Hier können Familien Kaffee kochen

»Kaffee« ist im Deutschen nicht nur ein Getränk, sondern auch eine Mahlzeit und sogar eine Tageszeit. Wenn es heißt, »Komm doch am Sonntag zum Kaffee«, wird niemand auf die Idee kommen, zum Frühstück zu erscheinen. In unserer Familie gibt es den Ausdruck »zur Kaffeezeit« und das ist dann so zwischen 15 und 16 Uhr. Wobei eine Einladung zum Kaffee eigentlich immer automatisch »Kaffee und Kuchen« meint, auch wenn das nicht ausdrücklich gesagt wird. Man stelle sich vor, die Verwandtschaft kommt zum Geburtstagskaffee und dann stände auf dem Tisch tatsächlich nur Kaffee … Mindestens ein selbst gebackener Kuchen ist für die Generation meiner Mutter immer noch Ehrensache.

Die ersten Kaffeegärten in Treptow
Die Geburtsstunde des deutschen Nachmittagskaffees fällt ins 17. Jahrhundert – die Reaktion der Frauen auf das Zugangsverbot zu den neuen Kaffeehäusern, in denen sich die Männer trafen. Der teure Kaffee wurde zum Lieblingsgetränk der Vornehmen und Reichen, aber hundert Jahre später war ihm schon das gesamte Bürgertum verfallen. In dieser Zeit entstehen auch die ersten Berliner Kaffeewirtschaften unter freiem Himmel. Um 1700 war die Spreebudike am Vorwerk Treptow die letzte Raststelle für Reisende, ehe sie mit der Kutsche Berlin erreichten. 1734 erweiterte der damalige Besitzer das Gasthaus um eine Kaffeeschenke mit Kegelbahn und Tischen im Freien für Ausflügler. Bald war es an sonnigen Feiertagen so überfüllt, dass nicht alle Gäste Platz fanden.

Ein paar Auswanderer aus Sachsen, die sich Jahrzehnte später hier niederließen, witterten ihr Geschäft, stellten Tische und Stühle in ihre Obstgärten und kochten Kaffee. 1799 beschwerte sich der Pächter des Gasthauses beim Stadtrat über den »illegalen Ausschank« und bekam Recht. Aber eine besonders gewitzte Siedlerin, Frau Taube, wusste sich zu helfen: Sie stellte ein Schild auf »Hier können Familien Kaffee kochen« und verkaufte statt Kaffee nur noch heißes Wasser – den Kaffee mussten die Ausflügler selbst mitbringen. Das sprach sich schnell herum, und Frau Taube vermietete auch Geschirr …

Natürlich passte der Gaststätte auch das nicht, sie klagte – und verlor. Für den Verkauf von heißem Wasser brauche man keine Genehmigung, befanden die Richter. Bald standen die Schilder »Hier können Familien Kaffee kochen« auch in anderen Ausflugsorten rund um Berlin. Aus der Spreebudike wurde 1822 das vornehme Gasthaus Treptow, das seit 1880 Zenner heißt und mit einem kleinen Vergnügungsprogramm massenhaft Besucher anlockte. Dieses Restaurant existiert heute noch. Auch die kleinen Lokale mit ihren Schildern für Kaffeekocher blieben lange Zeit Publikumsmagneten. Die Idee blieb nicht auf Berlin beschränkt. Ich weiß nicht, wie weit sich diese Sitte ausgebreitet hat und ob sie bis nach Süddeutschland vordringen konnte, aber in Nordhessen gab es noch bis in die 1950er Jahre Gaststätten, die mit »Hier können Familien Kaffee kochen« warben, zum Beispiel das Steinerne Schweinchen in Kassel.

Petra Foede
Petra Foede ist Historikerin und Journalistin. Von ihr bisher erschienen:
Wie Bismarck auf den Hering kam – Kulinarische Legenden. Kein & Aber, 2009
Wie der Earl das Sandwich entdeckte – Bekannte Gerichte und ihre Geschichte. Als E-Book bei Amazon, 2012

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