Die Diva der Freiheit

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Aus dem Leben eine Geschichte machen

Der Ort
»Frau Rettig, dürfen wir hereinkommen?« »Aber ja, kommen Sie, kommen Sie. Oh, Sie haben ja drei Damen mitgebracht, Frau Albrecht, setzen Sie sich, da, nehmen Sie sich Stühle und setzen Sie sich hier zu mir ans Bett. Mir geht es heute miserabel, ich habe die ganze Nacht kaum geschlafen. Hier, nehmen Sie den Stuhl, mein Kind, und kommen Sie. Ja, Sie können sich hierhin setzen, die entzückenden Damen, hier zu mir.«

Einzelne Farbtupfer in einem impressionistischen Gemälde, hier einer, dort einer, so platziert Frau Rettig die entzückenden Damen. »Frau Rettig«, sagte Frau Albrecht mit ihrer klaren, heiteren Stimme, »ich habe Ihnen ja von diesem Projekt erzählt, den Erzählpaten, das sind nun die Autorinnen, die sich Ihnen vorstellen wollen.« »Ja, ja, ich weiß, meine Liebe, ja die sind ja eine schöner als die andere. Oh, ich habe tolle Geschichten aus meinem Leben, die ich Ihnen gerne erzählen möchte. Ich habe viel erlebt, bin mit bedeutenden Leuten ein- und ausgegangen, Schriftsteller, Maler, Künstler, Professoren. Ja, und ich habe einen ganz wunderbaren Mann gehabt, er war Opernsänger, er hat mir die Welt zu Füßen gelegt, mich reich beschenkt. Ich war immer eine sehr begehrte Frau, alle sagen, Du siehst aus wie Liz Taylor, ja, meine Damen, aber Liz Taylor kann nur gut aussehen, ich habe auch jahrelang eine eigene Apotheke gehabt.«

Die Heldin

Ein Berg Kissen in ihrem Rücken, Plüsch und Samt, darauf liegt sie in einem rosafarbenen Negligé, ich denke: hingebettet. Ihr Zimmer ist das Bühnenbild einer mondän ausgestatteten Oper, nur ist alles echt. Das Rettigsche Universum, präsentiert in Glasvitrinen, auf Schränken, Tischchen, auf dem Boden, an den Wänden. Wohin ich auch schaue, wenn ich es schaffe, den Blick von ihr abzuwenden, es gibt überall Vasen, Bücher, Bilder, Schmuckstücke, Teppiche, Antiquitäten. Kostbar und zum Ansehen angeordnet, auf dieser Bühne. Ein Kleiderschrank erstreckt sich über eine Zimmerwand, ich muss ihn nicht öffnen, um die Stoffe vor Augen zu haben, die Kleider aus den 30er, 40er Jahren, Seide, Taft, Pelz, Perlen. Das Zimmer ist nicht groß. Nirgendwo gibt es eine gerade Linie, einen Punkt, an dem das Auge nicht abgelenkt werden würde. Aber gerade darin scheint sich der Raum zu öffnen. Er scheint ohne Begrenzungen zu sein. Die Bühne wird größer, und jetzt erst schaffe ich es, die Bilder an den Wänden anzusehen, wie Briefmarken in einem Album, eng an eng mit riffeligen, goldenen, breiten Rahmen. Jedes zeigt Sofia Rettig, so viele Sofias schauen mich an, sind alle mit im Raum: junge, hingebungsvolle, bildschöne Sofias. Über ihrem Bett hängt eine Aktmalerei, eine Frau in einem zerwühlten Bett, hingestreckte Sinnlichkeit, die Augen der Gemalten schauen den Betrachter direkt an, ohne Scham, kühn, frech, neugierig. Darunter liegt sie, Liz Rettig, Sofia Taylor, ein paar Jahre älter, aber was sind schon Jahre, und für mich sieht es plötzlich aus, als sähe ich sie als Bild im Bild. Wie das Vexierbild, das berühmte, die junge Frau, die alte Frau. In Sofia Rettig ist dieses Vexierbild Realität geworden. Die sinnliche Schönheit einer extravaganten jungen Frau. Die tiefen Linien in ihrem Gesicht – 86 Jahre Leben. Sie scheint ein Mensch zu sein, der sich einfach nicht festlegen muss, sie lebt dazwischen, und mein Blick lernt das Springen. Auch das Springen durch die Zeit und wie alles in einem Menschen steckt: Jugend und Alter, gleichzeitig. Liz Taylor und Sofia Rettig.
Meine Wahrnehmung ist so voll mit Eindrücken, im wahrsten Wortsinn: mir drückt sich alles ein. So voluminös. Da beginnt Liz Rettig, Sofia Taylor zu erzählen, und ihr Akzent ist wie die Bühne, russisch-rot, samtig, offenherzig, warm. Großzügig, ihre Gesten, ihr Lachen. Ihre Haare: eine den Kopf umrundende Lockenpracht, vor allem hinten Spuren der Verwüstung vom Liegen.

Die Verwandlung
Wir stellen uns kurz vor, ein Satz, wozu mehr, mir fällt nicht ein zu sagen, was ich alles mache, ich sage nur: Ich bin auch Yogalehrerin. »Ach, was!« Ein Strahlen, ein Lachen, Sofia Taylor horcht auf. Ich merke, ich intoniere klarer, bin wacher, präsenter, wie auf einer Bühne eben. Bin plötzlich der schnöden Mittelmäßigkeit meines Alltags zwischen Neukölln, Yoga-Studios, Einsamkeit, dem Grau der winterlichen Stadt enthoben worden, hinein in das Licht. Stimmt es: Ich soll gerade in einer Seniorenresidenz sein? Nein. Auf keinen Fall. Alice im Wunderland, eine Zwischenwelt, irgendetwas anderes, das muss es sein. Eine Kamera, es könnte sogar eine Kamera geben, wo könnte sie versteckt sein?

Ich besuche Sofia Taylor wieder und wieder und begreife, dass es keine Kamera gibt, dass sie es ist, die dieses Erhellte schafft, dieses Gefühl des Herausgehobenseins.
»Du?« »Ja, das würde mich freuen.« »Also: Sofia.« »Sanaz.« Ich habe den Eindruck, ich spreche das Du großgeschrieben aus, wenn ich es zu ihr sage. Das größte Geschenk ihres Lebens, sagt Sofia, sei die Geburt ihres Sohnes gewesen. Ein Geschenk, das eine so große Fülle mit sich brachte. Acht Urenkelkinder, zwei in Schweden, sechs in Tel Aviv. Als sie nach Tel Aviv fährt, sucht sie in einem ukrainischen Restaurant ein Stück Heimat, der Kellner verliebt sich auf einen Schlag in sie. Fünfzehn Jahre jünger ist er, ein gut aussehender Mann. »Als ich dich sah«, gesteht er ihr, »wusste ich, du bist die Frau, auf die ich gewartet habe.«

Jede Frau brauche das, sagt Sofia. Ja, aber nur wenige bekommen es zu hören, vor allem mit 86, würde ich meinen. Eine Hoffnung, wie der Raum sich ausdehnend und übervoll: Doch, es ist möglich, es ist immer wieder möglich, die Liebe.

»Wer sagt denn, dass ich in meinem Alter keine Lust mehr habe. Die Libido gibt der liebe Gott für ein ganzes Leben.« Ihr wirkliches Alter muss ihr Liebhaber nicht wissen, nun ja, warum auch. »Schau mich an, ich bin eine Sexbombe.« Ich schaue sie an und denke, ja. Heute, im schwarzen Kleid, auf der Chaiselongue, ihre Rundungen schmiegen sich wie Kätzchen an sie. Es ist eine Gabe, denke ich, die eigene Weiblichkeit so geschmackvoll in Szene setzen zu können. Es braucht Mut, Selbstbewusstsein. Wo kommt das her? Wo kann man das lernen? Kann man das lernen? Ich will sie fragen. Aber vorher, merke ich, kommen andere Räume auf uns zu.

Die Kraft
Sofia Rettig ist Jüdin, im Krieg verliert sie alles. Hunger ist das vorherrschende Gefühl, nie genug zum Essen zu haben die alles beherrschende, tägliche Gewissheit. Noch heute kann sie keinen Schlaf finden, wenn sie keine Lebensmittelvorräte zu Hause hat. Die Erinnerung scheint ihre Stimmung zu trüben, schlagartig wechselt das Licht, sie sagt ruhig, viel leiser: »In dieser Zeit habe ich eine Kraft in mir entdeckt, die mir hilft zu leben.«

Erzählpaten
Die Idee zu dem Projekt basiert auf einer Erfahrung der Autorin Larissa Boehning. Bei einer ihrer Schreibwerkstätten lernt sie eine ältere Dame kennen. Diese bittet Larissa ihr beim Aufschreiben ihrer Lebensgeschichte behilflich zu sein. Es entwickelt sich eine intensive Zusammenarbeit. Larissa formuliert einen Projektantrag und sucht weitere Autoren. Die Seniorenresidenz »Pro Seniore« reagiert aufgeschlossen, und es finden sich Senioren, die mitmachen wollen. Bei einer Einführungsveranstaltung stellen sich die Autoren vor, die Senioren können entscheiden, wem sie sich anvertrauen möchten. Es formieren sich Erzählpatenschaften. Die jungen Autoren besuchen nun ihre Paten in ihren Wohnungen, stellen Fragen, werden neugierig, suchen den Kontakt. Die dabei entstandenen Geschichten erzählen von diesen Begegnungen und zeigen wie wichtig der Austausch zwischen jung und alt ist. Bei einer Lesung im Literaturhaus haben die drei Autoren Auszüge aus den entstandenen Geschichten vorgetragen. Die rege, sich anschließende Diskussion zeigt das breite Interesse und den Bedarf nach einem Dialog zwischen den Generationen.

Für Nachfragen und Informationen: Sanaz Rassuli Pourrahin Email: sanaz-rassuli@web.de Tel. (030) 34 72 72 89 www.imwaldesein.de

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