Stadt oder Land

Leben im Grünen – oder dort sein, wo das Leben pulsiert?

Rathauskuehe

„Und was machst Du, wenn Du nicht mehr Auto fahren kannst?“ Diesen Satz hörte ich am häufigsten, als ich meine Idee, von der Stadt aufs Land zu ziehen, laut kundtat.

Denn dieser Gedanke treibt mich um.

Margaret Berlin1

Berlin, große Städte haben viele Annehmlichkeiten, Vorteile. Sie ziehen die Menschen an, locken mit ihrem Unterhaltungsprogramm, den unendlich vielen Angeboten in kulturellen, sportlichen, gemeinnützigen, sozialen Bereichen. Da können kleine Städte oder gar Dörfer wirklich nicht mithalten.

Mit 70 Jahren: ab aufs Land?
Altennachmittage sind dort die Highlights.
Nur das nicht!

Also, was bringt’s, aufs Land zu ziehen, die Großstadt zu verlassen, mit der Bushaltestelle und der U-Bahn-Station vor der Tür, ein Kinobesuch immer möglich ist. Die Stadt, besonders Berlin, kann mit „Hochkultur“ punkten.

Was für die einen auf dem Land Kaffee und Kuchen im Gemeindehaus ist, ist für die anderen – die es sich leisten können – schon ein Opernabend. Dort trifft man sich und ist weitgehend, was das Alter betrifft, auch unter sich und seinesgleichen.

Kultur auf dem Land gibt es nicht, schon gar nicht so von Tür zu Tür. Wer kein Auto hat, ist dumm dran.

Klar, Menschen auf dem Land sind mit der Verkehrsanbindung im Nachteil. Welcher Jugendliche holt schon „die Oma“ oder „den Opa“ ab, um sie oder ihn zum Arzt, ins Café oder ins Kino zu fahren?
Ist es da nicht besser, in der Stadt zu bleiben? Eben. Wegen der Verkehrsanbindung. Und den vielen Möglichkeiten, zum Beispiel mal bei schlechtem Wetter ins Museum zu gehen. Im Berlin-Programm, das monatlich erscheint, sind allein 80 verschiedene Museen, Schlösser und Ausstellungsorte aufgezählt. Von Galerien ganz zu schweigen. Das reicht doch für ein Rentnerleben.
Die Schale der Waage neigt sich eindeutig bei „Stadt“ nach unten, die Stadt ist das Schwergewicht.
Wer lebt noch auf dem Land? Die Jugend zieht weg, die Alten bleiben.
Stadt oder Land?
Klar gibt es auch Negatives über die großen Städte zu sagen: Das hektische Getriebe, der durch Mark und Bein gehende, schrille Klang des Martinshorn, dieser oft unerträgliche Sound der Großstadt, einem Mix aus Motorengeräusch, Hupen und Fluglärm. Wer aufmerksam die Bild- Zeitung liest, kann immer wieder Artikel finden, in den über das Klauen von Handtaschen bei alten Frauen berichtet wird. Die Kriminalität ist hoch, besonders in den Städten. Oder die Gefahren des Verkehrs. Selbst auf den Zebrastreifen sind die Menschen in der Großstadt nicht sicher.

Das sind nicht gerade viele Argumente, die gegen das Leben in der Großstadt sprechen.
Warum also dann aufs Land ziehen?
Wäre es für die älteren Menschen nicht sinnvoller, in die Stadt zu wechseln? Warum tun das nur wenige? Obwohl es in ihrer Gemeinde kaum mehr Ärzte gibt, die Versorgung schlecht ist, Geschäfte, die Bäckerei und der Lebensmittelladen schon vor langer Zeit geschlossen haben.

Wie stellt sich die Situation alter Menschen dar? Ein Gesichtspunkt: das Altersheim: Früher hießen diese Einrichtungen „Abendruh“ und „Waldesblick“. So war auch die Lage. Der Blick ins Grüne sollte alten Menschen Ruhe, Geborgenheit und Glück bescheren. Dann aber wurde erkannt: Das ist Abschieben. Gerade alte Menschen sollten dort leben, wo was los, es umtriebig, der Weg kurz ist zur Einkaufsstraße, ins Café, ins Restaurant. Der Blick auf die Wipfel des Waldes ist auf Dauer nicht unterhaltsam und anregend, sondern nur Ruh.

Margaret Pfalz (2)

Eine andere Alternative, wie Senioren ihren Lebensabend verbringen können ist, dort zu sein, wo es warm ist. Weg von Kälte, Eis und Schnee, nie wieder unter 20 Grad Außentemperatur, so der Slogan. Leben unter Sonne und Palmen. Teneriffa, Mallorca, die türkische Südküste locken mit preisgünstigen Angeboten für Residenzen. Aber auch nach Fernost geht heute schon die Reise. In diesen Ländern gibt es bereits Altersheime für Ausländer, in denen demenzkranke Menschen liebevoll gepflegt werden – und das Ganze auch noch bezahlbar ist. Die Altenpfleger und -pflegerinnen bekommen völlig andere Löhne, als hier in Deutschland. Aber das ist eine andere Geschichte…

Also zurück zur Qual der Wahl: Leben im Grünen oder dort, wo das Leben pulsiert?
Für die Großstadt steht es 1:0.

Auf dem Land lebt es sich langsamer, statt Häuser ist viel Gegend drum herum. Dort sagen sich der Hase und der Igel gute Nacht, in Berlin laufen höchstens mal die Wildschweine über den Kudamm oder tummeln sich in Vorgärten im Grunewald.

Lässt sich das Leben auf dem Land, im Grünen überhaupt mit dem in der Großstadt vergleichen?
Es lässt sich.

Denn ich habe zwei Wohnsitze. Einen auf dem Land, einen in Berlin. Und nun bin ich Rentnerin, mit einem knappen Budget. Zwei Haushalte, das ist auf die Dauer zu viel, zu teuer, zu umständlich. Immer ist gerade das, was ich suche gerade am anderen Ort. Ewiges Organisieren, Umziehen, Hin- und Herschleppen. Also steht die Qual der Wahl an. Wo leben: auf dem Land, in der Stadt?
Auf dem Land wohne ich in „der Oma ihr’m klein Häuschen“, in Berlin im 6. Stock mit Blick über die Dächer der Stadt.

Aber, wie gesagt, zwei Wohnsitze sind teuer. Nun steht nach Jahren die Entscheidung an.

Die Waagschale geht gut beladen mit vielen Argumenten, die für die Großstadt sprechen, nach unten.
Warum aber ziehen nur relativ wenige alte Menschen in die Stadt, jetzt wo sie doch so viel Zeit haben, gerade dort das kulturelle Angebot wahrzunehmen? Warum bleiben die Alten auf dem Land? Dort, wo sie immer waren?

Eben.

Weil sie dort schon immer waren. Sie wollen den Wechsel nicht. Sie mögen ihre Gewohnheiten, ihr Drum-Herum. Alles soll so sein und bleiben, wie es ist. Liegt das nun am Altersstarrsinn oder an der Unbeweglichkeit der steifen Knochen?

Menschen sind verwurzelt, sozial eingebunden, leben in ihrer Geschichte, ihrer vertrauten Umgebung.
Das sind treffende Argumente für die Wahl des Wohnortes. Aber nicht nur die Menschen, die man kennt, vermitteln Sicherheit und ein Zuhause-Gefühl. Auch die Landschaft prägt.

Andererseits. Nichts bleibt, wie es war. Ist auch so ein Satz.

Denn die Welt besteht immer mehr auch aus Völkerwanderungen. Dort leben, wo man geboren ist, das gilt schon lange nicht mehr. Überall werden schließlich Menschen heimisch, fühlen sich an dem Ort wohl, wo sie Freunde, eine Familie haben, sich auskennen. Das kann in der Stadt, das kann aber auch auf dem Land sein.

Jeder empfindet für sich allein. Und ich liebe den Blick über die hügelige Landschaft bis zum Horizont. Das ist wohl ausschlaggebend für meinen Entschluss, zurück aufs Land zu gehen, Abschied zu nehmen von dem Blick über die Dächer der Hauptstadt.

Obwohl schon 1830 der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel so treffend bemerkt: „Ein Berliner Witz ist mehr wert, als eine schöne Gegend.“

Schau’n wir mal.

Vielleicht kehre ich ja auch wieder nach Berlin zurück. Es gibt doch viele Möglichkeiten …

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