Afrikaner öfnen ihre Türen für Europäer

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»Adopted«: ein Film und ein Projekt

Drei Europäer werden »adoptiert« von Familien in Ghana: eine Umkehrung des üblichen Patenschaftsmodells. Das scheint kaum vorstellbar. Afrika kennen wir nur als einen Kontinent des Hungers, der Kriege, der Krankheiten, der Armut. Die Menschen in dem Dokumentarfilm »Adopted« ändern die Blickrichtung, indem sich Deutsche von ghanaischen Familien „adoptieren“ lassen oder anders gesagt, indem ghanaische Familien Deutsche aufnehmen. Ob die „Adoption“ erfolgreich wird, wie lange sie dauert, weiß vorher niemand.

Der Ursprung ist eine künstlerische Idee, der Wunsch, eine Vision in die Welt zu setzen. Die alljährlichen Briefaktionen zur Weihnachtszeit, in denen mit traurig blickenden Kindern aus Afrika um Patenschaften geworben wurde, ließen bei Gudrun F. Widlok, Filmemacherin und Künstlerin, die Idee zu dem Kunstprojekt „Adopted“ entstehen. Es bagann mit der Gründung des „Adopted-Büros“, mit Ausstellungen und ersten europäischen Interessenten. Danach fanden die Aufsstellungen in Westafrika statt, bei der sich interessierte afrikanische Familien meldeten. Der Film „Adopted“ von den Regisseuren Gudrun F. Widlok und Rouven Rech ist die Umsetzung ihrer Idee und der künstlerische Abschluss des Projektes.

Es geht Gudrun F. Widlok also um eine Veränderung des Blickwinkels, die Umkehrung der Perspektive, indem afrikanische Familien Patenschaften für Europäer übernehmen, ihre Familien für sie öffnen. Das knüpft an eine tief verwurzelte kulturelle Tradition der Afrikaner an: die Gastfreundschaft, die Selbstverständlichkeit, Verwandte oder Nachbarn in der Familie aufzunehmen. Es ist einfach etwas Normales. Die Motivation der afrikanischen Familien besteht darin, aus der Rolle des Hilfsbedürftigen herauszukommen, Gebende zu sein, respektiert zu werden. Bei den Kontakten und Vorgesprächen mit den ghanaischen Familien hat Gudrun F. Widlok den Satz gehört: »Ja, vielen Dank, dass ihr uns mal zuhört.« Auch gibt es ein Mitteilungsbedürfnis zu sagen: »Hier, das sind unsere Werte, das haben wir.« In dem Film formuliert es ein Familienvater über seinen deutschen Gast so: »Wenn er zurückgeht, dann kann er von der reichen Kultur in Ghana erzählen und sie zu anderen Menschen bringen.« Gudrun F. Widlok berichtet über die Neugierde, andere Menschen kennen zu lernen, von einander zu lernen und findet es auffallend, wie schnell offene Fragen gestellt werden.

Bei den Ausstellungen in Afrika war die Resonanz von Anfang an groß. Es meldeten sich 100 westafrikanische Gastfamilien. Die Afrikaner blätterten in dem Katalog mit den Bildern von den einsamen, traurig blickenden Europäern, die den Wunsch hatten, in einer Großfamilie zu leben. Sie klebten dann ihren Namen auf die entsprechenden Fotos an den Wänden. So wurden die drei Europäer – die Protagonisten des Films – vom Foto weg »adopiert«.
Diese drei hatten sich entschieden, neue Erfahrungen zu machen und erstmal alles hinter sich zu lassen: Thelma – eine 20jährige Studentin, Ludger – ein 36jähriger Schauspieler, Gisela – eine 70jährige Rentnerin. Der Film begleitet sie in Ghana bei ihrem täglichen Leben und den Gesprächen in den Familien.

Er beginnt mit den Vorbereitungen in beiden Ländern: den Europäern, wie sie sich aus ihrem Leben hier verabschieden, sich mit Fotos, Gesprächen, Büchern auf dieses Abenteuer vorbereiten und den ghanaischen Familien, die sich das Foto ihres neuen Familienmitglieds anschauen, sich auf sie freuen.

Gisela sagt von sich: »Hier bin ich nur die ›Olsche‹, die auch abtreten kann, bin nur Mutter nach dem Papier. Dort sind alte Menschen die Weisen, zu denen man aufschaut, die das Sagen haben.« Es gibt auch andere an dem Projekt interessierte Menschen über 60 Jahre, die im fortgeschrittenen Alter noch einen Neuanfang wagen, ein Stück Zukunft wollen. Menschen, die sagen, sie wollen nicht nur gucken, was hinter ihnen liegt, sondern sie haben noch etwas vor, sie haben noch was drauf, können noch was geben – und was nehmen. Gisela ist auf der Suche, meint, dass sie vielleicht noch etwas lernen könne. Sie hat die Fragen: Wie erziehen sie dort ihre Kinder? Wie leben sie? Sie denkt auch, dort könne sie einen anderen Lebensrhythmus genießen.

In Ghana überlegt Gisela dann, wie es ihr hier mit ihrer Situation geht: In Deutschland findet sie es ruhig, in Ghana laut. Und sie wägt ab zwischen dem mangelnden Komfort einerseits und mehr Zuwendung andererseits. Sie hat das ghanaische Familienleben erlebt: mit Pflichten und Versorgtwerden.

Zur allgemeinen Familiensituation sagt Gudrun F. Widlok, dass einigen Menschen in Ghana klar sei, dass es in Europa Altersheime gäbe, dass die Alten nicht in der Familie lebten. So weit sie informiert ist, gibt es in Ghana nur wenige Altersheime für diejenigen, die keine Familie mehr haben. Dort stellt niemand die Frage: »Kann ich mit meiner Mutter auf dem gleichen Grundstück leben?« Da wird nicht lange überlegt. Das wird gemacht. Man lebt meist noch in der Großfamilie zusammen. Die Kinder gehen nicht so schnell weg, sobald sie einen Schulabschluss haben. Auch finanziell funktioniert das manchmal nicht, denn es gibt keine Sozialhilfe wie bei uns. Oft ist es also eine pragmatische Überlegung.

Auch in Ghana wird lebhaft über den Wert von Traditionen diskutiert und darüber, wie man sie mit dem modernen Leben wieder verbinden kann, im kulturellen sowie im sozialen Bereich. Wenn es etwas zu planen gibt, wird generell miteinander geredet. Mit zwanzig Jahren haben sich viele nichts sagen lassen, aber es gibt welche, die mit fünfunddreißig zurückkommen und feststellen, dass es leichter ist, sich zusammenzusetzen und mit den Erfahrungen der anderen, Lösungen zu finden. Einfach ist das nicht, aber es gibt die Bemühung, sich auseinanderzusetzen. Rouven Rech hat erlebt, mit welcher Überraschung reagiert wird, wenn man in Ghana sagt, man lebe allein. Allein leben ist ein fremder Gedanke. Umgekehrt ist es so, dass er sich auch nicht vorstellen könnte, mit sechs anderen Leuten zusammen zu leben.

Der Film endet mit den unterschiedlichen Lebensentscheidungen der drei Protagonisten. Es wird deutlich, dass alle viel gewonnen, erfahren, gelernt haben. Und bei allen sind mit den ghanaischen Familien herzliche Beziehungen entstanden. Der Film spielt mit den Wunschvorstellungen nach einem neuen Leben und ist ein eindrucksvolles authentisches Dokument der Begegnung von Afrikanern und Europäern unter einem veränderten Blickwinkel. Für die Afrikaner ist die Erfahrung wichtig: Wir werden gebraucht, wir können etwas vermitteln, was anderen verloren gegangen ist. Rouven Rech fasst das, worum es den Filmemachern geht noch einmal so zusammen: »Wir wollen eine Idee in die Köpfe pflanzen. Wir möchten was in Gang setzen, das Bedürfnis wecken, aufeinander zuzugehen. Wir haben einen bestimmten Blick als Europäer, die nach Afrika gehen. Es ist der Versuch, eine andere Perspektive zu finden, als sie sonst da ist, nämlich dieses Geben: Nicht ich gebe dir jetzt und dann machen wir das und dann einfach drüber stülpen, sondern stattdessen: sich reinfinden. Nicht nach dem Motto – ich bin der große Europäer.«

In der Eröffnungsrede des Projektes in Ghana heißt es: »As every seed has to be planted to become a plant so ideas have to be sown to become reality.« (So wie jedes Samenkorn gepflanzt werden muss, um eine Pflanze zu werden, müssen Ideen gesät werden, um Realität zu werden.)

 

Projekt Adopted: Das Kunstprojekt ist beendet, aber das Patenschafts-Projekt soll weiter gehen, ist aber keine neue NGO. Jeder muss seine Reisekosten bezahlen und auch einen Beitrag zu den Haushaltskosten in der Familie leisten. Eine öffentliche Förderung gibt es bisher nicht. Informationen unter: www.adopted.de

Film Adopted: Der Fernsehsender ARTE wird den Film voraussichtlich Anfang des nächsten Jahres senden. Regisseure: Gudrun F. Widlok, Rouven Rech, 20

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