. Ja früher, da ging sie am Feierabend mal in die Konditorei, mit Freunden und Bekannten ins Kino, mal ins Restaurant.
Heute ist jeder Tag ein freier Tag, hat seine Struktur verloren. Der Feierabend fängt schon mit dem Frühstück an. Die Frage stellt sich nun anders: Wie gestalte ich den Tag, wie komme ich durch den Tag, was mache ich nur …

Hannelore Thiele erinnert sich auch noch an ihr letztes Arbeitsjahr. Immer, wenn es mal stressig war, zu viel Arbeit auf einmal erledigt werden musste und sie ausgelaugt war, sagte sie sich: »Denk daran, im nächsten Jahr würdest du gern arbeiten gehen, aber dann geht es nicht mehr.« – Gedanken, die wohl viele Rentner und Rentnerinnen kennen.

Trotzdem, das Berufsleben war nicht das Wichtigste im Leben von Hannelore Thiele. Wer verheiratet ist, Kinder erzieht, in einer großen Wohnung lebt, der hat auch anderes zu tun. Ihrem ganzen Haushalt widmete sich Hannelore Thiele 15 Jahre. Das war auch der Wunsch ihres Mannes. Das Paar stand noch in der Tradition von heute veralteten Vorstellungen: Eine verheiratete Frau arbeitet nicht, für den Unterhalt der Familie sorgt der Mann.

»Mein Mann hat nie eine Windel gewechselt. Wenn ich dagegen heute das Leben meiner Tochter sehe, ist das alles ganz anders.« Tochter Daniela ist verheiratet und hat einen vier-jährigen Sohn, um den sich die Großmutter gern kümmert. »Aber der Ehemann und Vater von Jonah kümmert sich genauso wie Daniela um das Kind und den Haushalt, da gibt es keine Unterschiede.«

Andere Wege gehen, nicht auf Haushalt, Ehefrau und Mutter beschränkt sein, das war vor Jahren ein Traum von Hannelore Thiele. Nach der Eheschließung 1961 und der Geburt ihres ersten Kindes Oliver ist die Familie von Friedenau an den Rand von Berlin gezogen: »Ziemlich an das Ende der Heerstraße. Da saß ich dann. Weit ab von allem, isoliert, mit wenig Kontakt zu anderen Menschen. Im Radio hörte ich die Beatles. Flower Power. Es waren die 70er Jahre. Die Beatles haben mich wach gerüttelt. Ich wollte raus, raus aus der Rolle, raus aus dem gelebten Klischee.«

Die Emanzipation führte schließlich 1977 zur Scheidung. Ein gewaltiger Schritt und eine besondere Leistung für die bis dahin nicht gerade selbständige Frau. Hannelore Thiele verlässt mit ihren Kindern die Wohnung dort, weit, weit draußen. »Eigentlich wäre ich gern wieder nach Friedenau gezogen, aber in dieser Zeit war es in Westberlin sehr schwer, eine Wohnung zu bekommen. Wir fanden drei Zimmer in Lankwitz. Und ich begann eine Ausbildung als Bürokauffrau. Denn für meinen Traumberuf, Kindergärtnerin, war ich mit 37 Jahren ja zu alt. Es war eine harte Zeit, aber mir ging es gut. 1979 bekam ich dann eine Stelle in einer Sparkasse. Zuerst arbeitete ich in einer Filiale in Lankwitz, danach in der Friedenauer Rheinstraße. Bei der Sparkasse habe ich mich weiter zur Bankkauffrau ausbilden lassen und danach als Kassiererin gearbeitet. Oft war es eine anstrengende Zeit, der Beruf und die Kinder, aber es war gut so.«
Dann gingen Daniela und Oliver aus dem Haus, die Wohnung war für die Mutter allein zu groß. Der Umzug stand an. Seit 1995 wohnt sie am Kurfürstendamm. Eine feine Adresse. Aber nach dem Ende ihrer Arbeitszeit war das nur Aus-dem-Fenster-schauen, »wer sitzt schon gern allein auf dem Balkon« kein Tagesprogramm. Der Neid auf die Mitarbeiter der unten gelegenen Sparkasse wurde immer größer. Da kam der Zufall zu Hilfe.

In einer Nebenstraße machte ein Golfgeschäft auf. Zufällig kam Hannelore Thiele vorbei, sprach einen der dort arbeitenden Männer, der mit dem Einrichten des Ladens beschäftigt war, an. Ob auch der Geschäftsführer oder die Geschäftsführerin im Hause sei, war ihre Frage. »Ich bin der Geschäftsführer.« Nach einem kurzen Gespräch hatte die gelernte Bankkauffrau einen 400-Euro-Job als Verkäuferin. Es gefiel ihr, einmal in der Woche den ganzen Tag gefragt zu sein, mit Kollegen und Kolleginnen zu plauschen, sie hatte Erfolgserlebnisse, mochte den Kontakt mit den Kunden. Kurz es ging ihr gut.

Nun konnte sie auch wieder genießen, machte sich fit bei der Wassergymnastik, freute sich über ein Treffen mit Freunden, ging vergnügt ins Kino. Aber einer weiteren Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, das traute sie sich nicht mehr so recht: in der Disco so ganz für sich tanzen. »Ich denke, die Zeit ist leider vorbei.« Fünf Jahre arbeitete Hannelore Thiele in dem Golfgeschäft, dann
musste sie das Verkaufen aufgeben. Das Geschäft machte zu.

Im Tagesspiegel entdeckte sie einen Artikel über Lesepaten und glaubte darin eine neue Aufgabe für sich gefunden zu haben. Eine Aufgabe, von der sie so lange geträumt hat: mit Kindern zusammen sein, sie fördern, ihnen helfen.

Besonders stolz ist die Lesepatin Hannelore auf einen Erstklässler. Der Junge ist aufmerksam, interessiert, phantasievoll. Zu Beginn seiner Lesestunde schleppt er ein dickes Lexikon an. Hannelore ist etwas irritiert. Der Sechsjährige blättert und blättert. Er sucht das Wort »Mexiko«, denn dieses Wort gehört zu einer Aufgabe im Schulheft. Das Alphabet wird mehrmals wiederholt, »x« ist eben ziemlich am Ende. Dann haben der Schüler und Hannelore das Wort »Mexiko« in dem dicken, schweren Buch gefunden. Was aber über Mexiko so alles in dem Lexikon steht, überfordert dann doch die Lesefähigkeit des Sechsjährigen. Die Lesepatin übernimmt.

Hannelore Thiele fühlt sich wohl in der Schule, steht dafür gern früh auf. Trotzdem, einmal in der Woche, genügt ihr das. Schließlich ist sie ja auch Großmutter. Ihre 40-jährige Tochter erfüllt sich ihren Traumberuf. Sie will Grundschullehrerin werden, arbeitet an ihrer Diplomarbeit. Dann tauscht Hannelore Thiele schon mal die Wohnung mit Daniela, damit diese ganz in Ruhe lernen und studieren kann. Manchmal haben Töchter doch bessere Chancen als ihre Mütter.

Heute ist das Leben von Hannelore Thiele wieder in den Fugen. Die Rentnerin freut sich darüber, nicht mehr jeden Tag zur Arbeit zu müssen, genießt es, die Zeit nach eigenem Belieben einteilen zu können. Sie geht schwimmen, wandert, macht häufig Handarbeiten.
Ein Wunsch ist allerdings noch offen: In der Nehring-Schule gehört Handarbeit nicht zum Unterrichtsstoff. Gern würde sie den Kindern ihre Fähigkeiten im Stricken, Häkeln und Sticken beibringen. Sie hat darüber auch schon mal mit den Lehrern gesprochen. Aber noch ist nichts daraus geworden.

Vielleicht das nächste Mal …, denn Hannelore Thiele hat nun Zeit, sie ist versöhnt mit ihrem Rentnersein, dem Rentnerleben.

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