Die halbmaterielle Tante

Was ist Leben? Und was der Tod? Gar ein Buch für Kinder zu einem Thema, das gesellschaftlich doch gern ausgeblendet wird? In der Erwachsenenwelt werden diese Sphären oftmals voneinander getrennt; in der Vorstellung von Kindern sieht das noch ganz anders aus.

So jedenfalls hat der plötzliche Tod der geliebten Tante Mel für die kleine Lena nichts Befremdliches. Für sie ist die Tante nicht tot, sondern nur unsichtbar. Dank ihrer natürlichen Intuition bleibt Lena weiterhin in Kontakt mit ihrer Tante.

Tante Mel ist einfach ein Phänomen. Früher arbeitete sie als Zirkusartistin, jetzt, nach einem Absturz aus schwindelnder Höhe, jedoch als Wahrsagerin. „… das Tollste an Tante Mel waren ihre Gedankenbotschaften. Abends, wenn es vom Kirchturm neun geschlagen hatte, hörte Lena Tante Mels Stimme – nicht in Wirklichkeit, sondern in Gedanken, aber mindestens genau so deutlich, als würden sie telefonieren.“

naoura_tante_VP105302_3eAuch nach ihrem Unfalltod ist Tante Mel noch äußerst lebendig, denn trotz ihrer Abwesenheit kann sie mit Lena gedanklich in Kontakt treten, so wie sie schon zu ihren Lebzeiten drahtlose Grußbotschaften an ihre Nichte schicken konnte. Nun schickt sie weiterhin welche, doch sozusagen aus dem Off, wie man es aus Kinofilmen kennt. Lena kann sie wahrnehmen, mit ihrer Tante kommunizieren, sie wird sozusagen zu ihrem guten Geist.

Tante Mel nimmt also weiterhin lebhaft teil am Leben der kleinen Lena, gibt ihr Ratschläge, als die Eltern sich trennen, bezieht sie ein in den bunten Kosmos ihrer  Zirkuswelt, verhindert die Einweisung der etwas vergeßlich gewordenen Oma ins Altersheim und verfolgt mit Lena den kriminellen Liebhaber ihrer Mutter.

In jeder Lebenslage kann sich Lena auf ihre „halbmaterielle“ Verbündete im Himmel verlassen. Sie kommuniziert mit ihr, als würde sie mit ihr telefonieren. Lenas Vertrauen in die im wahrsten Sinne des Wortes außerirdischen Kräfte ihrer Tante verleiht auch ihr die nötige Energie, um all die Irrungen und Wirrungen des  Alltags zu bestehen.
Der Tod erscheint hier nicht als bedrohliche Macht der Finsternis, sondern überweht die spannungsgeladenen Ereignisse mit einer poetischen Leichtigkeit. Ein Märchen also? Auch das! Aber eben noch viel mehr: Familienstory, Milieuschilderung, Räubergeschichte. Auf all diesen Ebenen werden Leben und Tod zart miteinander verwoben. Sie sind keine Antagonisten, sondern Teile eines Ganzen.

Salah Naoura hat hier eine liebenswerte Geschichte in der besten Tradition von Astrid Lindgren zu Papier gebracht, erzählt aus der Perspektive des Kindes. Mit den Gebrüdern Grimm könnte man sagen: Auch wenn sie schon gestorben ist, lebt Tante Mel doch weiter.

Salah Naoura: Tante Mel wird unsichtbar
Mit Illustrationen von Sabine Büchner
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2016

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