Andere Zeiten

In den letzten Tagen und Wochen habe ich sehr oft an meine Großmutter gedacht. Sie ist 1888 geboren und 1964 gestorben. Da war ich gerade 21 Jahre alt. Das ist lange her und damit auch die Erinnerung an sie immer mehr verblasst. Jetzt ist Oma wieder präsent. Sie war eine robuste, energische Frau, mit der ich viel Zeit in meiner Kindheit verbracht habe, mehr als mit meiner Mutter. Und ich erinnere mich an ihr Leben, über das wir so wenig gesprochen haben. Ihr Mann war früh gestorben, meine Großmutter damals mit 34 Jahre Witwe. Sie war eine schöne Frau, deren mühsames Leben ihr nicht ins Gesicht geschrieben war.

Über ihr Leben denke ich zurzeit häufig nach.

Sie hat mir erzählt, dass sie einmal in ihrem Leben den Kaiser, also Kaiser Wilhelm II. gesehen hat, ihm zuwinken konnte. Und durch diesen Kaiser musste meine Großmutter den 1. Weltkrieg erleben. Sie sprach nicht von ihren Ängsten, die sie um ihren Mann hatte, der im Krieg war. Ich kann sie nun nicht mehr danach fragen. „Wo war mein Großvater? Wie ist es ihm ergangen?“

Aus Filmen und Fotos weiß ich, wie ausgemergelt die Menschen nach dem Krieg waren. Wie das Kriegsgeschehen die Soldaten erschüttert hat. Die einen ehemaligen Soldaten haben geschwiegen, die anderen haben immer und immer wieder über ihre schrecklichen Erlebnisse gesprochen. Und wir, wir waren gnadenlos und haben nur gesagt „Opa spricht mal wieder über den Krieg“. Von posttraumatischen Erlebnissen wusste damals niemand was. Das ist ja auch erst in den letzten Jahren in unser Bewusstsein gekommen, oder besser gesagt, erkannt worden, was schreckliche Erlebnisse bei Menschen ausmachen.

Die Menschen waren damals, auch weltweit, erschöpft.

Dann kam die Spanische Grippe gegen Ende des Krieges. Sie forderte 50 Millionen Tote. Meist jüngere Menschen. Auch diese Zeit hat meine Großmutter, ihre Tochter war damals gerade vier oder fünf Jahre alt, erlebt. Welche Angst musste sie damals für das kleine Kind und sich selbst gehabt haben.

Ja, die goldenen 20er Jahre. Davon haben wir viel gehört. Weniger allerdings von dem damaligen Elend, der Arbeitslosigkeit, dem Hunger, der Kälte in den Wohnungen. Erst später, in der 68er Bewegung setzten wir uns auch mit dieser Zeit auseinander, nicht nur mit dem Dritten. Reich. Ein spätes Nachdenken.

Meine Großmutter war eine alleinerziehende Frau. Als Verkäuferin in einem Hutgeschäft ernährte sie sich und ihre Tochter. Leider wurde sie dann eine glühende Anhängerin der „neuen Zeit“ nach 1933. Auch darüber haben wir nie gesprochen. Sie war schon gestorben, bevor ich ihr Fragen stellen konnte.
Sie hat den 2. Weltkrieg erlebt und durchlebt. Sie versuchte mich, als Baby und meine beiden älteren Brüder zu beschützen. Wir lebten damals an der Grenze zur Schweiz, von Krieg war da nichts zu merken. Der Krieg tobte ja ganz woanders

Dann das Kriegsende, der „Zusammenbruch“, wie das oft bezeichnet wurde. Das war dann die schwere Zeit für meine Familie, meine Großmutter. Es mangelte allen an allem. Menschen, Flüchtlinge kamen aus dem Osten, sie mussten aufgenommen werden. 12 – 14 Millionen suchten im zerstörten Deutschland eine neue Bleibe. Die Familien im Westen mussten zusammen rücken, machten Platz in ihren Wohnungen für andere. Diese Wohnungszwangsbelegungen machten viele sicher nicht ganz freiwillig.
Auf engsten Raum schlief meine Großmutter mit ihren drei Enkelkindern. Über diese Zeit hat sie auch nicht gesprochen, aber diese Zeit haben viele von uns ja noch in Erinnerung.

Zusammen gefasst: meine Großmutter hat den 1. Weltkrieg erlebt, die Spanische Grippe, den 2. Weltkrieg und die Nachkriegszeit.

Ihre Wohnung war in ihrem Leben oft kalt, weil sie nichts zum feuern hatte, sie hat Hungerzeiten erlebt. Das komplette Angebot, wovor sie Angst haben könnte.

Heute habe ich Angst. Eine diffuse Angst. Und da frage ich mich: wovor habe ich Angst? Und denke an meine Großmutter.

Meine Wohnung ist warm, ich kann die Heizung einfach hochstellen, wenn es draußen mal kalt ist. Mein Kühlschrank ist voll, ich bin gut versorgt. Nachbarn und junge Menschen bieten sich an, für mich einzukaufen, damit ich mich – in meinem Alter als gefährdeter Mensch eingestuft – keiner   Ansteckungsgefahr aussetzen muss. Aber trotzdem bleibt eine diffuse Angst. Warum nur, frage ich mich.

Aber dann, dann denke ich an meine Großmutter, und mir geht es besser.

 

 

 

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