Altersbilder im Wandel

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Die alternde Gesellschaft vor neuen Herausforderungen

Ob positiv oder negativ – Altersbilder haben im Lauf der Geschichte sowohl Wandlungs- als auch Beharrungsvermögen bewiesen. Erste ethnologische Studien, auf die sich Simone de Beauvoir in ihrem Werk über das Alter gestützt hat, zeigen eine große Vielfalt an archaischen Altersbildern und ihre Abhängigkeit von den Werten und der sozialen Realität der jeweiligen Gruppen. Sesshaftigkeit, Ressourcenerschließung, Agrartechnik, vor allem aber auch die ethischen und vertraglichen Regelungen des Zusammenlebens konnten scheint ihm das vorstellbare Maximum erreicht zu sein. Dies ruft den heftigen Widerspruch Solons hervor, der in seiner Elegie über die Lebensalter eine erste Theorie der Lebensaufgaben entwirft, in der dem Alter eine besondere Rolle zukommt. Während die Jugend vom Wachstum gekennzeichnet ist und das mittlere Alter von geistiger Brillanz und weltlichem Engagement, steht das Alter unter dem Zeichen des Ordnens, aber auch noch des Lernens, und dem Tod wird erst jenseits des achtzigsten Lebensjahrs Platz eingeräumt, wenn das Leben aufgrund die Situation der Alten wesentlich begünstigen. Unter den Bedingungen von Mangelwirtschaft und Zerfall sozialer Strukturen hingegen wurden Alte und Kranke als erste ausgeschlossen und vernachlässigt. Ein Alter in sozialer Geborgenheit ist prinzipiell ein Phänomen kultureller Entwicklung und keine natürliche Gegebenheit. Aufgrund der Fortschritte bei Hygiene und Medizin ist während der letzten dreihundert Jahre in immer mehr Ländern eine weitgehend gesicherte durchschnittliche Lebenszeit von heute schon beinahe acht Jahrzehnten Realität geworden.

Alter als Last oder Chance

Über die Bewertung der Langlebigkeit waren sich schon die antiken Vordenker nicht einig. Bereits im 6. Jahrhundert v. Chr. entsteht in Griechenland eine beispielhafte Kontroverse über das Alter. Der Lyriker Mimnermos beklagt auf eine radikal pessimistische und existentielle Weise die negativen Seiten des Alters:
Aber nur spannenlang zeigt sich uns gleich einem Traum, Jugend, an Ehren so reich; das leidige, peinlich entstellte Alter, über dem Kopf hängt es und droht es sogleich, Ungeachtet, gehasst, und nimmt dem Mann das Erkennen, Hüllt ihn ein und versehrt Augen und geistigen Blick.

Alt, hässlich und hinfällig werden die Menschen beiderlei Geschlechts seiner Auffassung nach bereits jenseits des jüngeren Erwachsenenalters, und mit sechzig Jahren physischer Gebrechlichkeit und geistiger Ermüdung nur noch als Last erfahren wird. Bereits vor über zweieinhalb Jahrtausenden wird hier die Ambivalenz des Alterns aufgefächert: das existentielle Leiden an der eigenen Endlichkeit mit allen ihren negativen Begleiterscheinungen einerseits und die Freude über ein langes, erfülltes Leben andererseits. In der modernen Gerontologie finden sich beide Bilder wieder, im Defizitmodell (Alter als Kette an Verlusten) einerseits und im Kompetenzmodell (Alter als Möglichkeit psychischer und spiritueller Weiterentwicklung) andererseits.

Der römische Staatsmann Cicero, der in Cato maior de Senectute die vielleicht mächtigste Verteidigung des Alters im Abendland entwickelte, verband diese mit der autoritären Haltung des Belehrens und einer Abwertung der Jugend als Zeit naiver Unwissenheit und animalischer Vitalität. »Große Dinge«, schreibt er, »vollbringt man nicht durch körperliche Kraft, Behendigkeit und Schnelligkeit, sondern durch Planung, Geltung und Entscheidung; daran pflegt man im Alter nicht nur nicht abzunehmen, sondern gar noch zuzunehmen.« Unverkennbar ist ein derart positives Bild vom Alter mit einer sozialen Realität verknüpft, in der alte Menschen (privilegierte Männer) Ansehen und Macht genossen. Von der Gerusia, dem Ältestenrat Spartas bis zum römischen Senat wurde ihnen in der klassischen Antike oftmals eine höhere Urteilsfähigkeit zugerechnet. Die Voraussetzung hierfür war eine hoch entwickelte, stabile und wohlhabende Gesellschaft.

Alte Menschen als Herausforderung an den sozialen Zusammenhalt

Radikal anders und schlechter ist das Altersbild in sozialen Zusammenhängen, die von Mangel an Ressourcen und Zivilisation geprägt waren. Es gibt Überlieferungen, dass im mittelalterlichen Island in einer offenen Volksversammlung beschlossen wurde, während der Hungersnöte alte und behinderte Menschen von der Nahrungsmittelzuteilung auszuschließen. Bekannt ist auch das rituelle Ausstoßen gebrechlicher Menschen, die zu schwach waren, mitzuziehen, aus dem Leben nomadisch lebender Völker durch sozial erwarteten Suizid, Tötung oder Zurücklassen. Je stärker eine Gemeinschaft auf die physische Belastbarkeit jedes einzelnen ihrer Mitglieder angewiesen ist, je weniger arbeitsteilig und solidarisch sie funktioniert, desto weniger kann sich ein Schutzraum der Geborgenheit für schwache Mitglieder herausbilden.

Die in der ursprünglichen Kontroverse zwischen Mimnermos und Solon aufscheinende Differenz zwischen einem positiven und einem negativen Altersbild bestimmt auch das Verhältnis zwischen idealen Altersbildern und der Realität alter Menschen. Während in vielen Kulturen der Respekt vor dem Alter zu den ethischen Normen gehört und einzelne alte Menschen als weise Ratgeber und Familienoberhäupter verehrt werden, kann die allgemeine Realität parallel dazu eine ganz andere, negative sein. Simone de Beauvoir hat diese »Diskrepanz zwischen den Mythen einer Gemeinschaft und ihren tatsächlichen Gepflogenheiten« mit vielen Beispielen aus ihren ethnologischen Studien belegt. Familistische Vorstellungen über die bessere Versorgung alter Menschen durch die Großfamilie werden sowohl historisch als auch zeitgeschichtlich widerlegt. Der Sozialhistoriker A. E. Imhof bestätigt aufgrund seiner Datenkenntnis trocken: »Nostalgie beruht auf Unkenntnis und basiert auf falschen Voraussetzungen«.

In der Moderne wiederentdeckte Potentiale des Alters

Vor dem historischen Hintergrund der Blüte neuzeitlicher Wissenschaft und Kultur, dem Optimismus der Aufklärung und dem Entstehen der Demokratie in Frankreich und Amerika etabliert sich – man denke an Voltaire, Goethe oder Blake – ein positives Altersbild, das noch während der Unruhen des Dreißigjährigen Krieges undenkbar gewesen wäre. Die Überzeugung, dunkle Zeiten der Unzivilisiertheit hinter sich gelassen zu haben, die Zufriedenheit über das Erreichte und eine verbesserte Lebensqualität begünstigten die Freude über das lange Leben. Eine Identifikation mit den Leistungen der Zeitgeshichte und die Hoffnung, wenn nicht Überzeugung, die Menschheit gehe einer friedlicheren und besseren Zukunft entgegen, konnte ein versöhnliches Licht auf die eigene Endlichkeit werfen. Das Altersbild wendet sich durch die Aufklärung ins Positive.

Am deutlichsten kommt dies in Hegels Geschichtsphilosophie zum Ausdruck, wo er das Alter der Hochkulturen mit den menschlichen Lebensaltern parallelisiert und das weltgesichichtliche wie das individuelle Alter als Erfüllung der Zukunft interpretiert. „Das Alter im allgemeinen macht milder« meint er, alte Menschen seien »durch den Ernst des Lebens tiefer belehrt« und fähig, weiter zu schauen und ihren Frieden mit der eigenen Rolle in der Welt zu finden.

Jugendkult und Altersverachtung

Nach der Restauration des 19. Jahrhunderts wendete sich das Altersbild wieder deutlich ins Negative und die Jugend galt als Hoffnungsträgerin (Junges Deutschland), während das Alte für verknöcherte Macht stand. »Youth is the one thing worth having« heißt es im 2. Kapitel von Oscar Wildes Roman The Picture of Dorian Gray, bevor alle Nachteile des Alters aufgezählt werden. Von überlegener geistiger Reife und erfahrener Intelligenz ist keine Rede mehr. Die Revolution brauchte sowohl die Kraft als auch den Idealismus und die Formbarkeit der Jugend. Der Futurismus und später der Faschismus machten aus einer Kultur der zunächst ästhetischen Jugendverliebtheit einen politischen Kult und verherrlichten die jugendliche Vitalität und Risikobereitschaft. Das Neue, das Junge und Aggressive galt als zukunftsträchtig, das Alte, Zaudernde als überholt.

Auch die philosophische Theorie der jüngeren Moderne tut sich schwer damit, positive Altersbilder zu finden. Jean Améry, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Norberto Bobbio sind gewissermaßen alle Erben des existentiellen Negativismus von Mimnermos und können dem Alter keinen positiven Sinn abgewinnen, wenn nicht den, eine bessere Alternative zum frühen Tod zu sein. Der Begriff der Weisheit gilt ihnen als überholt und Lebenserfahrung wird angesichts exponentiell wachsenden Wissens in den Bereich des Privaten verbannt.

Aktuelle Aufgaben unserer Gesellschaft

Bei Betrachtung der gegenwärtigen Situation fällt auf, dass einer zunehmenden faktischen Macht der älteren Generationen kaum positive Altersbilder entsprechen. Noch nie zuvor waren so viele Menschen so alt, so gesund, so gebildet, so mobil und nicht zuletzt so vermögend, und dennoch ist das medial beherrschte Alltagsleben von Jugendfixiertheit dominiert.

Die Gegenwart der Realität des Alterns ist dabei vor allem von vier Besonderheiten gekennzeichnet: Durch die anhaltende Zunahme der Lebenserwartung bei längerer Gesundheit im Allgemeinen; durch die damit verbundene Ausdehung der Lebensphasen und eine erhebliche Verlängerung des aktiven Alters im einzelnen; durch die Sorge, wie sich ein kontinuierlich wachsender Bedarf an Ressourcen für Pensionen und Pflege aufbringen lässt; und schließlich durch am Horizont heraufdämmernde Fragen, nach inner- wie intergenerationeller Gerechtigkeit. Helmut Kohl benutzte 1984 in seiner Rede vor der Knesset die pathetische Formel von der „Gnade der späten Geburt“. Ohne explzit davon zu sprechen, haben wir heute eine Generation alter Menschen, denen die „Gnade der rechtzeitigen Geburt“  zuteil geworden ist. Das war während der Zeit des Auf-und Ausbaus der Sozialstaaten, vor der Entfesselung globaler Finanzmärkte und der Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse.

Zwischen dem Eintritt ins Rentenalter und der Zunahme an Verletzlichkeit liegen bei denen, die das Glück haben, von der Arbeit nicht zu sehr gezeichnet worden zu sein, ca. zwei Jahrzehnte zur freien Verfügung. In seiner Kalendergeschichte Die unwürdige Greisin beschreibt Bertolt Brecht eine Witwe, die alle familiären und gesellschaftlichen Erwartungen an ihre Einsatzbereitschaft enttäuscht, um endlich ein nach heutigem Sprachgebrauch heodnistisches Leben zu beginnen. Für ihre späte Selbstverwirklichung, die „kurzen Jahre der Freiheit“ nach „langen Jahren der Knechtschaft“, sind ihr ganze zwei Jahre gegönnt. Es liegt auf der Hand, individuell wie sozial zu fragen, was man mit der inwzischen gewonnenen Lebens- und Freizheit des dritten Alters machen will, soll oder darf. Die Frage, wie sich der »wohlverdiente Ruhestand« auf die Zeit jenseits des 80. Lebensjahres beschränken lässt, in der sich die gesundheitlichen Einbußen stärker bemerkbar machen, wird entscheidend sein für das Wohlergehen einer alternden Gesellschaft, in welcher der Generationenvertrag an seine Grenzen stößt. Er müsste durch nichts weniger ergänzt werden als durch einen neuen Gesellschaftsvertrag, und zwar in einem dreifachen Sinn:
1.  dass weder die alleinige Anzahl der Lebens- bzw. Arbeitsjahre noch bestimmte Lebens- und Arbeitsverhältnisse dazu berechtigen, sich aus der gesellschaftlichen Verantwortung zurückzuziehen;
2.  dass der Ressourcenfluss nicht im Wesentlichen von den jüngeren zu den älteren Generationen verlaufen muss, sondern dass es auch einen stärkeren innergenerationellen Ausgleich zwischen mehr und weniger Privilegierten geben muss, insbesondere wenn der Sockel an jüngeren Menschen schrumpft;
3. dass inner- wie intergenerationelle Gerechtigkeit Konflikten vorbeugt.

In Zukunft könnte weniger ein lautstarker Generationenkonflikt zwischen Rentenanwärter/innen und denen drohen, die kaum noch eine Versorgung erwarten können, sondern eher eine stille Abwanderung der Jüngeren. Wenn Rentenansprüche gegenüber einer Generation geltend gemacht werden, die ihren eigenen Unterhalt und den ihrer Kinder kaum längerfristig sicherstellen kann, werden sich ihre stärksten Vertreter nach anderen Orten umsehen, und die Nachteile eines globalisierten Nomadentums werden sich erneut auf die alten Menschen auswirken. Eine stärkere soziale Einbindung des aktiven Alters gäbe dem sozialen Zusammenhalt nicht nur größere Stabilität, sondern könnte wesentlich zur Verwirklichung des Strebens nach Partizipation, Kommunikation und Anerkennung im Alter beitragen.

Von der Autorin gekürzte und überarbeitete Fassung von „Altersbilder im Wandel“, in: Gegenworte Nr. 25, Frühjahr 2011 (www.gegenworte.org)

Eva Birkenstock studierte Philosophie, Lieteraturwissenschaften und Geschichte. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehört die Gerontologie.

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