Der müde Blick

Augen-Nofretete

Ich hatte das Wort vorher nie gehört: »Schlupflider«?! – Als meine alte Freundin M. vor einigen Jahren das Problem erstmals anriss, tauchten bei mir Wespen, Nudeln, Schlümpfe auf.
Seitdem geht es hin und her. Ob oder ob nicht? Gemeint ist die OP der Oberlider!

M., die Ende Sechzig ist und ein wirklich schönes altes Gesicht hat, schildert, diese hängenden Lider kämen ihr zu Zeiten wie schwere wallende Teppiche vor! Da hinge das Alter drin und die Müdigkeit. Und unter denen schwitze sie im Sommer. Das frühere Auge sei nicht mehr da, mit seinem frischen und abenteuerlustigen Blick.

Diese Teppiche nun, die für mich von außen wie eine leicht bewegliche überschüssige Haut der Oberlider aussehen, will sie sich – so der immer wieder wankende Entschluss – entfernen lassen. Einmal steht sie kurz davor, der OP-Termin ist schon locker festgemacht, dann verschwindet das Thema wieder in dunkle Schubladen und ist monatelang keines mehr.

Damit ich weiß, was in zwanzig Jahren auf mich zukommen kann, habe ich mich inzwischen auch schon mal belesen. Die OP wird als jung machendes Event angekündigt, das schon ab Mitte Vierzig (aha!) ins Auge gefasst werden sollte:
»Das Älterwerden ist zuerst an den Augenlidern zu erkennen, da dort die Haut besonders zart und trocken ist. Die Folge ist, dass das Bindegewebe an Spannung verliert und sich erste Fältchen bilden. Eine Lidkorrektur bietet sich an, wenn der entstehende Hautüberschuss zu groß wird. Dieser Hautüberschuss zieht die Lider nach unten. Folge der Hängelider ist, dass der Blick
müde wirkt.

Vor der Operation wird der Hautüberschuss genau vermessen, dieser wird bei der OP entfernt, zusätzlich strafft man die Lidmuskulatur. Eine Lidkorrektur ist eine relativ einfache OP einer bis eineinhalb Stunden. Die örtliche Betäubung ist ausreichend. Von der OP merkt man kaum etwas. Hinterher verbleibt normalerweise nur eine feine Narbenlinie, die entlang der natürlichen Lidfalten verläuft und nach einiger Zeit kaum noch zu erkennen ist. Als Ergebnis winkt Ihnen nach einer Lidkorrektur ein strahlender offener Blick. Insgesamt erfreuen Sie sich an einem viele Jahre jüngeren und gesünderen Aussehen! Der Erfolg hält ca. sechs bis zehn Jahre, bei manchen Patienten bis zu zwölf Jahre an.«

Einmal kam M. erregt und tatendurstig vom Augenarzt zurück. Die Krankenkasse, hieß es, übernehme die OP, wegen der Einschränkung des Gesichtsfeldes, die der Arzt freundlicherweise attestiert hatte. Immerhin, so ein Auge könne schon mal an die 500 bis 800 Euro kosten, pro Auge wohlgemerkt! Eine Zeichnung war angefertigt worden. Ein Termin anvisiert und bald, nach dem Urlaub, der anstand, wäre es soweit gewesen! M. zögerte nur etwas, als sie hörte, es würde zuerst das eine Auge und nach sechs Wochen das andere Auge gemacht. Man mache das, um eine perfekte Symmetrie herzustellen. »Und wo soll ich in den sechs Wochen hin?!«, fragte sie empört.

Dann kam M. aus dem Urlaub im Süden zurück, wo sie sich mit einer Altersgenossin mit eben diesem Schlupflider-Problem angefreundet hatte.

Die allerdings hatte das Problem schon gelöst. Die war ihr nämlich wegen der Augen aufgefallen. Nur waren das immer weit geöffnete, man möchte sagen, aufgerissene Augen, die immerzu ein Erstaunen ausdrückten. Ja, ein Erstaunen an der Grenze zum Schrecken! Während des Urlaubs also war das Problem erörtert worden. »Du musst wissen«, hatte die Urlaubsbekanntschaft gesagt, »wenn du so etwas machst, dann hast du ein anderes Gesicht!« Es sei danach nicht mehr das vertraute Gesicht. Sie mahnte: »Wenn du das nicht weißt, erschrickst du vielleicht, wenn du das erste Mal in den Spiegel kuckst«.

Seitdem stagniert das Thema!
Seitdem schaue aber ich ab und zu in den Spiegel und prüfe Augenfältchen bzw. vor allem die Straffheit meiner Lider. Wann wird es bei mir wohl soweit sein? Der Einstieg in die Lidkorrektur dürfe nicht verpasst werden, heißt es in der einschlägigen Literatur, um keine zu harten Übergänge, vorher – nachher, zu haben!

Immer wieder einmal, wenn ich mit M. zusammen bin, hebt meine Freundin mit spitzen Fingern ihre Lider hoch, so wie Kinder ihre Augenlider hochreißen, um Schrecken zu verbreiten. Dies soll der Demonstration dienen, wie es nach der OP aussähe. »Na, furchtbar!«, sage ich. »Meinst Du, ich möchte immerzu in ein Munch-Gesicht schauen und mich immerzu fragen müssen, warum du so erschrocken kuckst?«

Ich schlage schließlich eine Computersimulation vor!

Und jetzt kommt M.auf einen ganz neuen Geschmack! Sie sagt: »Ich frage mich plötzlich, was das soll, so neue Augen in einem alten Gesicht! – Wie sieht das denn aus, alt und jung nebeneinander – nur eine ›geschönte Partie‹? Warum nicht gleich eine Generalüberholung – Also, entweder alles oder gar nichts …!«

Aber, ob das Problem dadurch gelöst worden ist?

 

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