Corona und die Alten

Seit Beginn der Corona-Pandemie stehen Ältere und Alte als besonders zu schützende schwache Menschen im Zentrum gesellschaftlicher Aufmerksamkeit. Der Grund dafür ist zunächst, dass das Risiko eines schweren oder gar tödlichen Verlaufs einer Covid-19-Infektion mit zunehmendem Lebensalter steigt. Doch wenngleich dieser Zusammenhang epidemiologisch nicht zu bestreiten ist, sind die sozialen Zusammenhänge komplex und alles andere als eindeutig. Nicht zuletzt ist Alter – auch epidemiologisch – ein Risikofaktor unter anderen.

Umso mehr muss erstaunen, dass in den einschlägigen Debatten eines zweifelsfrei festzustehen scheint: dass ältere Menschen als schwach, gefährdet, hilfsbedürftig und somit als Objekte von Schutz- und Isolationsmassnahmen betrachtet werden müssen, während sie als handelnde Subjekte außen vor gelassen werden können. Regelungen zur Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum gehen offenkundig von gesunden und leistungsfähigen Menschen aus: Aktivitäten allein oder zu zweit waren in der Lockdown-Phase draußen erlaubt, zugleich galt vielerorts ein Verweil-Verbot. Welche 90jährige Seniorin erfreut man aber mit der Mitteilung, dass sie zwar joggen oder Tischtennis spielen, nicht aber in der Sonne auf einer Parkbank sitzen darf? Und während in Presse und den sozialen Medien hunderte Erfahrungsberichte zum Thema Home Schooling und zur Vereinbarkeitsproblematik erwerbstätiger Eltern zu finden sind, gibt es kaum Berichte darüber, wie Menschen, deren Angehörige normalerweise in einer Tagespflegeeinrichtung versorgt werden, die neue Rund-um- die-Uhr-Betreuung zu Hause organisieren. Wir haben es, kurz gesagt, mit einer merkwürdigen Gleichzeitigkeit aus An- und Abwesenheit des Alters und der Alten in der Coronakrise zu tun – eine Entwicklung, die aus mehreren Gründen problematisch ist.

 Altersbild nach Bedarf: Von der Ressource zum Risiko und zur Nebenrolle

Unter den Bedingungen der Pandemie erlebt der längst überholt geglaubte Defizitdiskurs über das vermeintlich abhängige, bedürftige und eingeschränkte Alter eine neue Blütezeit – und gemeindet dabei auch die sogenannten jungen Alten wieder mit ein, deren Potentiale und  Ressourcen in den letzten zwei Jahrzehnten gefeiert wurden. In Zeiten von familiärem Wandel und zunehmender Frauenerwerbstätigkeit, von Sozialabbau und Fachkräftemangel schien die sozialpolitische Aktivierung des Alters diese Probleme ideal, weil ebenso kostengünstig wie sozial verträglich, lösen zu können. Es zeigt sich jedoch jetzt, dass diese leistungsbezogene „Aufwertung“ des Alters nicht zu einem nachhaltig veränderten Blick auf das höhere Lebensalter in seiner ganzen Bandbreite geführt hat.

Im Gegenteil: Das Engagement als betreuende Großeltern oder als Freiwillige in der häuslichen Pflege, in der Flüchtlingshilfe oder bei den Tafeln ist in Windeseile von der Ressource zum Risiko mutiert. Das nun reaktivierte Defizit-Bild ruft ein eher einsames, bescheidenes, aktivitätsarmes, technikfernes und auf die häusliche Sphäre konzentriertes Leben auf. Dies aber trifft auf einen nicht unbeträchtlichen Teil Älterer gar nicht zu, der über reiche Bildungsressourcen und eine auskömmliche Finanzsituation verfügt.

Überdies gerät dabei die soziale Dimension des Risikos, an Covid-19 zu sterben, völlig aus dem Blick: Über den Zusammenhang von Alter, Klasse und Gesundheit spricht derzeit kaum jemand. Vielmehr wird suggeriert, die Älteren seien ab einem bestimmten Alter quasi „von Natur aus“ gefährdet, obwohl nicht alle 80jährigen gleichermaßen verletzlich sind.

Gesundheitszustand und Lebenserwartung sind in Deutschland, wie in den meisten anderen Ländern auch, hochgradig klassenspezifisch verteilt: So leben die einkommensstärksten 20 % der Männer hierzulande fast neun Jahre länger als die einkommensschwächsten 20 Prozent. Doch für diese sozial ungleich verteilte Sterblichkeit, die das Leben der weniger Privilegierten um viele Jahre verkürzt, gesunde Hochaltrigkeit zu einem Privileg macht und ganz nebenbei noch die Rentenleistungen von unten nach oben umverteilt, gibt es so gut wie keine öffentliche Aufmerksamkeit.

Auch die Vorerkrankungen, die Menschen in der aktuellen Situation zu Risikopersonen machen, sind beileibe nicht gleich verteilt. So hat ein mittelalter Mann mit niedriger Berufsqualifikation ein acht mal höheres Risiko, aufgrund einer Herz-Kreislauf-Erkrankung frühverrentet zu werden, als ein hochqualifizierter Gleichaltriger. Vergleichbares gilt für Frauen.

Es sollte aber nicht nur darum gehen, ungleich verteilte Risiken zu erfassen, sondern vor allem darum, sie – zumindest mittelfristig – abzubauen. Dazu braucht es nicht in erster Linie eine Isolation „der“ Alten, sondern eine Gesellschaft, in der Krankheitswahrscheinlichkeit und Sterblichkeit nicht länger zentral von den ökonomischen Mitteln abhängen.

Stattdessen aber dominiert in der Corona-Debatte eine altersbezogene, bipolare „Wir/ Sie“- Sichtweise: die Hauptrolle übernehmen „Wir“, die retten und schützen; „Sie“, die potentiellen Opfer bzw. „Risikogruppen“, müssen mit der Nebenrolle vorlieb nehmen. Haben Ältere hier ihre eigenen Ideen oder ziehen es gar bei allem Risiko vor, doch lieber ihre Enkel zu sehen als allein zu sein, werden sie als uneinsichtig und undankbar angesehen, da sie den ihnen angedachten Schutz nicht wollen. Das zeigt einmal mehr: Die (notwendige) Debatte über den Schutz der vom Virus besonders Gefährdeten wird weitgehend ohne Beteiligung der Älteren und Alten geführt. Dabei findet eine kollektive Entmündigung statt, obwohl in Wirklichkeit nur ein kleiner Teil dieser angeblich homogenen Gruppe tatsächlich nicht mehr kommunikations- und entscheidungsfähig ist.

Überleben vor Lebensqualität und schlechte Arbeitsbedingungen in der Pflege

Die bisherige Corona-Diskussion drehte sich vor allem um das Überleben und weniger um Fragen der Lebensqualität. Das ist einerseits angesichts der objektiven Krisensituation verständlich, andererseits gerade für ältere und alte Menschen gefährlich. Denn dem alten, vor allem dem sehr alten Leben wird auch unter „normalen“ Umständen schon pauschal wenig Lebensqualität zugeschrieben. Doch wer sowieso davon ausgeht, dass Ältere ihren Lebensabend in – in der Tat skandalös schlecht ausgestatteten – Pflegeheimen oder auf dem Sofa vor dem Fernseher fristen, muss dann auch in Krisenzeiten nicht nach der zusätzlichen Verschlechterung von Lebensqualitäten fragen.

In der Abwägung von „Schutz“ und Lebensqualität überwiegt zudem eine irritierende Altersvergessenheit und ein problematisches Bild des Sterbens: Wer für die vorübergehende Isolierung von Alten und Gefährdeten eintritt, blendet aus, dass „vorübergehend“ für eine höchstaltrige oder schwerkranke Person im Zweifelsfall endgültig bedeutet. Und wer einerseits das strikte Besuchsverbot in Alten- und Pflegeeinrichtungen verteidigt und andererseits einräumt, Angehörige sollten nichtsdestotrotz Sterbenden in „ihren letzten Stunden“ die Hand halten dürfen (so der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, www.deutschland- funk.de, 3.4.2020), dann ist das ein idealisiertes und unrealistisches Bild vom Sterben.

Sterben ist oftmals gerade kein kurzer, überschaubarer Zeitraum, in dem Hände gehalten und letzte bedeutungsschwangere Worte gesprochen werden, bevor dann der Tod als Übergangsereignis folgt. Vielmehr handelt es sich um einen Vorgang, der häufig Tage oder auch Wochen dauert und dessen Abschluss nicht exakt bestimmbar ist. Es ist deshalb ebenso unmenschlich wie in der Planung unrealistisch, eine Sterbende Wochen vor ihrem Tod komplett zu isolieren, um dann wenige Stunden vor dem Tod die Angehörigen dazu zu holen.

Freilich entstehen solche Vorschläge auch angesichts der katastrophalen Arbeitssituation in den unterbesetzten Pflegeeinrichtungen. Sie ist vor allem die Folge einer an Kostenreduktion ausgerichteten Politik, die Einsparungen auf dem Rücken überlasteter Fachkräfte vornimmt und dabei zugleich auf die Ausbeutung informeller Pflegearbeit von Laien aus Familie, Zivilgesellschaft und dem Ausland setzt. Dass Pflegekräfte sich nicht genügend um die Pflegebedürftigen kümmern können, unbezahlte Überstunden leisten und wegen immer noch unzureichender Schutzausrüstungen hoher Infektionsgefahr ausgesetzt sind, hat zwar zu Beifall von Balkonen und auch zu einmaligen Sonderzahlungen, aber bisher nicht zu nachhaltigen Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen geführt. Die im Rahmen des Covid-19-Krankenhausentlastungsgesetzes bereits beschlossene Aussetzung gesetzlicher Vorgaben zur Personalausstattung in Krankenhäusern und Pflegeheimen zeigen eher, dass während der Coronakrise die Politik des „Downgradings“, also dem Absenken von Pflegestandards, in der Pflege weiter verschärft worden ist. Die bloße Etikettierung der Pflegekräfte als „systemrelevant“ kann diesem Trend nicht entgegenwirken.

Für ein solidarisches Miteinander

Mit sinkenden Infektionszahlen kehrt die jüngere und gesunde Bevölkerung nach und nach in ein zunehmend ’normaleres‘ Leben zurück. Aber wie werden die Älteren in Zukunft leben? Werden sie sich weiter einschränken und sich faktisch für die Freiheit der Jüngeren opfern (müssen)? Mit welchen Erwartungen sind sie konfrontiert? Hier gilt es, in nächster Zeit genau hinzuschauen.

Ein solidarischer und menschlicher Umgang mit der Coronakrise und ihren Folgen muss danach fragen, wie ein solidarisches Miteinander aussehen kann, das Menschen nicht biopolitisch nach Risiko sortiert und davon ausgehend in unterschiedlicher Weise in ihren Grund- und Selbstbestimmungsrechten einschränkt. Die nach dem Infektionsschutzgesetz angeordnete und sinnvolle Quarantäne für tatsächlich infizierte Menschen darf auf keinen Fall zur Blaupause für die Zwangsquarantäne und damit de facto Zwangsisolierung einer ganzen Bevölkerungsgruppe werden, um so die Bewegungsfreiheit der „nicht-alten“ Mehrheitsgesellschaft zu sichern. Auch sollten Ältere nicht mit drängenden moralischen Appellen genötigt werden, sich zugunsten aller anderen ‚freiwillig‘ selbst zu isolieren.

Die Autorinnen:
Dr. Silke van Dyk, Professorin für Politische Soziologie, Dr. Stefanie Graefe und Dr. Tine Haubner, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Soziologischen  Institut – Universität Jena

Eine frühere Fassung dieses Artikels haben die Autorinnen veröffentlicht in:
Blätter für deutsche und internationale Politik, H. 5/2020
Das Überleben der „Anderen“: Alter in der Pandamie

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