Teatime mit dem Roboter

Roboter 3

Eindrücke vom Kongress über Altersgerechte Assistenzsysteme
Es war eine merkwürdige Situation, als ich Anfang des Jahres im großen Saal des BCC (Berliner Congress Center) am Alexanderplatz saß als eine der wenigen so genannten »Betroffenen«, als eine Alte unter den 600 Kongressteilnehmern: Experten aus Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft. Das Thema des Kongresses lautete: »Technik für ein selbstbestimmtes Leben – 5. Deutscher AAL-Kongress«, veranstaltet vom BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) und VDE (Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik).

Das war also das erste, womit ich mich rumschlagen musste: die vielen Abkürzungen.  Vor allem bezogen auf das Thema AAL = Ambient Assistent Living. Die Überstezung wäre: Ambient wie Umfeld, Ambiente; Assistent wie Assistenz, Unterstützung, Living wie Leben.

Die deutsche Kurzform lauget: Altersgerechte Assistenzsysteme.

Darum also ging es laut Defninition: um die Entwicklung einer aus vielen Pörodukten gezsammengestzten Lösung für ein unabhängiges Leben:

1. um »eine technische Basisininfrastruktur im häuslichen Umfeld mit Sensoren (Geräte, die auf Berührung reagieen, Aktoren (Geräte, die Befehle in Handlungen umsetzen)“ und
2. um »durch Technik initiierte Dienstleistungen durch Dritte mit dem Ziel des selbständigen Lebens zu Hause durch Assistenz bei: Kommunikation, Mobilität, Selbstversorgung, häuslichem Leben.«
Es geht darum, verschiedenste technische Sensoren und Geräte zu einem Unterstützungssystem zu verbinden, die dann zu einem intelligenten, einem »smart home« werden. Die Vernetzung von Geräten der Hausinformation, Haustechnik, Konsumelektronik, Kommunikationsmitteln macht diese zu »intelligenten Gegenständen«, die sich an den Bedürfnissen der Bewohner orientieren sollen. Kurz und bündig: »die intelligente Wohnumgebung«.

Als allgemeines Ziel wurde angegeben, ein langes selbstbestimmtes Leben zu Hause zu ermöglichen, denn dieses AAL-Sysem solle außer fpr die Stuerung und Kontrolle von Wohnung bzw. Haus für alle wichtigen Bereiche eingesetzt werden: Gesundheit und Pflege, Sicherheit, soziales Umfeld. Zu dem letzteren gehört: Information im Unterhaltungsformat = Infotainment über Entertainment. Elektronische Wissensvermittlung in spielerischer Form = Edutainment

Als wesentliche Motivation für die Entwicklung dieser AAL-Systeme wird das »Altern der Gesellschaft« genannt. Ich Alte saß also da und fragte mich, wie eine Gesellschaft altern kann. »Gesellschaft« ist ein abstrakter Begriff, kann der altern? Ich allerdings altere. Und so sah ich mich – oder die zukünftigen Alten – nur noch interagieren mit technischen Geräten: Sensoren berühren, mit Geräten sprechen, die dann meine Befehle ausführen, womöglich von Blechpflegern versorgt werden: die totale Mensch-Maschine-Interaktion. In Japan werden in Pflegeeinrichtungen bereits Medikamente von Ser-vicerobotern verteilt. Die Alten werden dann in ihren vier Wänden von den Kommunikationsgeräten unterhalten, informiert und spielerisch weiter gebildet, angeleitet von Trainingsprogrammen der Bewegung mit Erfolgskontrolle und Lob. Sience-Fiction lässt grüßen.

Zu den wenigen menschlichen Kommunikationsformen werden die pflegerischen Verrichtungen gehören – so jedenfalls könnte man hoffen. Aber die heutigen Pflegekräfte aus Fleisch und Blut sollen zukünftig bei ihren Handlungen an Pflegepatienten so sprechen, dass alles gleich aufgenommen und gespeichert wird. Also: »Ich wasche den Bauch. Ich setze die Patientin auf den Stuhl.« etc. So soll das Pflegepersonal von Dokumentations- und Abrechnungstätigkeiten entlastet werden. Allen Beteuerungen zum Trotz, das alles diene dazu, Zeit zu gewinnen, um »für das Eigentliche« – was immer das ist – Zeit zu haben. Es ist kaum vorstellbar, dass ein solcher Dialog bei den pflegerischen Verrichtungen der Kommunikation mit den alten Menschen dient. Die Pflegepatientin würde sicher lieber, während sie gewaschen wird, darüber reden, wie das Wetter ist, ob es schon anfängt, Frühling zu werden, dass sie sich freue, dass heute ihre Tochter zu Besuch komme und fragen, wie es denn der Kleinen der Pflegekraft gehe. Ausdrücklich wurde ständig darauf hingewiesen, es ginge immer um die Bedürfnisse der alten Menschen, und technische Hilfsmittel sollten nicht menschliche Zuwendung ersetzen. Aber es war nur von »Nutzer und Nutzerinnen« oder dem »Faktor Mensch« die Rede – eine Sprache, die sich selbst verrät.

Roboterfrau

Erste Umsetzungen: Mögen Sie etwas trinken?
Einzelne Geräte werden bereits eingesetzt. So berichtete Der Tagesspiegel 2011 vom 4. AAL-Kongress über das »Vitasmart«: In der Wohnung einer alten Frau sind Sensoren installiert, die messen, ob und wie aktiv die Frau ist. Bei längerer Ruhe zu ungewöhnlichen Tageszeiten wird die Tochter per SMS informiert, ob alles in Ordnung ist. Dieses Gerät hat also das Ziel, Notfallsituationen zu vermeiden oder zu erkenen und ist so sicher ein Beispeil für hilfreiche Technik. Voraussetzung ist allerdings eine Tochter, die sich kümmert.

Komplizierter ist es da schon mit dem folgenden Gerät: In einem Pflegeheim in Stuttgart sitzt Fra N. in ihrem Sessel. Vor ihr steht auf dem Tisch ein Becher mit Saft. Sie soll häufig etwas trinken, aber das vergisst sie. Sie ist an Demenz erkrankt. Nun sagt eine Roboter-Stimme immer wieder geduldig: „Mögen Sie etwas trinken?“ Wie hilfreich ein solches Gerät ist, wollte ich von einem Neurologen wissen: Bei einer leichten Demenz kann eine verbale Erinnerung einen inneren Prozess in Gang setzen, der dazu führt, dass ein Patient den Becher in die Hand nimmt und ihn zum Mund führt, so dass ein Schluckreflex ausgelöst wird. Die Komplexität dieser Handlung mit ihren verschiedenen Komponenten macht aber bereits deutlich, dass diese einfache verbale Erinnerung in fortgeschrittenem Stadium der Demenz nicht ausreicht. Vielleicht muss der Becher aufleuchten, vielleicht eine individuelle Bedeutung für den Patienten dazukommen oder eine persönliche Ansprache mit Namen. An diesem Beispiel wird klar, wie kompliziert es ist, im Bereich der Pflege Technik einzusetzen, weil sowohl die Einschränkungen bzw. Krankheiten als auch die Persönlichkeiten der alten Menschen so unterschiedlich sind. Je älter der Mensch wird, desto größer ist die Heterogenität, die Variabilität aller Fähigkeiten und Einschränkungen. Gäbe es nicht einfach die Möglichkeit, Frau N. in den Aufenthaltstraum zu setzen und eine andere Heimbewohnerin, die vielleicht nicht laufen kann, zu bitten, ihre Nachbarin regelmäßig ans Trinken zu erinnern?

Die alten Menschen als Nutzer

Erste altersgerechte Assistenzsysteme werden bereits getestet. Eine Befrgung alter Menschen hat ergeben, dass die meisten sich den Einsatz von Technik im Bereich von Sicherheit, an zweiter Stelle von Gesundheit wünschen. Insgesamt werden in Deutscland Kameras in der Wohnung abgelehnt. In Großbritannien, wo Kamearaüberwachungen im öffentlichen Raum  zur Normalität gehören ist das weniger ein Problem. Die Akzeptanz ist also auch kulturell bedingt. Inzwischen gibt es erste „intelligente Häuser“, aber die Entwicklung des AAL-Systems wird noch einige Zeit brauchen, dabei liegen die Schätzungen bei zehn, fünfzehn, auch zwanzig Jahren. Die Akzeptanz in der Bevölkerung wird bis dahin größer sein, dann werden Menschen alt sein, die mit weit mehr moderner Kommunikationstechnik aufgewachsen sind.

Die Akzeptanzfrage wurde auf dem Kongress angesprochen, denn ohne diese werde die alten Menschen diese Technik nicht nutzen. Sprich: sie werde sie nicht kaufen. das war auch eine der Fragen, die kaum angesporchen wurde:Wer soll das bezahlen? Krankenkassen verweigern sich noch. Sind nur die Wohlhabenden im Blick? Oder geht es um das Ziel, die Altersversorgung für die Kassen billiger zu machen?
Und dann die Frage: Wie viel wirklich sinnvolle technische Produkte werden zur Verbesserung der Lebensqualität für alte Menschen entwickelt? Diese Frage richtet sich vor allem an die Universitäten und Forschungseinrichtungen: Sitzen dort junge dynamische Forscher am Computer und entwickeln tolle Geräte, die vergessen, frühzeitig in einen Dialog mit den Nutzern – den alten Menschen als Nutzern! – zu treten? Bei dem vielen Steuergeld, das ausgegeben wird, kommt hoffentlich Anwendbares heraus! Dazu gehört auch, die Einfachheit in der Anwendung, die so genannte Nutzerfreundlichkeit. Inzwischen braucht man ja schon zwei Fernbedienungen, um seinen Fernseher für Infotainment und Ähnliches anzumachen. Auf der anderen Seite ist für die simple Maßnahme, Häuser mit Fahrstühlen auszustatten, was vielen ermöglichen würde, in der eigenen Wohnung alt zu werden, kein Geld vorhanden.

Und natürlich geht es auch um die Interessen der Wirtschaft. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber wenn so intensiv nach dem Motto »Deutschland ist Spitze« darauf hingewiesen wird, dass dieses Land technologisch so weit vorn ist und die Entwicklung von altersgerechten Assistenzsystemen künftig die Chancen auf dem globalen Wachstumsmarkt vergrößern, dann taucht doch ein Misstrauen auf, inwieweit es wirklich um die Bedürfnisse von alten Menschen geht. Jedenfalls sind die Alten auch ein Wirtschaftsfaktor: z. B. als »Silver Traveller«, um die sich der Flughafen Frankfurt mit einigen Bewegungs-Bequemlichkeiten und -Erleichterungen bemüht, davon ausgehend, dass immer mehr alte Menschen mit dem Flieger unterwegs sein werden. Auch das große Interesse aus Wissenschaft und Forschung wurde durch die enorm vielen Kongressteilnehmer aus diesem Bereich deutlich, da die Bundesregierung eine Entscheidung getroffen hat, dass die Forschung für diese Technik mit viel Geld gefördert werden soll – und schon wird.

Robotermann

Selbstbestimmtes Leben und Lebensqualität
Aber bei der Akzeptanz sind auch wir gefragt. Entsprechend dem Tagungsmotto wurde häufig auf das »selbstbestimmte Leben« hingewiesen. Nehmen wir das also ernst, denn das können nur wir als die maßgeblichen Experten selbst bestimmen, das kann niemand anders für uns definieren. Kaufen wir also nur, was für uns an technischen Geräten sinnvoll ist. Lassen wir uns nichts aufschwatzen. Einfach wird das nicht sein, denn es ist für viele von uns – sicher auch in Zukunft – schwer zu durchschauen, was wir wirklich brauchen, was für uns gut ist. Und wenn wir das selber nicht mehr können? Hoffentlich haben wir genug Kontakte zu Menschen, die uns dabei helfen. So war es auch für mich eine Überwindung, mich mit dieser Materie auseinanderzusetzen und darüber zu schreiben, denn ich dachte immer, ich verstehe davon ja so wenig. Aber ich bin eben auch eine potenzielle Nutzerin. Jedenfalls kann ich mich informieren und Fragen stellen.

Es stellen sich viele Fragen: Was bedeutet Lebensqualität im Alter für uns alle und jeden einzelnen? Der Staatssekretär des BMBF hat am Anfang des Kongresses als ein Ziel der Forschungsagenda der Bundesregierung genannt: »Mit guter Pflege zu mehr Lebensqualität«. Was macht aber die Lebensqualität aus? Ist die intelligente Technik die wichtigste Voraussetzung für Lebensqualität im Alter? Wird die Forschung im Kontakt mit den Nutzern so organisiert, dass sinnvolle Technik entsteht? Wie werden wir lernen, damit umzugehen? Früher waren es Badewannenhilfe, Treppenhilfe, Gehhilfe – aber heute: das intelligente Haus. Zu dieser letzten Frage hat Dr. Andreas Kruse von der Universität Heidelberg ein wichtiges Referat mit dem Thema »Kompetenzerhaltung im Alter« gehalten. Er hat darüber berichtet, wie auch alte Menschen in der Lage sind, zu lernen, mit einer veränderten Umwelt umzugehen. Sie lernen auch, aber nur langsamer. Dabei ist es allerdings notwendig, dass sie an Erfahrungen anknüpfen können, dass sie ihr jeweiliges Wohnumfeld mitgestalten können. Er zitiert eine Weisheit des Franz von Assisi: »Der Mensch weiß nur, was er anwenden kann«. Er hat außerdem darauf hingewiesen, wie wichtig Beziehungen für das psychische Wohlbefinden sind. Sein Vortrag war der einzige, den ich gehört habe, bei dem wirklich der Mensch im Mittelpunkt stand. Und es war auch der einzige, der einen ungewöhnlich langen Beifall erhielt.

Alter der Zukunft
Aber machen wir uns nichts vor. Die große Frage ist: Wie werden wir alle bis ans Ende unseres Lebens versorgt und gepflegt? Und wer soll das tun? Und wer soll das bezahlen? Ein wichtiges Ziel der Entwicklung der intelligenten Geräte ist es, Pflegekosten zu sparen. Viele haben keine Kinder, Kinder in der Ferne oder berufstätig intensiv engagierte Kinder. Also soll das intelligente Heim diese Probleme lösen. Hat jemand einmal alle Kosten berechnet? Auf der einen Seite: Herstellung, Anschaffung, Wartung, Neuanschaffung, und wenn sie ersetzt werden müssen: Verschrottung, Ressourcenverbrauch, Umweltbelastung. Auf der anderen Seite: Menschen, die bezahlt werden müssen, allerdings mit ihrem Geld ins Steuersäckel einzahlen und ihr Geld wieder ausgeben. Ich bin skeptisch, ob jemand je so eine umfassende Kosten-Nutzen-Rechnung aufgestellt hat.
Aber vielleicht gelingt es mir auch einfach nicht, mir das Alter der Zukunft in einer intelligenten Wohnung mit intelligenten Geräten vorzustellen, während die eigene Intelligenz schwindet. Und kann es wohl auch schwer mit meinen Vorstellungen von Lebensqualität vereinbaren. Erstaunlich auch, dass in den Medien über diesen Kongress und die damit zusammenhängenden Entwicklungen nicht berichtet und kritisch reflektiert wurde. Irgendwann wird es zu spät sein.

Roboter 4 frei

 

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