Es wogt eine Welle über den Büchertisch

Bücherstapel

Was die neuen Alten sagen wollen

Alt sein ist eine einzige Erniedrigung«. Diesen Satz hat mir meine Mutter schon Jahre vor ihrem Tod mit 72 Jahren mit auf meinen Lebensweg gegeben. Nun bin ich fast so alt wie sie damals – und tu’ mich auch reichlich schwer mit dem Altsein. Dabei stelle ich jetzt (plötzlich) fest, viele, ganz viele Menschen sind alt, viele beschäftigen sich mit dem Altsein. 2012 ist zum »Europäischen Jahr des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen« ausgerufen worden.

Ich schaue mir die Liste von Büchern zum Thema an. Wer schon alt ist, schreibt darüber, wie das mit dem Alter so ist, aber auch wer die 60 oder 70 noch nicht überschritten hat, denkt laut darüber nach, was es mit dem Alter so alles auf sich hat: aus psychologischer Sicht, vom gesundheitlichen Standpunkt aus betrachtet, als Partner mit nachlassenden Gelüsten im Körper und im Kopf, in der Seele und im Geist.

Die einen nennen ihr Buch „Glücksfall Alter“, andere schreiben „Von der Nutzlosigkeit älter zu werden“.

Und wir in Passagen machen eine Zeitschrift für uns, von Alten für Alte. Weil wir eben auch meinen, das Gesicht der alten habe sich verändert, selbst ohne chirurgische und kosmetische Eingriffe.

Was ist dran an dem Blick auf uns Alte, der so anders geworden ist? Worin unterscheiden wir uns von unseren Eltern und Großeltern?

Meine Großmutter wurde 1888 geboren. Ich kannte sie gut, im Gegensatz zu den beiden Großvätern, die früh gestorben sind. Meine Großmutter war immer für mich da. Sie hat gekocht, gewaschen, mich versorgt, mir vorgelesen, mich ins Bett gebracht. Alles Dinge, die eigentlich eine Mutter macht. Die jedoch kümmerte sich um anderes. Oft wurden, gerade in bäuerlichen Familien, die Kinder von den Großeltern erzogen, die Eltern mussten in ihrem aktiven Lebensabschnitt arbeiten. Das Alter war eine Selbstverständlichkeit, hier gab es keine Fragezeichen, keine Klagen, selbst über Krankheiten nicht. Altsein gehörte zum Leben wie die Jugend. So war das Leben in der Familie. Großfamilie ade.

Für meine Oma war es selbstverständlich, Großmutter zu sein, für meine Mutter schon nicht mehr. Als ihre Fähigkeiten, vor allem sportlich aktiv zu sein, nachließen, haderte sie mit ihren 70 Jahren. Wie gesagt, ihre Erkenntnis war: »Das Alter ist eine einzige Erniedrigung«.
Und wir »jungen Alten« heute, wir sind nicht alt, sondern lediglich älter. Ansonsten fit, sportlich, ambitioniert, am Leben interessiert und allzeit dabei …
Wir erfinden uns neu. Und bringen unsere Gedanken zum Thema Altsein zu Papier.

Nicht von der Bestsellerliste wegzukriegen und auf jedem Büchertischv orhanden ist schon seit sehr vielen Monaten Joachim Fuchsbergers Biografie „Altsein ist nichts für Feiglinge“. Der Titel ist übrigens ein Ausspruch der Femme fatale der 30er Jahre, der bekannten Filmschauspielerin Mae West. (Berühmt war sie auch für ihr loses Mundwerk).

Altsein verkauft sich gut, haben Verleger erkannt und prominente Leute dazu animiert, übers Alter zu schreiben. Bücher von bekannten Persönlichkeiten sind wegen des viel diskutierten demografischen Wandels zur Zeit gefragt.

Zu diesen Autoren zählt Heinz Dürr, Unternehmer, Industrieller, ehemaliger Vorsitzende des Verbandes der Metallindustrie und, und … In seinem Buch »Über das Alter« führt er einen fiktiven Dialog mit Cato dem Älteren (234 v.Chr. – 149 v.Chr.) über Jugendwahn, Weisheit und Vergänglichkeit und beschreibt in vielen autobiografischen Anmerkungen, wie es ist, wenn ein gefragter Industriemanager wegen des Alters eben nicht mehr so gefragt ist, wenn er von der ersten Reihe in die letzte wechselt. Ein Buch schreiben ist eine gute Möglichkeit, das Diskreditiertsein aufzuarbeiten.
»Altern wie ein Gentleman« nennt der ehemalige Amerika-Korrespondent der ARD, Sven Kuntze, sein 2011 erschienenes Buch.

Abschiednehmen vom Arbeitsleben fällt besonders schwer, wenn der Beruf Spaß gemacht, Anerkennung und Aufmerksamkeit gebracht hat. Das Eintauchen in die Bedeutungslosigkeit nach einem spannenden und bisweilen auch noch in der Öffentlichkeit beachteten Beruf ist schwer. Die telegenen Gesprächsrunden sind bestückt mit Promis, ob Politiker, Journalisten oder Künstler, die weiter mitreden wollen. Worüber auch immer, sie wollen gefragt sein. Der Rückzug »ins Private« scheint nicht sonderlich verlockend.

Dieses Loslassen vom Beruf, vom »Ich war mal wer« ist sicher schwer, und es bedarf der angestrengten Reflexion. Schreiben darüber hilft den Schreibenden, und der Leser freut sich über Aha-Erlebnisse: »Das kenn’ ich auch«. Er fühlt sich in »guter Gesellschaft«, weiß, dass er nicht allein ist mit seinen Problemen, die das Lebewohl-Sagen vom Berufsleben mit sich bringen.
Ob Promi, ob im kreativen Beruf tätig, Künstler, Lehrer, Politiker, Vorarbeiter, im Chefsessel oder Vorzimmer, viele Menschen nehmen ihren Platz im Leben ein, der sie ausfüllt. Und dann verwaist eben dieser Platz, sie sind nicht mehr da.

Henning Scherf gehörte schon immer zu den Vorreitern bei aktuellen gesellschaftlichen Umgestaltungen. Der umtriebige, unkonventionelle einstige SPD-Bürgermeister von Bremen wohnte schon als Student mit anderen Kommilitonen/Kommilitoninnen zusammen, als das bei Weitem noch nicht gang und gäbe war, pflückte Kaffeebohnen in Nicaragua und lebt heute in Deutschlands berühmtester Wohngemeinschaft, wie es auf dem Klappentext seines Buches »Grau ist bunt – Was im Alter möglich ist« heißt. Es ist ein persönliches Buch. Und es ist nicht sein einziges Buch zu diesem Thema: Altsein muss gar nicht so schrecklich sein. Henning Scherf bemüht sich, dem Alter positive Seiten abzugewinnen, will Mut machen. »Wer nach vorne schaut, bleibt länger jung« oder »Gemeinsam statt einsam«. Das sind die Titel weiterer Bücher des einstigen Bürgermeisters. Seine beeindruckende Persönlichkeit (er war auch mal als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch) hat Vorbildcharakter, macht Mut, nimmt Ängste. Das ist eine wichtige Aufgabe für einen Prominenten, der sich Gedanken um sich, seine Zukunft und die seiner Mitmenschen macht.
»Ich lebe weiter, selbstbestimmt« – auch dieses Buch will Mut machen. Liselotte Vogel, die mit ihrem Mann, dem SPD Politiker Hans-Joachim Vogel, 2006 in ein Seniorenstift gezogen ist, will Ängste nehmen, zum Beispiel vor einem Umzug, einem Leben im Altersheim. Sie nutzen ihre Popularität, um Menschen zum Nachdenken zu anzuregen. Denn vor dem Schritt ins Altenheim fürchten sich viele Menschen. »Alles, nur nicht das«, wird oft gesagt. Auch von den Kindern: »Ich gebe meine Eltern doch nicht ins Altersheim«.

Das Ehepaar Nadja Tiller und Walter Giller (der Schauspieler ist im Dezember 2011 gestorben) lebt(e) seit vielen Jahre in dem Hamburger Seniorenstift »Augustinum«. Sicher kein preisgünstiger Alterssitz. Sie haben nichts über ihr verändertes Leben geschrieben, als sie 2006 den Entschluss fassten, umzuziehen.

Bücher werden nicht nur geschrieben, sondern eben auch gemacht. Verleger suchen sich, wie gesagt, Autoren, stellen ihnen Ghostwriter zur Seite, und schon kommen die Erinnerungen und Einsichten Prominenter gebunden auf den Büchertisch. Aber damals fing das Schreiben zu diesem Thema gerade erst an.

Silvia Bovenschen war eine der ersten, die mit ihrem Buch »Älter werden« persönliche Einsichten und Weisheiten auf unterhaltsame Weise publizierte. Natürlich aber war das Alter schon immer ein Thema, mit dem sich Dichter und Denker auseinandersetzten. Von Cato und Cicero über Michel de Montaigne, Goethe, Fontane und Brecht reicht die Liste. Da finden sich denn auch so aufmunternde Worte wie zum Beispiel von Luise Kaschnitz: »Das Alter ist für mich kein Kerker, sondern ein Balkon, von dem man zugleich weiter und genauer sieht«, oder Sentenzen über das Unabwendbare sowie Trostworte.

Nach den vielen Erfahrungen im Leben kommt jedenfalls mit dem Alter wieder etwas ganz Neues. Eine Freundin von mir formulierte das so: »Ich fühle mich wie in einer gerontologischen Pubertät«. Die dritte oder – heute sagt man ja auch schon – vierte Lebensphase verändert vieles. Hätte sich meine Großmutter auch »wie in einer gerontologischen Pubertät« gefühlt? Wohl kaum. Sie hatte eine feste Rolle und einen festen Platz. Familien wohnten über Generationen zusammen. Bei meiner Mutter war das schon anders. Und heute leben die Familienmitglieder noch nicht einmal mehr im gleichen Dorf oder in der gleichen Stadt. Oft noch nicht einmal im gleichen Land. Globalisierung. Die Gesellschaft vereinzelt und muss sich darauf einstellen. Es werden neue Lebensmodelle ausprobiert, es wird gedacht und getan. Aber sich so recht auf das vorzubereiten, was uns irgendwann erreicht oder schon erreicht hat, das ist nicht so einfach. Das Alter kommt langsam, schleichend und trotzdem plötzlich.

So wundert es nicht, dass sich diesem Problem auch Soziologen, Ärzte, Psychologen, Altersforscher, Theologen und Prominente jeglicher Couleur zuwenden. Die Ergebnisse finden wir auf den Büchertischen. Die Welle mit den gut gemeinten Ratschlägen, Untersuchungen und Lebensgeschichten ebbt vermutlich noch lange nicht ab. Neue Analysen werden erstellt, Erkenntnisse gewonnen. Manches ist spannend, anderes ein alter Hut, zur Genüge bekannt. Oft und meist fallen die Werke unter die Kategorie »gut gemeint« .

Das Altwerden fängt für die einen mit 50 Jahren an, für andere sind Menschen erst ab 70 oder sogar 80 Jahren alt. Aber irgendwann trifft es jeden, dieses »Nicht mehr dazu Gehören«. Dann spätestens stellt sich die Frage, wie das zukünftige, neue Leben gestaltet werden soll. Und das greifen nicht nur die betroffenen älteren Menschen auf und schreiben über ihre Erkenntnisse. Der Büchertisch biegt sich auch unter der Last der Sach- und Fachliteratur mit so aufschlußreichen Titeln wie: »Gelassen älter werden«, »Glücksfall Alter«, »Alte Bäume wachsen noch«, »Älter werden will gelernt sein«, »Eigentlich bin ich nur außen alt« – und wie sie sonst noch alle heißen … Jeder kann da auf Entdeckungsreise gehen …

Der Schwede Jonas Jonassen behandelt das Thema Alter in seinem Buch »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster sprang und entschwand« auf eine ganz andere, anarchistische Weise – und hat es damit schnell auf einen der ersten Plätze auf der Bestsellerliste geschafft.

 

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