Die Sehnsucht, überall zu Hause zu sein

Michaels Leben war in seinen ersten Jahren eine Odyssee – ein Leben in vielen Ländern. Ich lernte ihn bei einem Aufenthalt in einer onkologischen Rehaklinik kennen. In unserer Gruppe von Frauen und Männern im Alter von 38-88 Jahren war er unser Senior. Seine spontanen Bemerkungen, sein trockener Humor war für uns alle erheiternd. Bei den Gesprächen erfuhr ich erst nur Bruchstücke aus seiner Biografie. Das machte mich neugierig. Ein Besuch bei ihm zu Hause hat mich veranlasst, seine Biografie  für unseren Blog aufzuschreiben.

Michael wurde 1931 in Shanghai als deutscher Staatsbürger geboren. Ein Jahr vorher hatten seine Eltern Deutschland zunächst aus beruflichen Gründen verlassen. Sein Vater bekam eine Stelle als Architekt bei der Stadtverwaltung von Shanghai. Seine Mutter war aktiv in der kommunistischen Partei, der Vater war anfangs nur Sympathisant. Beide wurden dann als Agenten ausgebildet. Wegen ihrer politischen Ansichten und Aktivitäten, aber auch als Juden, konnten sie an eine baldige Rückkehr nach Deutschland nicht denken. Als Michael zweieinhalb Jahre alt war, trennten sich seine Eltern, blieben aber formal zusammen. Ein Auftrag des Geheimdienstes führte seine Mutter in die Mandschurei, wohin sie Michael mitnahm. Mit einem weiteren Auftrag ging es dann 1936 nach Polen. Der Vater begleitete die Familie. Hier wird Janina geboren, die aus einer kurzen Verbindung der Mutter mit einem Führungsoffizier stammte, vom Vater aber als sein Kind anerkannt wurde.

Weiter ging es in die Schweiz. Dort ließen die Eltern sich scheiden. Der Vater kehrte zunächst wieder nach China zurück, kam aber auch in verschiedene Länder, letztendlich in die Sowjetunion. Dort wurde er der Spionage für die Amerikaner beschuldigt, als „sozial gefährliches Element“ verhaftet und in zwei Prozessen zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. 1955 kehrte er schließlich nach Deutschland, in die DDR zurück. Das war das erste Mal, dass Michael als 24jähriger ihm dann nach langer Zeit begegnete.

Zurück zu Michaels Zeit. In der Schweiz besuchte er mit acht Jahren zum ersten Mal eine Schule. Vorher hatte ihn seine Mutter auf Deutsch unterrichtet. Den größten Teil der ersten Jahre verbrachte er mit einer chinesischen Amme und spielte mit Kindern aus dem Viertel. Von denen übernahm er die derbsten Ausdrücke. So lebte er anfangs in zwei Sprachräumen: dem chinesischen Gassenjargon und dem des deutschen Bildungsbürgertums. Auch in Polen wiederholte sich das Phänomen: er lernte bei seiner Mutter Deutsch und parallel dazu lief der „robuste Unterricht im polnischen Straßenjargon“. Die Sprache wurde so schon früh sein Lebensthema. Die deutschsprachige Familie war die einzige Kontinuität in seinem Leben. In der Schule pendelten seine Interessen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften.

Für seine Mutter wurde es in dieser Zeit wegen ihrer politischen Tätigkeit in der Schweiz zu heiß. Die Partei arrangierte eine Scheinehe mit einem Engländer. Die Reise nach England im Jahr 1940 war allerdings ein gefährliches Abenteuer: eine gespenstische Reise mit dem Bus durch Frankreich, das schon von den Deutschen besetzt war, ging es über Madrid und mit dem „letzten“ Zug nach Lissabon. Dieser Zug war so voll, dass die Mutter Michael und seine Halbschwester durchs Fenster reichte – und dann fuhr der Zug ab. Die Kinder waren getrennt von der „einzigen Person, die sie auf der Welt noch hatten“. Aber nach etwa drei Stunden stand sie wieder vor ihnen. „Unsere Mutter schafft das immer“, sagt Michael über sie. Erst Anfang des Jahres 1941 erreichten sie endlich England. Michael war zehn Jahre alt und schreibt über diese Zeit:
„Nach wenigen Jahren war ich in der englischen Sprache und Kultur voll integriert. In der Schule nahm ich Shakespeares Hamlet mit Begeisterung an, ohne zu ahnen, dass es einmal eine Art Schicksalsdrama werden würde. Anders als die Emigranten der ersten Generation, anglisierte ich mich bereitwillig und mühelos. Kein Engländer hätte meine Herkunft erraten. Aber in meiner Biographie blieb die fremde Kindheit, das Anderssein.“

Wie sein Leben so war auch seine berufliche Laufbahn eine Odyssee. Er studierte in Schottland Philosophie, stellte aber fest, dass er dort keine Antworten auf seine existenziellen Fragen fand. Auch die Entwicklung Englands nach dem Krieg enttäuschte ihn. Die versprochene gerechtere Gesellschaftsordnung wurde nicht umgesetzt. „Im Gegenteil“, erläutert er, „bald hatten die alten Eliten wieder das Heft in der Hand und trotz einiger sozialer Gesetzgebung klaffte die Schere zwischen Arm und Reich weit auseinander. Auch hatte Churchill 1946 den Kalten Krieg eingeläutet, sodass es nun statt Kooperation einen Wettkampf der Systeme gab. In der Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus wollte ich auf Seiten des Neuen, des Experimentellen, des Utopischen sein. Also machte ich mich im Herbst 1951 als unbekümmerter 20-jähriger mit zwei Koffern auf in die DDR. Ich war ja von Geburt Deutscher und der Sprache mächtig.“

So ging Michael zum ersten Mal auf eigene Initiative in ein anderes Land. Er studierte in Leipzig Physik. Aber seine eigentliche Liebe galt immer dem Theater. Schließlich wurde er Leiter der Studentenbühne und besuchte in Berlin Aufführungen von Brecht. Nach Beendigung des Studiums ließ er Physik Physik sein, ging nach Ostberlin und arbeitete als Publizist und Übersetzer. 1964 begegnete er seinem Hamlet wieder, den er für das Theater Greifswald neu übersetzte. Aus ideologischen Gründen wurde diese Aufführung heftig kritisiert und nach wenigen Vorstellungen vom Spielplan genommen. Aber seine Übersetzung wurde zusammen mit anderen von ihm übersetzten Shakespeare Dramen später veröffentlicht.

Von 1966-1996 arbeitete er zuerst als Regieassistent, dann als Dramaturg am Deutschen Theater. Mit vielen verschiedenen Arbeiten wie Lehrtätigkeit an Theaterhochschulen und als Vize-Präsident der Shakespeare Gesellschaft blieb er dem Theater treu bis zum Ende seines Berufslebens. Das Drama seines ersten Lebensabschnitts und Hamlet haben ihn zu seiner großen Liebe – dem Theater – geführt. Auch die Sprachen wurden in jeder Weise zu seinem Schicksal. Sie waren das Tor für ihn in die Theaterwelt.

Michael lebt nun seit siebzig Jahren in Deutschland – vor der Wende in der DDR. Nach seinem langen Leben als Emigrant, ist er hier heimisch geworden, seine Sehnsucht nach zu Hause gestillt. Er ist heute mit seinem Leben zufrieden, denn es geht ihm insgesamt gut. Er hat keine finanziellen Sorgen. Plagen tut ihn – außer seinem Krebs – seine nachlassende Sehkraft, so dass es anstrengend ist, mit der Lupe zu lesen. Vor allem aber ist er nicht einsam. Er hat viele Kontakte mit Familie und Freunden. Manchmal ist es ihm eher zu viel mit den Anrufen und Gesprächen. Seine Kinder leben auch in Berlin. Er bezeichnet das Verhältnis zu ihnen als emotional sehr nah, und sie unterstützen sich gegenseitig. Auch sein Nachbar hilft ihm oft.

Anfangs hat er sich in seinem Leben als Rentner sehr unter Druck gesetzt zu arbeiten. Inzwischen ist er lässiger geworden. Er schreibt über sein Leben. Das macht ihm Spaß, und er hat dabei seinen Stil gefunden. Er hat ja auch wirklich viel zu erzählen. Viele Menschen ermutigen ihn, damit weiter zu machen. Er hat keinen Ehrgeiz mehr, arbeitet nur, wenn er kann. Er sagt:“ Ich kann immer weniger. Aber ich kann mich nicht beklagen, denn ich mache viel und nur, was ich will. Ich habe noch Spaß am Leben.“ Sein Ziel ist es auch, dass es Spaß machen soll, seine Lebenserinnerungen zu lesen. Autogenes Training hat ihm sehr geholfen, entspannter zu werden. Er versucht, langsamer zu werden. Manchmal hört er sich einen ganzen Vormittag lang verschiedene Aufnahmen seines Lieblingskomponisten Beethoven an und entscheidet dann, welche ihn am meisten berührt. Und sonst füllt er seine Zeit mit Lesen aus, kann aber gar nicht so viel lesen, wie er möchte. Er geht oft in das Seniorenrestaurant in seiner Nähe. Dort versorgt zu werden, entlastet ihn.

Michael Hamburger und Autorin

Politisch war Michaels Wunsch ein demokratischer Sozialismus. In der Partei war er nie. Er hat die kritische Bürgerbewegung Neues Forum mitgegründet und sich gewünscht, dass die DDR erstmal einen eigenen Weg findet. Heute sieht er in der Welt zwei wesentliche Probleme: Einmal den Konflikt zwischen dem Wohlstand der westlichen Welt und den ehemaligen Kolonien, die versuchen, daran teilzuhaben. Er sieht die jetzige Fluchtbewegung erst am Anfang und denkt, dass es als Gegenwehr zu einer immer stärkeren vom Rechtspopulismus gestützten Fremdenfeindlichkeit kommen wird – also keine Lösung in Sicht. Das zweite Problem sei der Klimawandel, der ihm große Sorgen bereitet, während die Versuche, ihn aufzuhalten zu gering sind.

Er sieht sich nicht mehr in der Lage, sich zu engagieren. Er hofft, dass die heutige Jugend mit ihren Methoden und Kräften die Probleme lösen werden, ohne dass es zu Katastrophen kommt. Er selbst schöpft seine Kraft aus dem Humor, den er aus seiner Zeit in England mitgebracht hat. Er sagt: „Ohne den Humor könnte ich mir mein Leben nicht vorstellen.“

 

 

 

 

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