Lebensort Vielfalt

 

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Nicht nur für wilde Jungs…

Das Ziel ist erreicht, ihr Traum in Erfüllung gegangen, sie richten sich ein in dem Haus, in dem sie nicht einsam, sondern gemeinsam ihren Lebensabend verbringen wollen, nennen es »Lebensort Vielfalt«: 35 Personen, die vor neun Jahren im Rahmen des Projektes »Schwule Senioren« nach einer gemeinschaftlichen Lösung für das allen am Herzen liegende Thema ›Wohnen im Alter‹ zu suchen begannen. Im »Netzwerk Anders Altern« wurden die verschiedenen Vorstellungen mit Hilfe der Selbsthilfeorganisation Schwulenberatung Berlin in regelmäßigen Sitzungen diskutiert, Pläne geschmiedet, das Projekt vorangetrieben. Jetzt können die Teilnehmer dieser Runde stolz auf die Realisierung ihrer Wohnidee schauen.

Nach eingehenden Klärungsprozessen, wo, wie und mit wem die Idee umzusetzen sei, verschwand die anfänglich überwiegende Skepsis, solch ein Projekt überhaupt stemmen zu können. Zwei Mitarbeiter der Schwulenberatung, die mit dem Projekt beauftragt waren, fanden nach langer Suche eine geeignete Immobilie, finanzkräftige Geldgeber und die richtigen Bauherren. So
konnte das 1930 erbaute Gebäude, das zuerst als Polizeistation, später als Kinderheim genutzt wurde, 2006 gekauft und umgewidmet werden zum europaweit ersten »Mehrgenerationenhaus für schwule Männer und deren Freunde«.

Wie von den Interessenten gewünscht, sollte es lieber mitten in der Stadt, möglichst zentral, mit guter Verkehrsanbindung, netten Spazier- und Einkaufsmöglichkeiten, in einem gewachsenen sozialen Umfeld liegen und nicht am Stadtrand, abgeschieden im Grünen. Ihre Anstrengungen wurden belohnt: das stattliche Gebäude liegt mitten in einer der lebhaftesten Gegenden von Charlottenburg, in der Niebuhrstraße, nicht weit vom Kudamm, Höhe Adenauerplatz, nahe dem Einkaufsparadies Wilmersdorfer Straße, inmitten schöner Plätze und kleiner Parks.

Leben und Wohnen im Alter ist für viele homosexuelle Männer, die die 50-Jahre-Marge überschritten haben, ein vielfach mit Angst besetztes Thema. Oft haben sie keine Familie, sind ungebunden, leben vereinzelt und allein. Diskriminierung, Ausgrenzung und Verletzungen sind ihnen nur allzu bekannt. Traditionelle Seniorenhäuser hingegen sind aber immer noch eine Heterodomäne – kein Ort, verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen. Die Furcht, im Alter erneut für ihre sexuelle Orientierung angeprangert und falsch behandelt zu werden, ist zu groß und weit verbreitet. Erinnert sei an die Homophobie der Nachkriegszeit, z. B. an den § 175, der erst 1994 abgeschafft wurde.

Wohnprojekt für Schwule
Der Altbau in der Niebuhrstraße musste komplett und altersgrecht umgebaut werden und hat letztlich 5,5 Millionen Euro gekostet. Hätte man diese Riesensumme »von Anfang an gewusst, hätte sich von uns wohl niemand darauf eingelassen«, beteuert Projektleiter Marco Pulver. Doch das Glück war ihnen hold, die Stiftung Deutsche Klassenlotterie spendete nach einem zweieinhalb Jahre dauernden Antragsverfahren eine erkleckliche Summe in Höhe von 2,7 Millionen Euro. Ergänzt wurde diese Spende durch einen zusätzlichen Kredit von der Hausbank aus KfW-Mitteln, auch dieser schwer erkämpft. Das restliche Geld gab die Stiftung »Ein Platz an der Sonne« (ARD) und ermöglichte damit die Einrichtung einer Wohngemeinschaft für demente und pflegebedürftige Schwule.

Konzeption
Nach den Vorstellungen der Schwulenberatung sollte das Objekt ein Mietshaus sein, »nicht zu groß, aber auch nicht zu klein; finanzierbar und sich selbst tragend«, wie der Projektleiter sagte. Allerdings sollten nicht nur schwule Männer zusammenziehen, weil das »zu einseitig und dann wie in einem Ghetto wäre«. Also öffnete sich das Projekt auch für Frauen und für jüngere, auch heterosexuelle Männer.

Nach einer Quotenregelung sind die 24 Wohnungen zu 60 Prozent auf Schwule über 55, zu 20 Prozent auf Frauen und zu 20 Prozent auf jüngere Männer verteilt. Die Mieter und Mieterinnen sind im Alter zwischen 33 und 84 Jahren. Damit sei »die Idee eines Mehrgenerationenhauses realisiert«, betont Marco Pulver. Jeder Bewohner hat seine abgeschlossene Wohnung, meist 50 Quadtatmeter, auf eineinhalb bis zwei Räume verteilt. Es gibt aber auch Dreizimmer-Wohnungen, eine mit vier Zimmern und vier Einzimmer-Wohnungen, die an sozial Schwächere nach Maßgabe von Hartz IV vergeben wurden. Alle sind mit einem individuell gestalteten Bad, einer eigenen Küche und einem Südbalkon ausgestattet.

Zum Konzept des Seniorensitzes gehören nicht nur die 24 Wohnungen, sondern auch ein Gemeinschaftsraum, der allen zur Verfügung steht und nach Lust und Laune genutzt werden kann, zu gemeinsamen Treffen wie Mieterversammlungen, kleinen Feiern, zum Spielen oder einfach nur zum Plaudern. Von hier aus gibt es einen direkten Zugang zum großen Garten im Innenhof. Zur Straße hin gewandt, sind dem Bau auf drei Etagen je ein Balkon zugefügt, die gemeinschaftlich genutzt werden können. Eine kleine Gästewohnung für Besucher ist angedacht. In einem Extraraum wird es eine schwul-lesbische Bibliothek geben. Nicht nur die Sammlung, sogar ein Bibliothekar wird mitgeliefert.

Wohngemeinschaft für demente Schwule
Für einen besonderen Kreis von dementen bzw. pflegebedürftigen Menschen wurde eine Wohngemeinschaft eingerichtet. Diese acht Personen teilen sich eine ca. 250 Quadtatmeter große Wohnung. Jeder hat sein eigenes Zimmer, gemeinsam nutzen sie den sehr geräumigen Wohnraum mit integrierter Küche und Essraum. Ein extra großer Tisch, der auch für Rollstuhlfahrer geeignet
ist, wurde von einem auf solche Möbel spezialisierten Hersteller aus Eberswalde gefertigt.
Die Bewohner der WG werden rund um die Uhr betreut und versorgt. Bei der Auswahl eines Pflegedienstes fiel die Entscheidung auf einen, der von zwei lesbischen Frauen geführt wird. Ihnen traut man besonders viel Einfühlungsvermögen und Verständnis zu. Sie haben entsprechende Erfahrungen. waren schon auf die Arbeit mit Menschen mit Demenz spezialisiert und haben »einen menschenfreundlichen, modernen Ansatz, kümmern sich um ein gutes Leben dieser Menschen, wollen sich durch ihre Arbeit finanziell nicht bereichern«. Unterstützt werden sie von einem Sozialarbeiter, der täglich kommt, nichtpflegerische Aufgaben übernimmt und die Moderation zwischen Bewohnern der WG und den Mietern des Hauses fördern soll. Die anderen Mieter haben bereits ihre Bereitschaft zu allerlei Hilfestellungen für die WG-Bewohner erklärt, auch und gerade die jüngeren.

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Oscar Wilde
Der Clou des Hauses wird ein Restaurant-Café mit dem schönen Wortspielnamen »Wilde Oscar« sein. Dieser Ort ist auch und besonders als »neuer Treffpunkt in der Stadt, nicht nur für Schwule, sondern für alle, die Interesse dafür haben« gedacht, zugleich als Ort der Begegnung mit den Hausbewohnern. Einem repräsentativen Ballsaal gleich, mit Rundum-Fensterfronten, Parkettfußboden und einem direkten Zugang zum Garten, ist der stattliche Raum von 260 qm das Prunkstück des Gesamtkomplexes. Hier können Ausstellungen, Informations- und Tanzveranstaltungen, Lesungen, Talkshows, Modenschauen usw. stattfinden, die Publikum von außen anlocken und Berlin um ein weiteres kulturelles Highlight mit Gastronomie bereichern. Man wird sehen.

Es gibt bereits einen Betriebsleiter und einen Koch. Ungefähr zehn Personen werden in der Küche arbeiten, mittags Mahlzeiten anbieten, nachmittags Kaffee und Kuchen.

Ein »Integrationscafé« im weitesten Sinne, das Innen und Außen der Gesellschaft verbinden soll, in dem 50 Prozent Menschen mit Beeinträchtigungen, die von außerhalb kommen, arbeiten. Unterstützt wird Projekt von der Aktion Mensch und vom Integrationsamt, die die Gehälter in den ersten fünf Jahren übernehmen werden und damit die Schwulenberatung finanziell entlasten.

Netzwerk Anders Altern
Auch ein Teil der Schwulenberatung Berlin, nämlich das ›Netzwerk Anders Altern‹, wird seine Geschäftsstelle von der Mommsen- in die Niebuhrstraße verlegen. »Es gibt also eine Verwaltung direkt im Haus. Das Büro wird um einen Mitarbeiter aufgestockt, der sich dann mit Fragen und Angelegenheiten der Mieter speziell befasst.« Hier können Probleme der Mieter aufgefangen und behandelt sowie Außenanfragen beantwortet werden. Für den tropfenden Wasserhahn wird allerdings ein Hausmeister zuständig sein. Im Moment übernimmt der Empfang der Schwulenberatung zugleich auch die Funktion einer Conciergerie. Der Mitarbeiter, der für die ›Demenz-WG‹ arbeitet, soll diese Aufgaben erfüllen, um so eine Integration von WG und Mietern zu befördern und zu gewährleisten.
Insgesamt hat das Wohnprojekt in der Niebuhrstraße Modellcharakter und ist europaweit einzigartig. Es bietet ein intelligent verknüpftes Netzwerk von sozialen Ideen, die menschenfreundlich, klug und mit viel Liebe durchdacht sind und wegweisend für die inhaltlichen Wertvorstellungen anderer Seniorensitze sein könnten.

Mit diesem Projekt hat Berlin dank der innovativen, kreativen Potenziale einiger engagierter Leute mal wieder die Nasenspitze vorn, vor vielen anderen europäischen Städten.

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… auch für starke Mädels
Um keinen Preis in der Welt würde sie mit jemandem tauschen wollen. Auch eine Residenz am Kudamm, frei nach Tucholsky, mit Blick zur Ostsee im Norden und Aussicht auf die Alpen im Süden könnte an ihrer Entscheidung nichts mehr ändern. Sie ist jetzt endlich hier in der Niebuhrstraße und fühlt sich glücklich wie einst Bolle. Eine für sie schönere Wendung hätte ihr Leben auf die alten Tage nicht nehmen können.

Gabriele Wicke, 67 Jahre alt, Rentnerin, war in der Gründungsphase des Wohnprojekts dabei, hat selbst aktiv nach einer geeigneten Immobilie Ausschau gehalten und gehört zu den 20 Prozent Frauen, die jetzt im Lebensort Vielfalt eingezogen sind. Die Idee zu einer solchen Initiative war die eine Sache, der Umzug dann eine große Kraftanstrengung. Viel Mobiliar aus der größeren alten Wohnung musste sie zurücklassen, aufräumen, sichten und sich entscheiden, wovon sie sich trennen will. Im Nachhinein empfindet sie diesen Prozess als reinigend und wohltuend. Sie fühlt sich befreit von Utensilien, die an ihr wie Pech klebten, die sie endlich als Teil einer gelebten Vergangenheit loswerden konnte. Sie fühlt sich erleichtert ohne diesen Ballast. Die Auswahl ihrer Einrichtung jetzt passt zu ihrer momentanen Befindlichkeit.

Am wichtigsten sei ihr, dass sie nun unter Gleichgesinnten leben könne, freier atmen, eigentlich aufatmen, weil das ganze Versteckspiel als Lesbe nun ein Ende habe. Zwar hatte sie schon lange ihr coming out, empfand aber weiterhin latentes Mißtrauen, fehlende Anerkennung, Falschheit im Umgang mit ihr. In ihrem neuen Domizil muss sie sich nun niemandem mehr erklären oder sich rechtfertigen. Das sei schon mal ein großes Geschenk und würde ihr Leben grundlegend befrieden.

Natürlich ist ihr bewusst, dass es auch im Umgang mit ihren neuen Nachbarn Probleme geben kann, aber die gehören eben zum Leben dazu, sind sozusagen das Salz in der Suppe. Doch sie geht von einem ehrlicheren, offenen, aufrichtigen Umgang miteinander aus. Selbstverständlich für sie sei auch, jederzeit und entsprechend der eigenen Konstitution anderen Hilfestellungen zu geben, kleine Einkäufe und Besorgungen zu machen. Eine solche Bereitschaft erwartet sie ebenso von ihren Mitbewohnern. Auch die Frage von Nähe und Distanz sei ein ernstes Thema und müsse sich in der Praxis erstmal einpendeln.

Noch begrünt sie einen Schrebergarten, will aber ihre vielfältigen Kenntnisse zum Wohle und zur Freude der Hausgemeinschaft später im hauseigenen Garten einbringen und umreißt damit ihr zukünftiges Betätigungsfeld. Endlich gibt es auch eine Amsel im Hof, die durch ihren melodiösen Gesang ihr Glück am neuen Wohnort abrundet. Deren Sangeskunst hat sie in ihrer alten Wohnung jahrelang so sehr vermisst.

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