Der Verlegte

Greuze

Eine wahre Geschichte aus dem Schwabenland

Die Angehörigen „sollet sich beeile!“, hieß es am Telefon mit der Nachricht, dass Herr E. nachts als Notfall verlegt worden sei wegen eines Fieberschubs in Folge der Lungenentzündung. Die plötzliche Verlegung aus dem gemütlichen Pflegeheim ins Krankenhaus verdutzte. So war es mit dem behandelnden Arzt nicht besprochen worden. Die Ehefrau, selbstbestimmt schwäbisch und auch schon an die Achtzig, und alle vier Kinder, Söhne und Töchter, waren sich mit dem Arzt nach Ausbruch jener Lungenentzündung einig gewesen: „Mir wollet dem Herrgott sein Wille lasse!“ Dr Fadda, der die letzten Jahre mit schwerer Demenz im Heim gelebt hatte, sollte in Frieden, „so wis sei soll“, sterben können. Nur in jener Nacht, nach Schichtwechsel und mit steigendem Fieber, verloren sich die frommen Zusagen.

Der Verlegte war bis vor wenigen Jahren ein großer stattlicher Mann gewesen. Ein Leben mit Erfolg: ›Auf da schwäbische Eisebahne!‹ Er hatte nach dem Krieg den Aufstieg bei der Deutschen Bahn gemacht und später ein Omnibusunternehmen für Ausflugsfahrten ins Leben gerufen. So manche
illustre Gesellschaft reiste mit ihm durchs Ländle. Als er aber einige Zeit nach seiner Pensionierung am Heiligen Abend vor versammelter Familie wie jedes Jahr die Weihnachtsgeschichte las und sie nach verklungenen Worten und einer stillen Minute ein zweites Mal ansetzte, als habe man noch nichts gehört, und sie noch ein drittes Mal gelesen hätte, wennman ihm nicht das Buch unauffällig unter der Hand weggezogen hätte, stutzte die Familie: „Sisch was nimmä in Ordnung!“ Von dieser Stunde an wurde das gewohnte Leben zu einem ungewollten Theaterstück, man hätte auch sagen können zu einer komischen Hölle auf Erden. Und für seine Frau wurde es eine Prüfung, die nur mit Gott zu bewältigen war, den es in Schwaben aber noch gibt: „Mir hättet im Garta schaffa und au reise welle und ’s Läbä genieße“, sagte sie, aber die Wege Gottes seien unergründlich, da könne man sich nicht dagegen stellen! Das eigene Haus erschien dem Hausherrn nun als Hotel, Bilder aus seiner Kinder- und Jugendzeit schoben sich unverbunden ins Alter, morgens wollte er zur Arbeit und kämpfte erbittert und wütend für sein Recht darauf. In seine Frau verliebte er sich beim täglichen ›Kennenlernen‹ neu und machte ihr rührende Heiratsanträge, und die eigenen vier Kinder waren ihm Fremde, die bestaunt und bisweilen misstrauisch beäugt wurden. Nach Jahren dieses turbulenten Lebens zuhause folgte das Heim, man war am Ende: „‚S gôt nimmä!“

An diesem Morgen also fuhr man, die Mutter und zwei der Töchter, eilig besorgt in die städtische Uni-Klinik, um den Schwerkranken zu besuchen. Was hieß besuchen? Man fuhr, um den Vater noch einmal zu sehen und zu schauen, was dort mit ihm geschehen war, um zur Stelle zu sein, um ihn vor der modernen Medizin zu retten – für ein unbeschadetes Sterben.

Dort angekommen, erfuhr man nach einiger Wartezeit unten auf einem Flur ohne Sitzgelegenheit oder sonst irgendeinen Halt von einem dazugerufenen Arzt, dass der Eingelieferte leider soeben verstorben sei! – „Um Gottes Wille!“ – Man war fassungslos und ging in dieser Fassungslosigkeit auf die angegebene Station, wo der Vater noch zu sehen sein sollte. Dort konnte das Pflegepersonal zunächst aber keine Auskunft geben: Herr E.? Nach endlosen leeren Minuten wusste eine junge Schwester den Namen E. doch zuzuordnen zu Zimmer 404, hinten am Flurende. – Sie habe den Patienten soeben versorgt und ihm eine Infusion angelegt – … ?

Die Familie, inzwischen hin- und hergeschleudert zwischen allen Gefühlslagen, will jetzt nur mehr eines: Den Vater sehen! Geräte und Schläuche erwarten sie und ein Sterbender.
Ins Zimmer eilt nun auch der Arzt, der die Todesbotschaft überbracht hatte. Er wisse gar nicht, wie er sich entschuldigen könne: Zwei Einlieferungen – eine Verwechslung!

Dann werden Perspektiven und Wünsche besprochen. Auf Wunsch der Angehörigen wird alles, was inzwischen an Intensivmedizin aufgeboten worden war wieder zurückgefahren. Sogar das Antibiotikum, das man wegen der Lungenentzündung angesetzt hatte, wird unverzüglich abgesetzt. Die Papiere hatte man in der Aufregung Zuhause vergessen: „D‘ Betreuungsverfügung sollet ma morgä bringe.“ Was das Sterben betrifft, weiß man auch im Krankenhaus: Jeder alte Mensch brauche zum Sterben eine Krankheit – von alleine komme kein Tod.

Man nimmt Abschied, verbringt Zeit. Die berufstätigen Söhne treffen ein, Enkel und Urenkel. Das Krankenzimmer füllt sich mit Leben. Die Stunden vergehen.

Schließlich fällt einer der Töchter, von Beruf Krankenschwester, auf, dass nun pflegerisch gar nichts mehr geschieht, bzw. kaum mehr etwas. Der Schwerkranke wird alle 6 Stunden gedreht – sonst nichts. Man erkundigt sich, ob denn keine Flüssigkeit mehr zugeführt würde? „Aber Ihr wollet doch köi Medizin mähr?“ Flüssigkeit wolle man schon – man wolle den Vater doch nicht verdursten lassen! – oder würde das des öfteren so gehandhabt?- ja, heißt es, das käme so vor …

Um die seelischen Wogen über alles, was hier geschieht zu glätten, wird nun der katholische Pfarrer gerufen, eine ehrwürdige Instanz, damit der den Frieden und die“Lädschde Ölung“ spende. Der stürzt auch bald darauf ins Krankenzimmer. Der Sterbende, die Angehörigen interessieren ihn wenig. Er scheint keine Zeit fürs Sterben zu haben. Das Sakrament hastet er unverständlich, lieblos hin. Dann verschwindet der Geistliche wieder, wie eine Erscheinung.

Danach ist der Kranke wach und brabbelt vor sich hin. Seine Frau ermuntert ihn zu letzten Worten: „Gell, magst nix saga?“ Man hat ja auch Literatur zur Demenz gelesen, wo zu erfahren war, dass sterbende Demente, oftmals am Ende noch einmal ganz wach, letzte Worte zu sagen hatten. Es bleibt Gebrabbel, was seinen beiden Ur-Enkelinnen Freude macht.
Man weiß nicht, ob es jetzt bergauf oder bergab geht mit dem Vater. Vom Pflegepersonal ist kaum jemand zu sehen. Hatte das Antibiotikum oder die Letzte Ölung eine Wende gebracht?

Wenn es bergauf ginge, wäre die Frage zu lösen: Wohin mit dem Vater dann? Denn aller Wahrscheinlichkeit nach hatte sich jetzt nach den Krankenhaus-Torturen zur Demenz eine Bettlägerigkeit gesellt. Eine erschreckende und bedrückende Vorstellung für seine Lieben.

Man redet mit dem Kranken, „wo willscht du na?“, wo will er hin, stellt ihm die Perspektiven vor Augen: Pflegefall, künstliche Ernährung. Auch wenn er nichts mehr versteht in seiner Verwirrtheit, will man es ihm gesagt haben: „Fadda, wöisch scho dr Weg isch schwär!“

Er scheint es gehört zu haben. Das Krankenhaus drängt auf Weiterverlegung, schließlich behandle man den Kranken nicht und könne ihn deswegen nicht dabehalten. Es vergeht ein Tag in der Ungewissheit. Dann erreicht die Familie in den frühen Morgenstunden erneut ein Anruf, diesmal ist es keine Verwechslung, der Vater sei mit Tagesbeginn verstorben. Ganz für sich alleine.

Die Nachricht geht nach altem Brauch per Telefon-Alarmierungskette an die Verwandtschaft in den Dörfern. In der Trauer hört man allseits ein Aufseufzen, dass man es mit vereinten Kräften geschafft habe, dass es trotz allem ein glückliches, ja ein glimpfliches Ende gewesen sei, noch einmal gut gegangen. Für alle Beteiligten.
„Er isch oifach gschdorbä!“

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