Daphne Elfenbein wird 50

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Nun ist es raus! Das wahre Alter von Daphne Elfenbein. Trotz ihrer wissenschaftlich nachgewiesenen Unsterblichkeit hat sie ihren Marktwert mit Überschreiten dieser Schwelle nun endgültig verloren. ES IST AUS!!! Das wird ihr nun auf professionelle und geradezu unanfechtbare Weise deutlich vermittelt. Weiß hier eigentlich jemand, was mit „zweite Lebenshälfte gemeint ist?“

Bösartigerweise rief ein fetter alter Museumswärter ihr neulich trotzdem noch hinterher: „Junge Frau, Ihr Rucksack!“, als sie in einem Anflug von Vergesslichkeit (Alzheimer?) ihr Gepäck im Shop hat liegen lassen. Entrüstet hat  sie sich umgedreht und gerufen. „Was fällt Ihnen ein! Ich bin keine junge Frau! Unverschämtheit!“

Ab jetzt geht es um das Bewahren der Würde. Und hierzu sind folgende Maßnahmen zur Tarnung und zur Vortäuschung ewiger Jugend vorgeschrieben: Haarfärbemittel, Kontaktlinsen, Kliniken für Ästhetische Chirurgie (da sind Unsterbliche höchst willkommene Kundinnen), eine cholesterinsenkende Diät ohne Milch und Fleisch und bloß keine Kartoffeln, (ja eigentlich fast ohne alles, nicht?)… ein guter Zahnarzt und ein gut retuschierender Fotograf sind das unerlässliche daphne-1Handwerkszeug einer 50erin, die auf der Straße nicht umgerempelt werden will von hormongesteuerten Radfahrern, die mit Mutti noch nicht abgeschlossen haben: „Verpiss dich, du alte Fotze!“ ist gewiss keine Einladung zum Kaffeetrinken mit der nächsten Generation. In diesem Alter ist auch stringente Disziplin beim täglichen Sport angesagt (am besten Nordic Walking oder Aqua Fitness – das schont die Gelenke) – man will sich ja später im Altersheim wehren können nicht wahr?
Die nächsten hundert Jahre wird Daphne Elfenbein also im vorgeschriebenen Zustand des – äh – Alterns verbringen (pfui, was für ein unwissenschaftlicher Begriff!). Aber womit wird sie ihre Brötchen verdienen? Ihr langjähriger Arbeitgeber hat ihr zum 50. Geburtstag eine Gehaltskürzung beschert. Das ist nun die Quittung. Gereift ist Frau Elfenbein. Jawohl, nicht nur körperlich, auch menschlich gesehen. Denn sie ist milde geworden mit sich selbst und lässt sich lieber krankschreiben, statt sich heldenhaft zur Arbeit zu quälen, wenn die klimakterische Schlaflosigkeit zwar nachts zu herrlichen Lichterscheinungen führt, aber tags störanfällig und grantig macht. Darüber hinaus war in den vergangenen 5 Jahren ein permanentes jünger Werden von Vorgesetzten zu beobachten, wobei Frau Elfenbein immer gleich alt blieb, jedoch ist eine deutliche Frequenzsteigerung von Teepausen während der Arbeit zu beobachten.

Eigentlich würde sie ja auch gerne nochmal umsatteln. Aber was gibt es da draußen jenseits der daphne-3unkündbaren Stelle auf Lebenszeit, wo das Gesprächsthema des Tages lautet: Wie erreiche ich das Rentenalter, ohne rausgemobbt zu werden? „Ach, Sie sind 50?“ heißt es dann beim Arbeitsamt mit einem geringschätzigen Mustern ihrer 80er Jahre-Garderobe. Wir investieren nur bis 35. Nun ja, dann muss eben die Freizeit herhalten für ein bisschen Erfüllung.

Sie könnte doch so eine schlaflose Nacht mal auf eine 50-plus-Party gehen mit ihrer besten Freundin. Na? Aber leider sucht sie sich mit ihrer Fernbrille noch immer einen Wolf nach den 50-plus-Partys in dieser Metropole. Auch die Online Partnerbörsen, die bei ihrem Email Provider immer ungefragt aufpoppen, bieten nur noch jüngere Semester an.

Bleiben also nur noch Heim und Fernseher zur Erbauung. Da gibt es Bücher über Astrologie und Zierpflanzen, und wenn Frau Elfenbein ganz deprimiert ist, liest sie Kant oder Hegel. Das ernüchtert.
Frau Elfenbein weiß nicht, was sie von ihrem neuen Fanclub halten soll, der zu ihrem 50. Geburtstag mit diesem scheißfreundlichen Grinsen um sie herumscharwenzelt: Ganz andere Arten von Rattenfängern sind das und haben es schon jetzt auf ihren Sparstrumpf abgesehen. Auf subtile Weise bereitet eine übereifrige Dienstleistungsgesellschaft sie schon mal auf ihr Dasein als geriatrische Patientin vor. Dieser segensreiche Lebensabschnitt beginnt zwar erst ab 60 – trotzdem hat sie zu ihrem 50. Geburtstag schon mal ein personalisiertes Werbeprospekt für Hörgeräte im Briefkasten. „Wo haben die eigentlich meine Adresse her?“ fragt sich die potenzielle Kundin.daphne-4
Am nächsten Tag ist es ein Prospekt für eine Wohngemeinschaft für Demenzkranke. Die suchen noch Mitbewohnerinnen. Da hätte sie eine 24-Stunden Betreuung mit der Pflege-Prüfnote „sehr gut“ (das bedeutet, man wird nicht geschlagen und kriegt Vollkornbrot).
Und am Tag darauf klopfen zwei seriöse Damen von einer freikirchlichen Gemeinde an: „Nimm Jesus“ – Ein Fernlehrgang für einen Neustart im Leben mit Hilfe der Bibel wird ihr da mit überirdischem Lächeln angeraten. Auf dem Titelbild eine attraktive Jesusfigur mit freiem Oberkörper. Hmmm… Frau Elfenbein überlegt ernsthaft, ob sie Jesus eine Chance geben sollte. Aber in der Bibel gibt es weder Sex noch Meditation und man müsste dauernd wohltätig sein. Also weg damit!

In der darauffolgenden Woche dann ein Brief vom Tierheim Lichtenberg mit einem entzückenden Foto: „Rauhaardackel sucht Frauchen.“ Oh je, bestimmt hat Sie das jetzt sehr entmutigt, liebe Leserinnen. Das tut Frau Elfenbein aufrichtig leid. Seien wir also tapfer und fassen wir zusammen:

Ab 50 gibt es nicht mehr: gut bezahlte Jobs, einen Karriereumschwung, Partys, Sex, Pommes Frites, Steaks, Eier und Milch, Hochleistungssport, ( … bitte selbst ergänzen …)daphne-4

Stattdessen gibt es:
Vorsorgeuntersuchungen, Beratungsgespräche über die rechte Pflegeversicherung und überhaupt Altersvorsorge, Aqua-Fitness, Rauhaardackel, online Bibelstudien, Ehrenamtliches, (bitte selbst weiterführen …)

Und? Wie feiern Sie die Aufnahme in den Club der Alten Eisen, liebe Leserinnen?
Wie auch immer … Frau Elfenbein geht sich jetzt die Haare färben. Und weil sie trotzdem noch mit ihrer Fernbrille optimistisch in die Zukunft blickt, schaut sie sich schon mal nach einem Lodenmantel und einem Paar Gesundheitsschuhen um, die dann ab 60 zum Einsatz kommen. Ab diesem Zeitpunkt ist die Assimilierung an die neue gesellschaftliche Rolle dann hoffentlich ohne tragische Zusammenbrüche geglückt. Die übrig gebliebenen Haare dürfen dann auch ruhig grau bleiben.

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