Die Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache

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Der Mensch in seinem physischen Zustand erleidet bloß die Macht der Natur; er entledigt sich dieser Macht in dem ästhetischen Zustand, und er beherrscht sie in dem moralischen. Friedrich Schiller

»Man ist so alt wie man sich fühlt«. Dieses Bonmot hatte bislang einen emanzipatorischen Schwung: Nur weil man ein bestimmtes kalendarisches Alter erreicht und z. B. die Grenze zum sechzigsten Lebensjahr überschritten hat, heißt das noch nicht, dass man sich von da an wie ein älterer Mensch kleiden, bewegen und benehmen muss. Auch eine ältere Frau kann, wenn ihr danach ist, ihren Rucksack packen und zu einer Treckingtour nach Thailand aufbrechen statt ihren Radius auf Haushalt, Kinder und Enkel zu beschränken. Nun scheint es allerdings so zu sein, dass diese Emanzipationsbewegung zum Teil ins Gegenteil umzuschlagen droht. Nicht das Jungbleiben ist im Alter zunehmend verpönt, sondern das Altwerden.

Gibt es eine natürliche Begrenzung der Lebensspanne?

Immer schon haben Menschen mit ihrer Endlichkeit gehadert, mit dem Schicksal über einen Aufschub verhandelt, und die biblische Hoffnung auf ein lebenssattes Sterben wie das von Abraham oder Hiob gehegt.

In der Neuzeit stagniert die Lebenserwartung zwar nach wissenschaftlichen Erkenntnissen bei ca. 120 Lebensjahren, ist jedoch von den ersten Datenerhebungen an konstant angestiegen, Daraus schließt der Cambridger Informatiker Aubrey de Grey, dass eine Lebensverlängerung bis zu einem Alter von mehreren hundert Jahren weitergehen könnte Die Bedingungen hierfür seien allerdings tiefgreifende Eingriffe auf molekularer und genetischer Ebene, z. B. durch Implantation eines nanotechnischen Schaltkreises im Gehirn. Wenn sich das Individuum auflöst in ein »Muster aus Materie und Energie«, kann es datenmäßig leicht überboten werden. Für die Erhaltung der Hardware des Körpers könnte dann die Gesundheitsindustrie sorgen.

Wer den Altersprozess auf Basis gesicherter naturwissenschaftlicher Kenntnisse betrachtet, geht allerdings weiterhin davon aus, dass an diesem Vorgang so viele unterschiedliche Faktoren beteiligt sind, dass diese sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht alle aussschalten lassen.

Was ist gelungen, was kann noch erreicht werden?

Bisher war der Zugewinn an Lebenszeit vor allem eine Folge von Leidensvermeidung als Nebeneffekt erfolgreicher Therapien, vorrangig aber auch von sozialem Frieden. Hygiene, Ernährung, Medizin und Pharmazie sind als Hauptkomponenten dieses Resultats am augenfälligsten. Zwei wesentliche Gründe allerdings sind gar nicht medizinischer, sondern politisch-sozialer Natur, nämlich Frieden und Wohlfahrt. An jeder Bevölkerungsstatistik lässt sich ablesen, welche verheerende Folgen ein Krieg für die allgemeine Lebenserwartung hat. Auch der Einbruch der Lebenserwartung in Russland z. B., unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion, zeigt, dass der Wegfall eines Wohlfahrtsmodells sich sofort in den Lebensdaten der Bevölkerung niederschlägt.

Dass das Altern selbst als Krankheit betrachtet und bekämpft wird, ist ein sehr neues Phänomen. Der Fluss der Zeit soll, so lange es irgend geht, mit dem Ziel der individuellen Lustmaximierung, gestoppt werden. In der Folge lösen sich auch bisherige Lebensabschnittsmodelle auf.

Individuelle, soziale und globale Aspekte

Wer lange und immer länger lebt, zumal auf dem Standard eines Industriestaates, verbraucht viele Ressourcen. In einer Überlegung zu einer fiktiven und effizienten Anti-Aging-Medizin kommt der australische Philosoph Peter Singer deshalb zu dem Ergebnis, dass es unethisch sei, aus Egozentrismus künftigen Generationen das Glück zu leben zu verweigern. Das eigene Glück, so lange wie möglich existieren zu können und eine Art Unsterblichkeit im Diesseits zu verwirklichen, wäre egozentrisch und narzisstisch. In einer nur noch von Selbstbehauptungswillen geprägten Gesellschaft wäre das Leben womöglich ohnehin kaum noch lebenswert. Und auch individuell kann der Zwang zum ewigen Jüngerscheinen, Schönsein und Funktionieren eine Überforderung bedeuten. Bei einer Ausdehnung der Lebensspanne um mehrere Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte, würde zunächst die Fähigkeit zur Rückschau überfordert. Es ist zu befürchten, dass der Versuch, das eigene Leben als eine Einheit zwischen dem, was man geworden ist, und dem, was man noch werden möchte, zu begreifen, auf eine harte Probe gestellt würde. Das Individuum könnte sich dabei in einem langen Prozess immer neuer Selbsterfindung auflösen.

Angesichts der begrenzten Ressourcen müssten die neuen Langlebigen auf Nachkommen verzichten, denn, so der Informatiker de Grey: »Entweder sind den Menschen viele Kinder wichtig, dann müssen sie das Sterben in Kauf nehmen. Oder aber Kinder werden nicht mehr als die große Erfüllung angesehen, weil es einfach mehr Spaß macht, 1000 Jahre zu leben.« Hier wird die dialektische Einheit von Endlichkeit und Erneuerung, die bisher als ein Grundprinzip des Lebens galt, aufgebrochen. Der Tod ist nicht mehr, wie bei Goethe – der mit seinem Faust auch eine Figur geschaffen hatte, die sich ewige Jugend wünscht – ein »Kunstgriff, viel Leben zu haben«.

Mut zum menschlichen Altern

In der bildenden Kunst, in der Literatur und Theorie gibt es vielfältige Darstellungen von Lebenstreppen, Lebensbrücken und Lebensaltermodellen. So unterschiedlich sie sind, zeichnen sich alle durch den Versuch aus, den verschiedenen Lebensphasen vom Wachstum über die Reifung bis hin zum Tod eigene Qualitäten oder sogar Aufgaben zuzuordnen, wozu auch das Sich-zurückziehen, das Bilanzieren, das Bereuen und die Selbstrelativierung im Alter gehörten. Mit dem Gewinn an Lebenszeit bei immer besserer Gesundheit und durch die größeren Freiräume für Selbstentfaltung ist die derzeitige Gesellschaft dabei, sich von diesen Ordnungsmustern zu lösen. Die Emanzipation von der Natur droht in eine neue Abhängigkeit von der Technik umzuschlagen und der Abschied von alten Lebensabschnittsaufgaben, wie der Reifung, der Weitergabe und des Loslassens, in einen neuen Leistungsdruck zu münden. Wer immer wieder in einen nicht utopischen, sondern aus Skalpellen, Nervengift und Biotechnologie (Ersatzteilmedizin) bestehenden Jungbrunnen steigt, hat zwar das Glück, immer länger Neues erleben zu können und allen, die eine Machtposition innehalten, bleibt der schmerzliche Rückzug erspart, doch andererseits gibt es auch keine Entlastung mehr.

Zum Schluss gehört deshalb auch die Frage der Verhältnismäßigkeit in diesen Zusammenhang. Setzt man die Selbsterhaltung absolut, scheint jedes Mittel gerechtfertigt zu sein, um diese so lange wie irgend möglich durchzusetzen. Wird sie allerdings relativiert durch soziale Kriterien und Werte wie Gemeinwohl, Gerechtigkeit oder Solidarität, sind keine stichhaltigen Gründe dafür zu finden, weshalb sich innerhalb einer Gruppe Privilegierter eine Untergruppe noch stärker Privilegierter ein extrem ausgedehntes Überleben sichern sollte, während laut des ehemaligen Uno-Sonderberichterstatters Jean Ziegler pro Jahr mindestens 36 Millionen Menschen, vor allem Kinder, an Hunger und den damit verbundenen Krankheiten sterben. So viel »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« (Bloch) kann eine Weltgesellschaft, die den Anspruch erhebt, Menschenrechte zu schützen, nicht verkraften. Selbstoptimierung als Antwort auf das globale Chaos ist im Sinne der alten Griechen eine idiotische Strategie, denn Idioten sind all diejenigen, die sich um das Gemeinwohl nicht kümmern.

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