Sie sind da

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Sie sind da – mit all ihren Stärken und Schwächen – wie im Leben, so auch im Film: die Alten

Die einen meinen, es gäbe langsam genug Filme mit und über alte Leute, die anderen erkennen darin einen Trend. Produzenten und Regisseure drehen in den letzten Jahren Seniorenfilme „am laufenden Band“.

Der demographische Wandel zeigt: die Alten sind mitten angekommen in Kunst und Gesellschaft. Sie sind da: mit Falten, weinend und lachend, gerade heraus und augenzwinkernd, nackt, aber nicht bloß gestellt. Sie bekennen ihre Schwächen und beziehen daraus Stärke. Und trotz Altersstarrsinn erläutern Filme zum Beispiel auch mal: selbst alte Männer können noch einsichtig werden. „Über viele Brücken musst du gehen …“

So der grantige Arthur in dem Singen-macht-froh-Film „Song for Marion“. Der Inhalt des Streifens: die krebskranke Marion findet, wie alle anderen im Chor eigentlich auch, Motivation und Lebensfreude durch das Singen. Für ihren Mann Arthur ist das alles Blödsinn. Bis er nach dem Tod von Marion erkennt, was das Leben auch für ihn noch so alles bereit hält.

Grandios verändert sich der eigensinnige, unflexible und rassistische Koreakriegsveteran Walt Kowalski alias Clint Eastwood in dem Film „Gran Torino“ (2008). Er wird zu einem passablen, guten Menschen. Eben: So gesehen sind auch im Alter Einsichten, noch möglich.

Die einschneidendste und häufigste Veränderung im Alter ist sicher der Umzug von der über Jahre vertrauten Wohnung ins Altersheim. Auch ein Filmthema. Für den letzten Lebensabschnitt, wie Annegret Simon (Angelica Domröse) ihren Wechsel in die Seniorenresidenz in „Bis zum Horizont dann links“ bitter bemerkt.

Der altersbedingte Ortswechsel in dem englischen Film „Best Exotik Marigold Hotel“ aus dem gleichen Jahr wird vergnüglicher beobachtet. Mit bunten Bildern, viel Fernöstlichem, einem verführerischem Angebot lockt Indien, hier den Lebensabend zu verbringen. Der Film zeigt heiter und offen, mit in die Jahre gekommenen Darstellern, was alles noch so möglich ist über 70.

Auch die Franzosen haben zu diesem Thema einen Film beigesteuert: „Und wenn wir alle zusammen ziehen“. Früher waren sie Hippies, warum nicht jetzt eine Alten-WG gründen, überlegen die Freunde und Freundinnen. Abwegig ist diese Idee keineswegs, auch nicht im alltäglichen, realen Leben, wie viele Wohnmodelle in den letzten Jahren zeigen.

Auch das Fernsehen hat die Geschichte einer Altenwohngemeinschaft aufgegriffen, der vor der Sendung seine Kinoauswertung hatte. „Wir sind die Neuen“ heißt der Streifen von Ralf Westhoff. Michael Wittenborn alias Johannes, Gisela Schneeberger spielt Anne und Eddi ist mit Heiner Lauterbach besetzt trainieren wieder Wohngemeinschaft, wie schon einmal in den 70-iger Jahren. Eben genau so, oder doch wenigstens ähnlich, was die heutige Jugend, die über ihnen wohnt, erheblich stört. Doch die Annäherung der Generation klappt. Fazit: eigentlich sollten Alte und Junge aufeinander zu gehen, denn die einen brauchen die anderen, wie umgekehrt.

Die Alten sind „in“. Die Filmwirtschaft reagiert immer auf gesellschaftliche Veränderungen und stellt nun die Probleme der Senioren in den Blickpunkt: skurril, echt, problematisch, mit und ohne gefärbte Brille. Da planen in Leander Haußmanns Film „Dinosaurier“ die Creme de la Creme alter deutscher Filmschauspieler einen Coup gegen eine Bank. Das Ganze ist eine Neuauflage des Films „Lina Brake“ von Bernhard Sinkel aus dem Jahr 1975.

Filme mit und über alte Menschen, ihre Probleme und Sorgen gab es schon immer. Dabei muss  es sich nicht ausschließlich um Probleme alter Menschen handeln. In „Das Labyrinth der Wörter“ eröffnet eine 95-Jährige einem jungen, weitgehend ungebildeten Arbeiter die Welt der Bücher, der Wörter. Sie hilft ihm und sich, denn bald wird die Leseratte wegen ihrer schlechten Augen nicht mehr lesen können. Das Thema Großeltern und Enkeln hat bestand in vielen Variationen und Lebenslagen.

Einer der schönsten ist sicher auch „Harald und Maud“ von 1971, der Geschichte einer Freundschaft zwischen einer unkonventionellen, impulsiven 79-jährigen Frau und einem 18-jährigen Jungen mit Todessehnsucht.

Oder aber auch, zu jedem Silvester aufs Neue: „Dinner for one“, in dem Miss Sophie mit ihrem Butler James ihren 90. Geburtstag feiert.

Alte dürfen alles. Sie sind anarchistisch, frivol, unkonventionell. Sie können über sich selbst lachen, nehmen sich nicht immer ernst. Und jüngere Zuschauer finden das „Sich-selbst-veralbern“ der Alten lustig. Also, ein Flop an der Kinokasse ist diese Thematik nicht. Das haben die Macher erkannt. Das Thema boomt auf der Leinwand.

Heiter bis wolkig kommen viele Filme daher, die in den letzten Jahren gedreht wurden. Dustin Hoffmanns erste Regiearbeit „Quartett“, ist bestens gelaufen. Der Film beschreibt die Situation betagter Sänger, die ihren Lebensabend in einem edlen Altenstift verbringen. In diesem Film, der in England spielt, finden sich am Schluss sogar noch die beiden ehemaligen Sängerstars, seit langem aber von Bühne und Bett getrennt, zu erneuter Zweisamkeit wieder als Ehepaar zusammen.

Der Film erzählt von einem Altenheim, das einst Giuseppe Verdi erschaffen hat. Er ließ 1899 die „Casa di Riposa“ für betagte Opernsänger und Musiker in Mailand bauen. Das Haus wurde nach Verdis Tod am 10. Oktober 1902 eröffnet. Jeder Bewohner zahlt für seine Unterkunft nach seinen Möglichkeiten, den Rest finanzierte die Stiftung Verdi, aus den Tantiemen seiner Opern. Dustin Hoffmann hat darüber einen Spielfilm gemacht, der Regisseur Daniel Schmid drehte bereits 1984 eine Dokumentation „Il Bacio di Tosca“ über die Bewohner.

Weniger heiter, mehr wolkig ist die Arbeit des realistischen Regisseurs Andreas Dresen, der sich in seinen jüngsten Filmen mit dem Alter, mit dem Sex und dem Tod auseinandersetzt. Ehrlicher geht es kaum. „Auf halber Strecke“ handelt vom Tod eines Familienvaters, in „Wolke 9“ verliebt sich die 70-jährige Inge in Karl. Sie schläft mit ihm und trennt sich von ihrem Mann Werner. Dargestellt in deutlichen Posen und Einstellungen.

„Es hat mich angeödet, dass die Gesellschaft immer älter wird, es aber nicht die dazugehörigen Bilder gibt – Liebe und Sex hören ab einem bestimmten Alter scheinbar auf zu existieren“, sagte der Regisseur der Deutschen Presseagentur (dpa).

Nun sind Liebe und Sex präsent auf der Leinwand. Kein Tabu mehr. Alte Menschen in allen Liebes- und Lebenslagen. Gut so.

Die Alten sind eben nicht nur tüttelig und vergesslich, grantig und unflexibel. Filme über sie zeigen sie in allen Facetten, die das Leben so mit sich bringt, die sich in ihren Gesichtern widerspiegeln. Sie sind darin pfiffig und lässig, spitzbübisch und schräg, aber die Regisseure machen auch Krankheiten und Tod zum Thema.

In der Tragikomödie „Die Invasion der Barbaren“ (2003) beendet ein sterbenskranker Professor sein Leben im Kreise seiner Familie – und all seiner Ex-Geliebten.

Große Angst haben viele Menschen vor Demenz, Alzheimer, vor dem Sich-selbst-verlieren. Julie Christie spielt in dem kanadischen Film „An ihrer Seite“ (2007) die an Demenz erkrankte Frau, die ihren Ehemann nicht mehr erkennt und sich im Heim in einen anderen Mann verliebt.

Die schwere Veränderung des Partners hat auch der österreichische Regisseur Michael Haneke in seinem Film „Liebe“ dargestellt. Georges und Anne waren Musikprofessoren, beide sind um die 80 und ein Leben lang zusammen. Anne erleidet einen Schlaganfall, wird falsch behandelt, der körperliche und geistige Verfall beginnt.

Dieser anstrengende, nichts beschönigende Film mit den Hauptdarstellern Jean-Louis Trintignant als Georges und Emmanuelle Riva in der Rolle der Anne hat in Cannes die Goldene Palme und in Hollywood einen Oscar bekommen.

Auch das Fernsehen scheut sich nicht  vor dem Thema „Alt sein“. Götz George ist, wie mancher seiner Kollegen nun auch bekennender über 75-jähriger. Eben noch als Schimanski auf dem Bildschirm gefeiert,  präsentierte er sich als exzellenter Schauspieler in dem Fernsehfilm „Mein Vater“, an der Seite von Klaus J. Behrens, einem anderen, jüngeren Kriminalkommissar, der auch die Idee zu diesem Stück hatte: Der Geschichte des Demenz-kranken Vaters (George), den der Sohn (Behrens) ins Haus holt. Der Vater kuschelt sich ins Ehebett des Sohnes, eine Strapaze für alle Beteiligten beginnt.

Heiterer sind da schon Folge 1 (von 2009) und 2 der Spätzünder. Joachim Fuchsberger hat sich nicht nur sehr erfolgreich in seinem Buch „Altsein ist nichts für Feiglinge“ mit dem Alt werden und Alt sein auseinander gesetzt, nun stellt er sich als alter Mann auch in dem Fernsehfilm die Spätzünder dar. Jan Josef Liefers gründet als  erfolgloser Musiker Rocco mit den Altersheimbewohnern eine Rockband. Fuchsberger ist einer der Musiker. Wie heißt es so schön über diese Komödie: das ist eine Geschichte „über alte und junge Menschen, die ihre Krücken wegschmeißen und ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen“. Es war ein erfolgreicher Film, auf den  2013 „Die Spätzünder – soll der Himmel warten“ folgte.

Der Wahrheit ins Gesicht schauen, mal von der heiteren, bisweilen auch überzeichnet, mal sehr realistisch, das sind die Themen, die Geschichten, die Filme, die es sich lohnt anzuschauen und darüber nachzudenken.

Die alten Menschen finden statt, in der Literatur, im Film, im Leben. Warum auch sollten sie von dem einen oder anderen ausgegrenzt sein?!

Foto aus: »Am Ende ein Fest« von Sharon Maymon und Tal Granit, Israel/Deutschland 2014
DVD erhältlich ab 1. April 2016

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