Zweite Lebenshälfte

Es ist unmöglich, die Lebensmitte zu bestimmen. Erinnerungen an eine völlig andere Welt und das Leben steckt voller Überraschungen.

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Hoppala – bin ich schon da? Ich werde nächste Woche 44! Ja, genau. In früheren Jahrhunderten war ich damit in vielen Fällen schon weit über die Lebensmitte hinaus! Aber nun liegt ja die Lebensmitte und damit auch die zweite Lebenshälfte bei jedem zeitlich etwas anders und da wir nicht genau bzw. ehrlich gesagt überhaupt nicht wissen, wo unser persönlicher Schlussstrich für dieses Erdenleben liegt, ist es unmöglich die Lebensmitte zu bestimmen.
Ich habe ja schon vor einiger Zeit beschlossen, 120 Jahre alt zu werden – gesunde 120 Jahre versteht sich. Wer lacht mich da aus? Ja, natürlich ist das naiv. Aber spannend! Ich bin sehr gespannt, ob so eine Entscheidung Einfluss darauf hat, wie alt wir werden, und ob ich nun tatsächlich 120 Jahre alt werde…
So gesehen dürfte ich ja noch gar nicht für einen Blog für und von Menschen in der zweiten Lebenshälfte schreiben. Aber da mein Experiment in gar keiner Weise wissenschaftlich belegt ist, kann ich es eben doch! Und 88 wäre ja auch schon ein schönes Alter…
Manchmal denke ich: Oje! Da hast Du Dir aber was vorgenommen! An Tagen, wo mir jetzt schon alles zuviel ist (die gab es allerdings auch schon als ich 18 war!).
Und mal ehrlich – auch wenn ich gerade eine dreijährige Tochter habe und als Mutter noch blutjung bin – denn als Mutter bin ich auch erst drei Jahre alt – eben die Mutter einer Dreijährigen – so bin ich doch insgesamt schon sehr alt.
Jawohl, sehr alt! Ich bin im letzten Jahrtausend geboren. Und wenn ich alle über Sechzigjährigen jetzt schallend lachen höre, so merke ich doch wie alt ich bin daran, wie viel ich selber schon miterlebt habe, wie viel sich in meinem Leben verändert hat und daran, mit welchen Geschichten von meinen Eltern und Großeltern ich aufgewachsen bin!

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Meine Großmutter mütterlicherseits hat als Kind noch Ziegen gehütet, um ein wenig zum Lebensunterhalt der Familie hinzu zu verdienen, bevor sie mit fünfzehn als Dienstmädchen für reiche Leute nach Berlin kam. Und sie war traurig, weil sie an ihrem freien Tag nie tanzen gehen konnte, weil das Geld, das sie verdiente, nicht reichte, um sich Schuhe zu kaufen. Sie schickte immer ganz viel davon nach Hause zu ihren fünf Geschwistern und ihren Eltern, die im damals deutschen Teil des heutigen Polen lebten. Ah ja.
Andere Vorfahren waren reich und gründeten den ersten Verlag in Frankfurt am Main, der damals die Telefonbücher druckte. Sie hatten ein Schlösschen am Bodensee und eine Villa in Frankfurt. Ha, Ha! Ich sage: nur zwei Kriege!
Krieg… Mein einer Großvater ist mit 25 in Russland gefallen (25! – zum Glück war mein Vater da schon unterwegs). Meine Eltern sind beide Kriegskinder. Sie erzählen von Kohlrübenwinter und Hamsterfahrten aufs Land. Beide sind in Berlin aufgewachsen. Bombenangriffe, sich im Keller verstecken, spielen mit Murmeln auf der Straße oder in den Ruinen. Mein Vater hat noch viel wildere Sachen gemacht mit seinen zwei älteren Brüdern. Ich sag nur von der Freibrücke springen und sich hinten an die Lastschiffe hängen, um sich bis zur Pfaueninsel ziehen zu lassen.
Damals gab es noch Pferdewagen, die den Kneipen Eisblöcke lieferten und Brause/ Bier etc. wurde alles in das kleine Milchkännchen, das meine Mutter immer noch besitzt, abgefüllt.
Das sind Geschichten aus einer sehr fernen Zeit und ich stamme direkt von diesen Menschen ab.
Und dann mein eigenes Leben. Aufgewachsen in Westberlin, umgeben von einer Mauer, die ich als gegeben und ewig hinnahm.
Wollte man verreisen, die Grenzkontrollen von unfreundlichen Vopos, die nie lächelten, auch nicht wenn ich lächelte oder Grimassen schnitt oder Faxen machte – ich habe alles mögliche ausprobiert. Sie waren völlig humorfrei und Freundlichkeit schien an dieser Grenze fremd.
Dann der Mauerfall als ich 18 war. Plötzlich war die Stadt voller Touristen und seitdem ist es nie mehr so geworden wie es war. Berlin ist eine völlig neue Stadt geworden, anderes Tempo, andere Atmosphäre – alles anders. Und die DDR? Weg. Nur noch als Erinnerung in den Köpfen und als Prägung im Verhalten, der Menschen, die dort aufgewachsen sind.

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Als ich 18 war, hab ich in Ostberlin eine WG bezogen – mein Zimmer dort kostete 84 Mark – DM, auch sowas Historisches. Mein Geld neben dem Studium hab ich mir als Babysitterin bei den Britischen Alliierten verdient. 650 DM pro Monat, plus Berlinzulage. Davon konnte ich gut leben und zum Verreisen blieb auch noch Geld übrig, denn abgesehen von der Miete und ein bisschen Essen zahlte ich nur noch die Monatskarte (13, – Mark). Telefonkosten und Internetanschluss gab es nicht. Nur einen Münzsprecher im Wedding. Die Telekom brauchte Jahre, um in ganz Ostberlin Leitungen zu legen. Und Handys waren noch nicht auf dem Markt. Internetsurfen war noch unbekannt.
Es war eine völlig andere Welt!
Vor allem, wenn ich mich an die damaligen Preise erinnere, komme ich mir wirklich vor wie aus einem anderen Jahrtausend: umgerechnet 325 Euro! Und davon konnte ich gut leben?! Haha! Heute könnte ich davon nicht mal meine Miete zahlen – ja es würde nicht einmal reichen um, das Essen für mich und meine kleine Familie zu zahlen.
Ich bin noch nicht einmal an meiner Lebenshälfte angelangt, denn wenn ich wirklich wie geplant 120 werde, komme ich da erst in 76 Jahren an, aber wenn es so weiter geht werde ich bis dahin viiiiiieeeeel Geld brauchen und bis 120 noch viiiiiieeeeeel meeeeehhhhrrrrr!
Na da hab ich mir ja was vorgenommen.
Zum Glück weiß man nie, wie das Leben so spielt und mit Sicherheit kommt mal wieder alles anders als man denkt! Das ist das Einzige, was ich wirklich gelernt habe in den letzten 44 Jahren, dass das Leben voller Überraschungen steckt und besonders dann, wenn man denkt  – so ist es jetzt und so bleibt’s erstmal – dann steht man meist direkt vor der nächsten großen Änderung.
Wenn ich allerdings meine, schlauer zu sein, und denke: AHA! Es ist so merkwürdig ruhig, wahrscheinlich ändert sich bald wieder alles, kann sich das auch noch Jahre hinziehen. Soweit meine dürftigen Schlüsse aus den millionenfältigen Erfahrungen, die das Leben zu bieten hat.
Vielleicht sind Sie ja da schon weiter gekommen.

 

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