Die eigensinnig Sterbende

Frau B. war „eine kleine, magere Frau mit lebhaften Eidechsenaugen, aber langsamer Sprechweise“, so erzählt es uns der Dichter Bertolt Brecht. Vielleicht hatte er dabei ein wenig seine Großmutter vor Augen (die Geschichte ist ihr jedenfalls zum 100. Geburtstag gewidmet), aber auf jeden Fall wurde diese Erzählung über ein mögliches Leben oder seine Utopie über ein letztlich wohl selbst im Alter noch unmögliches Leben als „Die unwürdige Greisin“ dann sehr berühmt, gar gleich zweimal verfilmt:

„Genau betrachtet lebte sie hintereinander zwei Leben. Das eine, erste, als Tochter, als Frau und als Mutter, und das zweite einfach als Frau B. (…) Das erste Leben dauerte etwa sechs Jahrzehnte, das zweite nicht mehr als zwei Jahre“ (Brecht).

Ich werde die Geschichte ein Leben lang sicherlich immer in den Ohren, und dabei Frau S. vor Augen haben, wie nur sie diese vortragen konnte.

Auch sie war eine kleine Frau mit lebhaften Augen. Auch sie war mager, jedoch aus ihren ganz eigenen Gründen. Denn sie wollte oder konnte sich nicht einmal im Alter das geringste Dickliche gönnen, und so wurden sogar die Medikamente, die sie nötig gehabt hätte, wenn sich mit ihnen Molligeres einstellte, eigensinnig abgesetzt.

Frau S. war eine Dame aus meinem Literaturkreis, in dem sie mit 70 Jahren ihr Talent zum Vorlesen wiederentdeckte, welches schon einmal, vor langer, langer Zeit für Furore sorgte, damals, als sie selbst noch ein kleines Mädchen war. Nach dieser Renaissance im Alter las sie bei den vielen ihrer kleinen oder großen Auftritte am allerliebsten die Geschichte von der „unwürdigen Greisin“ vor: ob es in der Krypta eines Doms war oder während der „Langen Buchnacht“ in Kreuzberg, ob in Universitäten, Schulen und Akademien.

Sie selbst war jedoch alles andere als eine Unwürdige: Wo immer sie auftrat – und Frau S. liebte wie brauchte dies öffentliche Auftreten sehr -, erschien sie wie aus dem Ei gepellt. Einmal las sie vor einer weit geöffneten Fenstertür von einer Hochparterre aus zu einem türkischen Gartencafe namens „Kafka“ hinunter. Auf dieser improvisierten kleinen Bühne saß sie – die Altersflecken und -furchen ihrer Hände in weißen Spitzenhandschuhen liebevoll geborgen wie verborgen – an einem runden Moccatisch. Umrahmt war sie von einem weinroten Fensterrahmen, dessen Rot sich ihrem leuchtend hennarot gefärbten Haar anschmiegte. Frau S. las „Die unwürdige Greisin“ dieses Mal ausnahmsweise mikrophonverstärkt im Wettstreit mit den lauten Geräuschen der großen Stadt. Aber gegen die Sirenen, die von Feuerwehr, Krankenwagen und Polizeiautos, war dann kaum ein Ankommen. Jenseits des aufheulenden Alarms wurde ihr hennarotes Haar für Augenblicke immer wieder zerflackert, regelrecht bläulich verfremdet, worüber sich die Eigensinnige selbst inmitten der Lesung noch empören konnte. Doch in den ungestört gesammelten Zeiten – und nicht anderes als das gute Sammeln bedeutet wie verspricht eigentlich das Lesen – zog der Hall beglückender Vorlesekunst als auch die Schau eines selbst beglückten Gesichtes die Zuhörenden in einen Bann, der längst Vergessenes irgendwo so zwischen Wachen und Schlafen erfahren ließ. Einen Bann, den übrigens auch die Vorleserin selbst bitter nötig hatte, um das wuchernde Wüten des Bösen in ihr in Schach zu halten. Das Geheimnis ihrer Kunst bestand zweifelsohne in den Pausen, die sie zwischen den Sätzen machte oder mitunter gar innerhalb eines Satzes setzte. Dann blickte sie mit meist großer Geste in die Tiefe des Raums.

Van_Gogh-L'ArlésienneVincent van Gogh: L’Arlésienne (Madame Ginoux), 1888

Ich habe nie eine Person so lesen gesehen, auch keine, die es in der Tastatur der Pausen zu derart vollendeter Musikalität gebracht hatte. Einmal kommentierte ich ihr dies als, dem bösartigen Leiden Pausen abzutrotzen, woraufhin sie nur spöttisch lächelnd bemerkte: „Ach, wissen Sie, meist kenne ich die Texte, die sie mir geben, doch noch nicht, ich muss also immer erst überfliegen, was gleich kommt“. Häufig wurde sie nach der Lesung umgarnt: ob sie eine Schauspielerin oder Radiosprecherin gewesen sei. Dieses von Bewunderung Umfangene tat ihr sichtlich gut. Liebte sie die Bewunderung oder das darin noch so gut von Sätzen oder gar Menschen Umfangene? Ich weiß es nicht, wer braucht’s zu wissen! Aber wenn solch’ Bewunderungsmedizin genommen ward, nannte ich ihr immer die Zeit der nächsten, fast wollte ich schreiben: Dosierung. So hangelte sie sich über die Jahre von Lesung zu Lesung, wurde ihr Vorlesen zur literarischen Apotheke.

Fragile Lebenslagen

Nach dem Ende ihres Beruflebens, dem Anfang der schweren Erkrankung, war sie verfolgt von den Erinnyen des Alters, und das sind wohl meist die unverdaulichen Toten des Lebens: ein Vater mit Nazivergangenheit und langem umnachteten Sterben oder dass sie die große Liebe ihres Lebens tot auffinden musste. Hinzu kamen weitere, dann typisch moderne Nöte: ihrem dritten Lebenspartner überflüssig wie der schwäbischen Umgebung überdrüssig floh sie nach Berlin. Dorthin, wohin zuvor ihre Tochter samt Enkelkindern vor einer womöglich zu viel Raum beanspruchenden Mutter Zuflucht gefunden hatte. Doch durch deren wiederum zu nahes Dasein wurde es selbst in der großen Stadt zu eng und der Tochter Fluchtleben ging dann weiter bis nach Südafrika, allerdings mit den geliebten wie gebrauchten Enkelsöhnen, „der Rettung kleinster Nacken“ (Brecht) im Gepäck.

Die von allen guten Geistern Verlassene hatte jedoch nicht nur dieses in fragilen Lebenslagen immer gut tuende Berlin als Exil, sondern eben dort schon ein Asyl gefunden. Das ist ein altbewährter Ort, an dem man sich von Angriffen verschont weiß: sie hatte ihren Literaturkreis. Und hier konnte endlich auch einmal – war es eine Folge der Kafka-Lektüre, war es Hesses „Kinderseele“, ich weiß es nicht mehr – die 60 Jahre unter dem Teppich gehaltene Scham ausgedrückt werden, dass einst der Lehrer „Tatzen“ austeilte, wenn er mit dem Stock Mädchenhände blutig schlug. Ganz nebenbei beinhaltete dieser gute Kreis auch ein Freundinnenangebot, wie vielleicht zuletzt in Mädchenjahren erfahren. Aber solch’ freundliche Offerte konnte die Eigensinnige kaum wahrnehmen, was dann als traurige Melodie in ihrem Sterben widerhallte.

Einmal gefragt, warum sie Mitglied der FDP gewesen sei – sie war eine Grande Dame dieser Partei im Schwabenland, bei ihr zuhause logierten all die noch freien Geister, deren Namen mir aus der Kindheit erinnerbar sind -, lautete ihre wie immer nüchterne Antwort: „Das war damals die einzige Partei, die sich dafür stark machte, dass Frauen sich ohne Schuld scheiden lassen können“.

Ihre Berliner Zeit jedenfalls verlebte sie in guter Tradition eines lebenslangen Freiheitsbegehrens, also im besten Brechtschen Sinne als eine Unwürdige: „die sich gewisse Freiheiten gestattete, die normale Leute gar nicht kennen. So konnte sie im Sommer früh um drei Uhr aufstehen und durch die leeren Straßen des Städtchens spazieren, das sie so für sich ganz allein hatte“ (Brecht).

Wie aus dem Ei gepellt, selbst dann als schon Sterbensnöte ihr Gesicht zerfurchten und sie sich trotzdem noch zweimal zu Lesungen in die Fachschule hin mühte, in der sie längst eine Legende war. Während des einen Auftrittes las sie in der Klasse von Altenpflegeschülern die Sterbeszenen aus den „Buddenbrooks“ von Thomas Mann. Das Besondere dieser Lesung war dieses Mal nicht ihre Vorlesekunst, es waren auch nicht die Zwischentöne aus Mozarts Requiem oder meine kleinen philosophischen Kommentare. Nein, das Besondere war, dass Frau S. in Beisein ihrer ambulanten Hospizhelferin las und es im Anschluss zu einem Gespräch mit den beiden über ihr Sterben kam. Sie hoffte damals noch – ein dreiviertel Jahr vor ihrem Tod – es selbstständig zuhause durchstehen zu können.

Letzte Stationen

ophelias Sch'theater b

Foto: Heide Heesen

Ich kenne keinen, der die Geschichte der letzten beiden Lebensjahre einer gewissen Frau B. so berührend vorlesen konnte wie Frau S. Das letzte Mal kam sie dann eben dorthin, um zum Abschluss der Puppentheater-Aufführungen „Ophelias Schattentheater“ zu lesen, Michael Endes kurz vor seinem Krebstod verfasste, so liebenswürdig wie weise Geschichte über eine Souffleuse, die am Ende ihres Theaterlebens von zahllosen Lebensschatten („Hein allein, Siechnacht, Leereschwere, Nimmermehr…“) heimgesucht wurde, um dann endgültig auf den „großen kalten Schatten des Todes“ zu stoßen: „Willst du mich trotzdem annehmen“, fragte er schließlich. „Ja, sagte Fräulein Ophelia, komm nur“ (Michael Ende).

Frau S. Hospizhelferin rief vorher „ganz hysterisch“ (Brecht) meinen Anrufbeantworter an: das ginge so ganz und gar nicht mehr, ich müsse die Lesung verhindern oder ein Taxi garantieren. Ich besorgte zwar das Taxi, wichtiger war mir jedoch die Ankündigung in den Klassen, die sie alle schon einmal erlebt hatten: „Nachher kommt nach zehn Jahren ungezählter Auftritte Frau S. das allerletzte Mal. Ich bitte also um Standing Ovations, und zwar um kein manisch johlendes, sondern um ein ästhetisch gepflegtes“. Um was es ging, das hatten alle ganz genau begriffen, aber wie diese wunderbaren jungen Menschen es umsetzten, verschlug nicht nur mir die Sprache. In den nächsten Tagen rief ich immer beunruhigter, indes vergebens bei ihr an. Sie ging nicht ans Telefon. Doch sie war nicht gestorben, nur restlos erschöpft; so sinnbildlich leicht stirbt es sich eben doch nur in den Träumen der Dichter. Wochen später fragte ich sie einmal, wie „dies Finale“ für sie gewesen wäre. Ihre Antwort: es habe ihr die Füße unter dem Boden gezogen, sie sei nach Hause geflogen.

Im Sterbehaus

„Wie aus dem Ei gepellt“ erschien sie auch dann, als sie schon im Hospiz lag, und im beginnenden Frühling, einen Tag vor ihrem Geburtstag ihren letzten begehen wollte. Da war sie schon weit über einen Monat im Sterbehaus. Wie wir es vereinbart hatten, rief ich, für den Fall, dass es unpässlich sei, vorher an. Doch an diesem Sonntag meldete sich am Telefon plötzlich eine fremde Stimme: „Frau S. ist in der Badewanne und erwartet Ihren Besuch“, wurde mein erschrockener Tonfall überaus warmherzig beruhigt. Ich traute meinen Ohren kaum. „Die unwürdige Greisin“ hat sich baden lassen. Ausgerechnet diejenige, die sich jedes ach nur freundliche Küsschen zur Begrüßung verbat, mitunter an schlechten Tagen sogar die Hand verweigerte, hat sich baden lassen. Als ich ihr kleines Zimmer betrat, fand ich dort ein frisch gebadetes, zurechtgemachtes, jedoch in Folge all dessen vollkommen erschöpftes Häuflein Elend zum Aufbruch nur halb in der Lage, dennoch entschlossen auf dem Bett sitzend vor. Sie wollte noch etwas, und zwar unbedingt. Und dieses Unbedingt hieß allemal nicht: zurück ins Bett oder Marsch ab in den Tod, sondern wollte schlicht ein Rendezvous, ein einziges Mal noch dies unvernünftige Dies.

Ich war irritiert, kannte ich sie doch als einen Geburtstagsmuffel wie mir im Leben noch keiner begegnet war. Aber dieser wollte seinen letzten Geburtstag begehen und da ihr Wunsch sich ein Tag zuvor verwirklichen konnte, war das ja durchaus mit dem ein Leben lang durchgehaltenen Geburtstagsgrantelprinzip vereinbar, mit dem ihre Nächsten all die Jahre und in den letzten vornehmlich dann halt auch ich arg strapaziert wurden. Denn am besagten Tag zuvor konnte sie friedlich und durchaus erfreut – also ohne diese mir gleich an den Hals zu schleudern – sogar die kleinen Geschenke annehmen.
O, Wunder!
Also nun noch einmal gegen die drohende Melancholie eine allerletzte Selbstinszenierung des Seins. „Was wird denn das geben?“, dachte ich beunruhigt. Es gab dann selbstverständlich auch das zu ihr gehörige, von mir durchaus gefürchtete Gezänk: Sie wollte den Rollator (ein Gehgefährt), ich bestand auf Rollstuhl.
O, weh!
Rollator steht für Gehen: also den letzten Geburtstag wirklich, wenn auch rollunterstützt restwürdig, irgendwie begehen, demgegenüber der Rollstuhl immer schon zuviel das Ergeben erfahren muss. Gegen das Gefahrenwerden sträubten sich die letzten noch regen Lebensgeister. Aber trotz Geburtstag blieb ich stur: „Nein, mit dem Rollator, das kommt überhaupt nicht in Frage“! Wie durchaus richtig das war, wurde Wochen später offensichtlich, als die Eigensinnige, von weniger Starrköpfigen begleitet, sich einen Oberschenkelhalsbruch bescherte.

Kurz und klein: an jenem guten Tag vor ihrem Geburtstag standen wir jedenfalls bei dem von ihr anvisierten Restaurant gegenüber dem Hospiz vor verschlossenen Türen. Das nächste Restaurant zwei Kilometer, entfernt – welch schöne Fügung: ein österreichisches Feinschmeckerlokal in der Königsallee für die in Österreich geborene Frau S.

Zwar waren dort alle Plätze längst reserviert, aber es gab eine ebenso helle wie barmherzige Kellnerin. Sie verstand auf einen Blick die Lage. Die Inszenierung klappte mit vorzüglicher Bewirtung jedenfalls irgendwie bis irgendwo Mitte des Hauptganges, fand dort noch ihren würdigen Abgesang; und in einer wohl nicht nur mir unheimlichen Rollstuhl-Raserei ging es dann zurück.

Nachdem Frau S. Mitte Februar – entgegen ihrer Wünsche auf ein selbstständiges Sterben bei sich zu Hause – doch ein stationäres Hospiz beziehen musste, rief sie an: ich solle nicht erschrecken, sie sei jetzt im Hospiz. Ich meinte nur erschrocken trocken: sie möge nicht erschreckt sein, wenn ich die nächsten Tage sie gleich zweimal heimsuche, hieße dies nicht, dass mit einem baldigen Sterben zu rechnen sei; ich werde nur ein wenig behilflich beim Eingewöhnen sein. Trotzdem war der erste Gang dann denkbar schwer: beim Betreten des Hospizes bis zum Hals rasendes Herzklopfen.

„Komisch“, dachte ich, „seit Jahren gehst du mit den Altenpflegeschülern ins Hospiz“.

Andächtiges Kerzenlicht

Aber der Blick von außen bleibt dann doch argloser: Man begeht ein Sterbehaus, wie man eine Kunstausstellung besucht oder die Sehenswürdigkeiten einer fremden Stadt abläuft. Man nimmt letztlich immer doch nur irgendwie seltsam anders wahr. Beispielsweise das Ritual mit den Kerzen, die vor den Zimmern der Gestorbenen aufgestellt werden: Mit dem sozusagen touristischen Blick geschützt, erbebt man angesichts dieser brennenden Lichter in einer wirren Mischung aus Rührung und Erschaudern. Wie anders und also wie viel wirklichkeitsnäher wird jener Blick auf die Kerzen für denjenigen sein, der wie Frau S. sich also in den letzten Tagen seines Hierseins im Hospiz wieder gefunden weiß und anfangs durchaus noch einiges vermag, sich bisweilen sogar aus dem Zimmer hinauszutrauen wagt.

In den Fluren wird auch dieser nun bald sterbende Mensch auf eben die Kerzen stoßen und jene flackern nur Grausames: „Eine solche Kerze wird morgen schon oder möglicherweise nächste Woche oder vielleicht dann doch erst übernächste nächste… vor eben der deinigen Türe stehen!“, denkt das Grauen, wo eben nur ein heimeliges oder andächtiges Kerzenlicht schien. „Ach, ja“ – oder richtiger: „Nein, nein, das kann nicht, will und darf nicht sein!“.
Aber im Übrigen bleibt eine Kerze nur eine Kerze, ein Stück Docht im Wachs, das vor sich hin herunter brennt.

Vincent van Gogh: Schwertlilien

Letzte Befindlichkeiten

Das Zimmer von Frau S. befand sich nahe der Eingangspforte des Hospizes. Sie wartete anfangs immer, wenn ich ging, eine Weile noch ins Halbaufrecht gemüht, um aus dem Bett dankbar wie fröhlich zu winken. Und dieses Winken winkte vor allem: „Bitte, komm wieder“.

Doch zugleich musste sie in ihrem Zimmer trotz bester Berliner Wannsee-Lage den Lärm einer vierspurigen bis tief in die Nacht hinein befahrenen Ausfallstraße ertragen. Die Arme!

Tatsächlich lebte sie im Hospiz viereinhalb Monate, bevor sie dann starb.

Das ist für die normale Verweildauer, welche gewöhnlich etwa bei drei Wochen liegt, eine sehr, sehr lange Zeit. Nach drei Wochen hatten sich ihre Kinder jedenfalls immer noch nicht sehen lassen und mit ihren Blicken der Haltlosen Halt zurückgegeben. Mitnichten: sie hatten sich vermutlich noch nicht einmal telefonisch gemeldet. Aber was heißt da schon Kinder: der Sohn, ein wenig älter als ich, um die 50, die Tochter einige Jahre jünger.

„Das ist Deutschland“, musste ich mich immer dann, wenn es mir selbst zuviel wurde, empörend entlasten.

Dieses Nichtkommen der Ihrigen blieb Sonntag für Sonntag Gesprächsthema und Grund beständiger Unruhe. Hilflos tröstete ich: „Ihre Kinder müssen sich ja auch erst einmal daran gewöhnen, dass diese grandiose wie unsterbliche Mutter jetzt im Hospiz liegt“. Mir taten durchaus auch die Ihrigen leid, die wohl seit zwanzig Jahren schon vom Auf und Ab des baldigen Ablebens der Mutter in Atem gehalten blieben, jenseits davon auch ihr eigenes Leben bewerkstelligen mussten und es sicherlich nie einfach hatten.

Die Besuche waren wohlweislich auf den Sonntagvormittag gelegt. Frei von Arbeitsbelastungen brachte ich genug Zeit und mit ihr ausreichend gute Ruhe mit. Darüber hinaus konnte ich so meine Besuche gewissermaßen als eine Art Gottesdienst begreifen, damit ich das, was ich aushalten musste, aushalten konnte. Während der Woche rief ich dann ein-, zweimal an, war dann aber irgendwann durchaus beruhigt, wenn aus dem Telefon öfters der Besetztton ertönte und die ersehnte Nähe wenigstens telefonisch in die Gänge kam.

Haltestelle Endstation

Ostern hatte das empfindsame Ei aufgehört, sich ihr Haar hennarot zu färben.
Ostern wurde es dann ganz schlimm.
Da war sie auch schon über zweieinhalb Monate im Sterbehaus.
Selbst da kam keiner der Ihrigen.

Um möglicherweise das zu ertragen, mag sie zu dem besagten Oberschenkelhalsbruch gekommen sein, wahrscheinlicher jedoch waren zu jenem Zeitpunkt selbst die zum Rollator-Gehen noch notwendigen Knochen schon zermürbt, die arme Gemarterte. Sie rief mich verzweifelt plötzlich aus ihrem Krankenhausintermezzo an. Ich dachte immer, es gäbe institutionell gesehen keine mögliche Steigerung zum Hospiz. Eine über die Jahre gut vertraute, jedoch plötzlich hoch aufgeregte Stimme bat mich darum, ihr dies und das aus dem Hospiz vorbeizubringen. Im Grunde wollte sie mit jenen aus meiner Warte vollkommen unwichtigen Dingen nichts anderes sicherstellen, als dass ich mich vorbeibringe.

Meine Warte fand sie dann unbeschreibbar elendig: aufgelöst vor lauter Schmerz, von Angst geschüttelt gar ins Wahnhafte geflüchtet vor. Da gab es gut eine Stunde lang nichts anderes zu tun, als ihre Hand zu halten oder den spindeldürren Unterarm zu streicheln: auf und ab und auf und ab und auf und ab… Sie liess es gewähren, was mich erstaunte. Ich schützte mich das erste Mal mit einem Psalmgebet, welches ich ihr zusprach, so wie mein Vater mir, als ich erst zehnjährig den ersten Einbruch des Todes in meinem Leben ertragen musste:

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zu frischem Wasser. Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn Du bist bei mir, dein Stecken und Stab, trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar“(Psalm 23).

Es wurde lichter in ihr und allmählich ruhiger. Irgendwann wusste ich, dass ich nun gehen durfte. Wieder wacher, bedankte sie sich mit Worten, die mich verzagt schmunzeln ließen:

„Das werde ich nie vergessen“. Um das Erlebte zu ertragen, wütete ich auf der langen Rückfahrt so vor mich hin: „Wo bist du Sohn, wo bist du Tochter? Schämt euch! Doch fürchtet euch nicht. Aber kommt endlich, kommt wenigstens. Kommt nur einmal, dies wichtige Notwendige, also durchaus in den guten Tod wendende Mal.“

Rückbesinnung

Mit Frau S. gab es in den Jahren zuvor trotz Krankheitsschattens auch anderes: ein durchaus lustiges Leben. Sie schien an mir oder ich an ihr „einen Narren gefressen zu haben“ (Brecht). So könnte jetzt viel über unsere Unternehmungen erzählt werden: von Literaturveranstaltungen, Ausstellungsbesuchen oder Restaurantfreuden mit riesigen, über den Teller hinaus ragenden Wiener Schnitzeln, von Motorrollerfahrten, wenn sie sich durch die große Stadt kutschieren ließ, wie ein hennarohes Ei, von ungezählten Theater- oder Kinovorführungen und streitlustigen Gesprächen danach. Zu diesen kulturellen Unterfangen könnte durchaus auch der Fußball gerechnet werden. Ich kannte keinen, der sich in Sachen Fußball so gut auskannte, wie Frau S.. Zeit ihres Lebens hatte sie kein Spiel der deutschen Nationalmannschaft verpasst. In gewissem Sinne ist Fußball ja ein durchaus Kultur stiftendes Unternehmen, welches den Irrglauben, aus seinen Füßen das eigene Böse auszutreiben, vom Marschieren der Kriege in den Sport überführt und dort einigermaßen befriedet hält.

Ich lud sie jedenfalls zu einem Kreuzberger Biertisch mit „lauter lustigen Leuten“ (Brecht) ein, an dem wir auf einer Leinwand die großen Turnierspiele verfolgen konnten.

Sie stand natürlich im Mittelpunkt.

Aber der Eigensinnigen misshagte dann wiederum, dass die allgemeine Konzentration weniger dem Fußballspiel galt als dem kunterbunt zusammengewürfelten Tische, wo beispielsweise auch F. saß, ein deutscher Rekordmeister in Sachen Speerwerfen oder ein gehörloser Jugendlicher in Begleitung seines Einzelfallhelfers… Übrigens gewann ich, was diesen lustigen Tisch angeht, auch einmal eine Wette. Sie war wieder einmal sterbensmüde, hatte nur noch den Tod vor Augen und so galt die Wette, dass sie bei der nächsten Fußball-WM wieder an jenem Tisch der Sehnsucht sitzen würde. Den Champagner gab es dann zwar nicht – schwäbischer Geiz, – aber auf ihre Weise löste sie die Wette durchaus ein, indem sie vollgepumpt mit Morphium noch ein einziges Mal – „persönlich Abschied nehmend“, wie sie mir später sagte – sich auf den weiten Weg machte. Das war dann ein Jahr vor ihrem Tod.

Als Dank erntete sie mehr als ein „Hallo“, sondern das gut umfangende und das heißt natürlich immer: austauschbereite Zugewandte.

Schließlich denke ich gerne an das Pilzesammeln in den Wäldern des Umlandes oder das Schwimmen in den so schönen Waldseen. Das eine wie andere fand mitunter seinen literarischen Kommentar: etwa bei ihrem eindrucksvollem Rückenschwimmen:

„Der Leib wird leicht im Wasser. Wenn der Arm
Leicht aus dem Wasser in den Himmel fällt
Wiegt ihn der kleine Wind vergessen,
Weil er ihn wohl für braunes Astwerk hält“ (Brecht).

Seit einer Operation, die sie nur als Verstümmelung wahrnehmen konnte, war diesem sehr speziellen Geäst das erdverhaftete Brustschwimmen nicht mehr möglich.

Der Abschied

Pfingsten tauchte, wie ich hörte, endlich der Sohn auf. Da lag Frau S. auch schon über vier Monate im Hospiz. Dann Sonntag, eine Woche später, ein letztes Denkmal dieses Sterbens:

Ich saß schon eine gute lange Weile vor der noch nicht Toten, nur unhörbar Schlafenden. Vor mir: ein Kopf über der Bettdecke, riesenhaft. Da war nichts mehr, was zu einer Wölbung der Bettdecke führte, nichts sichtbar Weibliches, auch kein Irgendwo eines Knochens, der noch zu einer Bettdeckenabbildung fähig war. Nichts anderes als dieses riesig zerfurchte, will sagen männliche Kopfgebirge, welches immer noch thronte und bis zuletzt, selbst schlafend noch, zu herrschen schien. Als ich mich genug gegraust hatte, ans Gehen dachte, schon meine Jacke angezogen unschlüssig ein weiteres Mal die Blumen in der Vase richtete, währenddessen Frau S. ein wenig wacher wurde, ging die Türe auf. Ein kleines, ein wenig burschikoses Frauenzimmer mit „lebhaften Eidechsenaugen“(Brecht) betrat resolut das Sterbezimmer:

„Ach, Sie sind sicherlich Dr. D.“
„Und sie sind wohl M.“, ich siezte sie, nannte jedoch den Vornamen der vermutlichen Tochter.
„Ich hab Sie mir ganz anders vorgestellt.“
„Wie denn?“
„Als graue Eminenz“. (Meine Motorradjacke und der ausladende Helm auf dem Tisch widersprachen sichtlich dem gemachten Bild.)
„Ich kann mir gar nicht denken, dass meine Mutter Freunde hat.“
Später dann:
„Alle im Haus machen mir ein schlechtes Gewissen.“
„Mache ich Ihnen Schuldgefühle?“, fragte ich
„Nein, Sie nicht“.

Ich versuchte hilflos irgendwo zu kitten, die wahrlich sterbenserschöpfte Frau S. zu einer klitzekleinen Geste in Richtung ihrer Tochter zu ermuntern. Doch weder Mutter noch Tochter waren auch nur zur winzigsten Andeutung einer Versöhnungs- oder genauer wohl eher: Vertöchterungsgeste fähig. „Das ist Deutschland“, musste ich wiederum denken und rettete mich mit Hölderlin: „Ich kann kein Volk mir denken, dass zerrissener wäre wie die Deutschen…“.

Denn ich armer Wicht hatte angesichts dieser Raum nehmender und wie üblich trostloser Familiengeschichten keinen Platz zum ruhigen Abschiednehmen, wie ich es gewollt und wohl auch gebraucht hätte. So streichelte ich nur flüchtig die Hand der Sterbenden, murmelte hilflos: „Bis nächsten Sonntag“ (das war ja unsere seit viereinhalb Monaten bewährte Hospizformel), woraufhin ich sogleich korrigiert wurde: „Nein, so lange nicht mehr“.

Die Tochter blieb in ihrem barsch-harschen Ton ganz die Mutter. Aber wie könnten sich Realismus und Realismus je anders treffen, als sich die Köpfe einzustoßen.

Doch folgte durchaus warmherzig: „Danke, was Sie für meine Mama(!) getan haben“.

Das Entschwinden

Als ich den Raum verließ, hörte ich es erbarmungslos Traktate aus irgend so ’nem esoterischen Buch über das Glück rattern.

Die nächsten Tage dann allergrößte Unruhe. In der Nacht zu Donnerstag ein Traum, der mich aufschrecken ließ: Frau S. hatte sich in ihrem Bett fürchterlich aufgerichtet, wenn ich die Traumbilder recht erinnere, stand sie sogar. Ein eingedöster Sohn kullerte von irgendeiner Liege und fiel auf den Boden. Donnerstagabend kam dann der Anruf, unter dessen Drohung nicht nur viereinhalb Monate eines Jahreslebens standen:

„Hospiz Wannsee, Schwester… Ich wollte Ihnen mitteilen, dass Frau S. heute gestorben ist.“ Ich fragte nur, ob denn der Sohn da gewesen wäre.
„Ja“
„Dann ist ja alles getan und gut.“
Sie fragte noch, ob ich kommen, Frau S., sehen wolle.
„Nein, heute Abend nicht, kann heut’ nicht, nicht mehr, Tag war so lang, es ist so weit, zu schwer, kann nicht mehr. Aber, danke, dass Sie mich unterrichtet haben und Dank an Sie und auch an Ihre Kollegen für die langmütige Müh.“
„Auf Wiederhören“

Weinend wimmerte es wieder und wieder: nimmer Wiedersehen, nimmer wieder hören.

Im Literaturkreis wurde natürlich zu ihrem Gedenken „Die unwürdige Greisin“ gelesen. Die Geschichte dieses eigensinnigen Freiseins endet mit den Worten: „Sie hatte die langen Jahre der Knechtschaft und die kurzen Jahre der Freiheit ausgekostet und das Brot des Lebens aufgezehrt bis auf den letzten Brosamen“(Brecht).

Es gab keine Trauerfeier, nur irgend so eine anonyme Verscharrung.

„Das ist Deutschland…“, stöhnte es wiederum, aber in Wirklichkeit hatte es Frau S. selbst so verfügt. Meine Rede: „Warum machen Sie sich ihr Sterben so schwer und Ihre Kinder brauchen doch einen Ort, an dem sie ihre dann tote Mutter gut aufgehoben wissen“, prallte am Eigensinn taub gestellter Ohren ab.

So kann auch ich nicht anders, als sie für mich gewissermaßen allein zu bestatten, indem ich all das Geschehene mit eben dieser Geschichte ausdrücke. Es wäre weit mehr aus der Zeit zu erzählen, Schweres wie Leichtes. Schlimmes wie Schönes: Geschichten aus 1001 wenig behüteter Nacht, wo zwei Eigensinnige sich fanden und für eine gute lange Weile einander gut taten, um dem zerstörenden Leben Warmes, Kluges, Gutes abzutrotzen. Aber auch dies alles soll in diesem Textgewebe verwoben buchstäblich ausgedrückt sein und darf nun in Ruhe verblassen.

Die Brechtzitate sind aus „Die unwürdigen Greisin“
außer:  „Der Rettung kleinster Nacken“ aus: „Der gute Mensch von Sezuan“ (Brecht)
Die Verse über das Rückenschwimmen aus dem Gedicht: „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“: (Brecht)
Das Hölderlin-Zitat ist aus „Hyperion“
Die Zitate von Michael Ende aus: „Ophelias Schattentheater“.

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.