Altersbilder in der Gesellschaft

Botschaften des Sechsten Altenberichts der Bundesregierung

Edme Bouchardon-Arme alte Frau

 

Einleitung

In einer Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden, sind sowohl die Entwicklung und Entfaltung von Potenzialen des Alters als auch der Umgang mit Grenzsituationen des Alters zentrale Aufgaben. Wie Individuen und die Gesellschaft mit diesen Aufgaben und Anforderungen umgehen, wird von Altersbildern wesentlich mitbestimmt: Altersbilder haben Einfluss sowohl auf die Verwirklichung von Entwicklungsmöglichkeiten im Alter als auch auf den Umgang mit Grenzen im Alter. Die Zukunft des Alters hängt also auch von Altersbildern ab. Die Bundesregierung hat deshalb eine Kommission aus Sachverständigen damit beauftragt, für den Sechsten Altenbericht die Altersbilder in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zu untersuchen und ihren Wandel und ihre Wirkungen zu analysieren. Im November 2010 wurde der Sechste Altenbericht veröffentlicht, er trägt den Titel »Altersbilder in der Gesellschaft«.

In ihrem Bericht hat die Kommission eine Vielzahl von Erkenntnissen und Empfehlungen über die Altersbilder in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zusammengetragen. Die wichtigsten dieser Erkenntnisse und Empfehlungen werden im Folgenden zu fünf zentralen Botschaften zusammengefasst.

Die Vielfalt der Lebenslagen im Alter
Je älter die Menschen einer Kohorte werden, desto unterschiedlicher werden sie. Ältere Menschen sind – anders als häufig implizit angenommen wird – keine homogene Gruppe. Der sozialen Ungleichheit im höheren Lebensalter sollte deshalb viel mehr Aufmerksamkeit zukommen als bisher. Es sind nicht alle älteren Menschen reich und es sind auch nicht alle älteren Menschen arm. Dies ist natürlich eine Binsenweisheit, die dennoch betont werden muss, weil in manch einer sozialpolitischen Debatte allzu häufig pauschale Annahmen über ältere Menschen getroffen werden. Die sozialen Unterschiede innerhalb der Gruppe der älteren Menschen sind möglicherweise größer als die sozialen Unterschiede zwischen verschiedenen Altersgruppen: Manche ältere Menschen haben mit jüngeren Menschen mehr gemeinsam als mit anderen älteren Menschen.

Diese Botschaft von der Vielfalt der Lebensumstände im Alter klingt banal, sie hat jedoch wichtige Implikationen. Die Vielfalt der Lebensumstände älterer Menschen bringt es etwa mit sich, dass vom kalendarischen Alter einer Person kaum mehr auf ihre Lebensumstände geschlossen werden kann. Zwei Menschen, die gleich alt sind, können sich in völlig unterschiedlichen Lebensumständen befinden. Aus diesem Grund fordert die Sechste Altenberichtskommission die Politik dazu auf, starre Altersgrenzen auf den Prüfstand zu stellen. Altersgrenzen, die Rechte und Pflichten von Personen allein auf Basis des kalendarischen Alters regeln, sind angesichts der unterschiedlichen Lebensumstände älterer Menschen einfach zu pauschal. Sie sollten auf ihre Zweckmäßigkeit
hin überprüft und gegebenenfalls aufgegeben werden. Privilegien und Begünstigungen sollten nicht nach Lebensalter gewährt oder verwehrt werden, vielmehr sollte dazu die soziale Gesamtsituation einer Person in Betracht gezogen werden.

In gesundheitspolitischen Debatten wird hin und wieder das kalendarische Lebensalter als Kriterium für Rationierungsentscheidungen ins Spiel gebracht. Auch solchen Forderungen nach einer Rationierung von Leistungen aufgrund des Lebensalters liegen unangemessene und undifferenzierte Altersbilder zugrunde. Mit Blick auf die unterschiedlichen Lebensumstände in der Gruppe der älteren Menschen erteilt die Altenberichtskommission deshalb allen Forderungen nach einer Rationierung von Gesundheitsleistungen aufgrund des Lebensalters eine klare Absage.

Das Entwicklungspotenzial älterer Menschen
Wissenschaftliche Studien über Altersbilder in verschiedenen Lebensbereichen zeigen, dass häufig angenommen wird, ältere Menschen könnten sich körperlich und seelisch-geistig nicht oder kaum mehr entwickeln, seien zu großen Veränderungen nicht mehr in der Lage. Das Älterwerden wird oft mit einem Verlust an Lernfähigkeit, Offenheit und Neugierde gleichgesetzt. So hält sich etwa in der Konsumwirtschaft hartnäckig die Vorstellung, ältere Menschen seien per se markentreu und würden ihre einmal eingenommenen Konsumgewohnheiten beibehalten. In vielen Unternehmen sind Personalverantwortliche, aber auch viele ältere Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen selbst der Meinung, dass sich eine berufliche Weiterbildung für sie nicht mehr lohne. Auch hinter diesen Annahmen stehen unangemessene Altersbilder: Die Alternsforschung hat zahlreiche Belege dafür erbracht, dass sich Menschen bis ins höchste Lebensalter verändern und entwickeln können.

Allgemein gesprochen ist der Begriff »Alter« zu sehr mit der Vorstellung eines Lebensabschnitts verbunden, in dem sich nur noch wenig verändert. In einer Gesellschaft des langen Lebens ist der Begriff »Alter« deshalb zu statisch und zu eng, um die tatsächliche und mögliche Vielfalt und Dynamik individueller Lebenslagen und Entwicklungen zu beschreiben. Statt des »Alters« sollte deshalb das »Altern« stärker betont und damit eine Lebenslaufs- und Entwicklungsperspektive akzentuiert werden.

Das Altern ist nicht schwarz oder weiß, sondern hat viele Facetten
Viele Altersbilder polarisieren: Sie überbetonen positiv bewertete Aspekte des Älterwerdens und blenden negativ bewertete aus – oder anders herum. Tatsächlich ist in einer Gesellschaft des langen Lebens eine einseitige Betonung der Potenziale und Stärken des Alters genauso wenig sinnvoll wie eine einseitige Betonung der Verletzlichkeit und der durch das Älterwerden entstehenden Grenzsituationen. Das Älterwerden umfasst sowohl Veränderungen, die als Gewinn, als auch Veränderungen, die als Verlust verstanden werden – und in der Regel treten positiv und negativ erlebte Erfahrungen mit dem Älterwerden auch nicht nacheinander, sondern eher gleichzeitig auf. Beides, die Entwicklung und Umsetzung von Potenzialen auf der einen Seite und der Umgang mit Grenzsituationen des Alters auf der anderen Seite, sind zentrale gesellschaftliche und individuelle Aufgaben in einer Gesellschaft des langen Lebens. Auch in dieser Hinsicht sind differenzierte gesellschaftliche Altersbilder notwendig, die alle Facetten des Älterwerdens berücksichtigen. Auf der individuellen Ebene ist es bis ins hohe Alter eine Herausforderung, die eigenen Ressourcen und Kompetenzen zu erkennen und zu nutzen und gleichzeitig die eigenen Grenzen und die Abhängigkeit von der Hilfe anderer Menschen bewusst anzunehmen.

Eine neue Kultur des Alterns
Es gibt im Umgang mit älteren Menschen die Tendenz, von einer Fürsorge- und Hilfebedürftigkeit der älteren Menschen auszugehen. Dies zeigt sich beispielsweise in der Altenarbeit der christlichen Kirchen. Dort werden ältere Menschen oftmals vor allem als seelsorgerisch zu betreuende und in der Bewältigung des Alltags zu unterstützende Menschen angesehen. Eine Deutung des Alters als einen Lebensabschnitt, der einer besonderen Sorge und eines besonderen Schutzes bedarf, entspricht jedoch nicht der schon angesprochenen Vielfalt des Alters und den darin enthaltenen Potenzialen und Handlungsspielräumen. Der fürsorgerische Blick auf das Alter muss durch einen an den Stärken und Gestaltungsspielräumen des Alters orientierten Blick ergänzt werden.

Die Altenberichtskommission stützt sich in diesem Zusammenhang auf das Prinzip der Subsidiarität: Diese Prinzip besagt, dass Probleme am besten dort gelöst werden sollen, wo sie entstehen. Größere soziale Einheiten sind demnach erst dann für Problemlösungen zuständig, wenn die jeweils kleineren sozialen Einheiten nicht zu einer selbständigen Lösung in der Lage sind. Daraus leitet die Altenberichtskommission zwei Verpflichtungen ab: Erstens die Verpflichtung jeder Einzelperson, durch eine selbstverantwortliche Lebensführung Potenziale auszubilden, zu erhalten und sie für sich selbst und andere zu nutzen. Wie von jüngeren Menschen kann auch von älteren Menschen erwartet werden, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein selbst- und mitverantwortliches Leben führen. Dies betrifft zum Beispiel die Bildung: Wie in jedem anderen Lebensabschnitt besteht auch im fortgeschrittenen Alter ein Recht, aber auch eine Pflicht zur Bildung. Dabei wird Bildung ganz weit als ein Eigenwert verstanden, der zum Erhalt von Selbstständigkeit, Gesundheit und Lebensqualität beiträgt und der eine große Bedeutung für die Bewältigung von lebensphasenspezifischen Entwicklungsaufgaben und Herausforderungen hat. Zweitens kann aus dem Subsidiaritätsprinzip auch die Verpflichtung des Staates abgeleitet werden, für Rahmenbedingungen zu sorgen, die jedem einzelnen Menschen eine angemessene Entwicklung und Verwirklichung von Potenzialen sowie eine selbst-und mitverantwortliche Lebensführung überhaupt erst ermöglichen. Es sind gesellschaftliche Vorleistungen nötig, damit die Einzelperson zur Selbst- und Mitverantwortung befähigt wird. Hiermit sind auch Maßnahmen zum Ausgleich von sozialen Ungleichheiten und zur Vermeidung und Bekämpfung von Armut angesprochen.

Weniger auf das Alter schauen als auf soziale Ungleichheiten
Von Texten wie den Altenberichten der Bundesregierung wird in der Regel erwartet, dass sie die Besonderheiten des Lebensabschnitts »Alter« aufzeigen, dass sie herausstellen, wie sich ältere Menschen von jüngeren Menschen unterscheiden. Der Sechste Altenbericht erfüllt diese Erwartung nicht. Vor allem wenn man ihn zwischen den Zeilen liest, regt er vielmehr dazu an, dem Alter oder Altersunterschieden weniger Gewicht zu geben als üblich und dafür mehr auf soziale Ungleichheiten auch zwischen älteren Menschen zu achten.
Häufig wird angenommen, dass ältere Menschen vor allem aufgrund ihres Alters in bestimmten Lebensumständen stehen. In vielen Hinsichten hängt die Lebenssituation älterer Menschen jedoch weniger von ihrem Alter ab als davon, was sie in ihrem bisherigen Lebensverlauf getan und erlebt haben, von ihrem Bildungsstand, ihrem (vormaligen) Beruf, ihrer Familienbiografie. Die individuelle gesundheitliche Entwicklung hängt zum Beispiel in hohem Maße mit dem Bildungsstand zusammen: Je höher der Bildungsstand einer Person ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass diese Person bei guter Gesundheit ist – unabhängig vom Lebensalter. Personen mit einem höheren Bildungsstand und einem höheren Einkommen engagieren sich auch eher ehrenamtlich als Personen mit einem niedrigeren Bildungsstand und einem geringeren Einkommen – auch unabhängig vom Lebensalter.

Noch viel zu häufig findet man im Alltag jedoch die Annahme, eine Person befinde sich in einer bestimmten Situation oder handle auf eine bestimmte Weise, weil sie ein bestimmtes Alter hat. Bei dieser Annahme wird dem Lebensalter zu viel Gewicht gegeben, andere soziale und altersunabhängige Lebensumstände dieser Person bleiben dann unberücksichtigt, und es entsteht ein unvollständiges und verzerrtes Bild dieser Person. Der Sechste Altenbericht kann auch als ein Plädoyer verstanden werden, im alltäglichen Umgang miteinander nicht als erstes auf das Lebensalter zu schauen und daraus Schlüsse zu ziehen, sondern vielmehr das Alter und Altersunterschiede einmal etwas weniger zu thematisieren.

Deutsches Zentrum für Altersfragen Geschäftsstelle für die Altenberichte der Bundesregierung Manfred-von-Richthofen-Str. 2 12101 Berlin E-Mail: frank.berner@dza.de

Die Altenberichte der Bundesregierung
Die Bundesregierung ist verpflichtet, dem Bundestag in jeder Legislaturperiode einen Bericht zur Lage der älteren Menschen in Deutschland (Altenbericht) vorzulegen. Zu diesem Zweck beruft sie jeweils eine unabhängige Sachverständigenkommission, die ein Gutachten zu einem vorgegebenen Thema erstellt. Die Kommissionen tragen den aktuellen Wissensstand zum jeweiligen Berichtsthema zusammen und leiten daraus Empfehlungen ab. Die Empfehlungen richten sich in erster Linie an die Regierung, aber auch an Nichtregierungsorganisationen wie Verbände, Vereine, Initiativen sowie an die Bürgerinnen und Bürger. Die Altenberichte haben die Funktion, der Politik eine Orientierung zu geben, vorliegende wissenschaftliche Befunde einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen und auf diese Weise öffentliche Debatten anzuregen.

Die Altenberichte können unter www.bmfsfj.de oder und www.dza.de heruntergeladen oder in gedruckter Form kostenpflichtig beim Bundesanzeiger Verlag (telefonisch 0800-12 34 339) bezogen werden. Eine Kurzfassung des Sechsten Altenberichts kann kostenfrei beim Publikationsversand der Bundesregierung (telefonisch 01805-77 80 90) bestellt werden (Broschüre »Eine neue Kultur des Alterns«).

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.