Reise ans Ende der Welt

Bericht über einen multi-generationellen und multikulturellen Urlaub in Bayern mit Erkenntnissen, viel action und viel Spaß

 Es war wirklich ein besonderer Urlaub, ein Experiment: ich alleine mit drei Menschen aus der Generation nach mir: meine Tochter – eine Deutsch-Amerikanerin, zwei Amerikaner – und an den Wochenenden ein Deutscher bzw. eine Amerikanerin, die in der Schweiz lebt. Alle zwischen Mitte dreißig und Mitte vierzig – und ich Mitte Siebzig. Ich kannte diese Freunde meiner Tochter immerhin ganz gut. Einigermaßen zuversichtlich ging ich in dieses Unternehmen, da ein Freund von mir mich vorher als „generationskompatibel“ bezeichnet hatte. Wir verbrachten einen Urlaub von zwei Wochen in einem alten Ferienhaus unserer Familie – mit vielen Erinnerungen für mich aus Kindheit- und Jugendzeit.

walchenseeh

Auf der Fahrt vom Flughafen Frankfurt zu unserem Ferienort in Bayern war die Atmosphäre gleich amerikanisch locker. Ständiges Lachen provozierte es, wenn jemand etwas sagte und dann hinzufügte: „I am just kidding“. (Ich mache nur Spaß.) Alle lachten. Ich schlug das als Urlaubsmotto vor. Und so kam es dann, dass ständig einer sagte: „I am just kidding“ oder „You are just kidding“. Und alle lachten los. Ich kam mir vor wie früher bei Klassen- oder Jugendgruppenfahrten, wo es ein bestimmtes Signal brauchte, das nur wir verstanden, und alle brachen in Gelächter aus. Also ein guter Start.

Im Laufe der Zeit gab es aber dann auch häufig Situationen, in denen ich mich draußen fühlte. Vielleicht einfach, weil ich ständiges Reden als alleinlebende Rentnerin in meinem Alltag nicht mehr gewohnt bin oder weil mir dauerhaftes Englisch verstehen und sprechen manchmal zu anstrengend wurde. Jedenfalls klinkte ich mich dann oftmals innerlich aus. Bei Gesprächen über die viele Kommunikation bei der Arbeit, die zur Erschöpfung führt oder den Verzicht auf Karriere zugunsten der Familie war ich allerdings eine interessierte Zuhörerin.

In der Küche musste ich mich nicht betätigen und fühlte mich angenehm versorgt, aber auch etwas nutzlos. So war ich froh, meine Kompetenz als Wetterfrosch einbringen zu können, so dass die Drei einen besseren Tag für ihre Zugspitzbesteigung wählten.

Natürlich waren die Bedürfnisse, was und wie viel wir unternehmen, sehr unterschiedlich. Die Drei planten ihre Unternehmungen und fragten mich dann, ob ich mitkommen wollte. Bei einer Fahrt in ein wunderschönes Tal nach Tirol konnte ich nicht nein sagen. Also fuhr ich mit. Sie stiegen auf einem viel begangenen Weg auf einen Berg und wir trennten uns, weil ich langsamer gehe. Schnell merkte ich, dass der Weg mit dem Geröll unangenehm war. Ich machte eine kleine Probe für das Runtergehen und sah ein: das geht überhaupt nicht. Ich versuchte einen anderen Weg. Dasselbe Problem. Da kamen mir die Tränen: von hier aus war ich früher oft mit meinem Vater gewandert: ein herrliches Tal vor allem um diese Jahreszeit voller Gold leuchtender Ahornbäume. Das war lange her. Das kann ich nun nicht mehr. Ich fühlte mich alt.

Im Tal sah ich einen Weg ohne Wegweiser und fragte ein Ehepaar, wo der Weg hinführt: „Ans Ende der Welt“, war die Antwort. Na, das war dann wohl richtig für mich. Und das war es in der Tat: ein Weg ohne Steigung an einem Bach entlang mit dem Blick auf bunt gefärbte Bäume. Auch schön.

Das Bedürfnis nach Action war bei der „jungen Truppe“ ungebrochen. Aber das störte mich nicht, denn so hatte ich das Haus mit Blick auf den See auch mal für mich alleine: einen Tag während sie sich auf dem Oktoberfest amüsierten und zwei Tage, an denen sie auf die Zugspitze kletterten. Das Wetter war schön und für die Jahreszeit warm: ich saß also auf der Veranda und genoss den Blick auf den blauen See und die blauen Berge.

Zugspitze

Im Laufe der Zeit habe ich herausgefunden, wann ich mich ausklinken und wann ich mich an Gesprächen beteiligen wollte. Dadurch fühlte ich mich wieder souveräner, nicht mehr so passiv. Aber ich habe in dieser Zeit besonders deutlich gefühlt, dass ich eine andere Generation bin, nicht mehr so dazu gehöre. Das war unangenehm. Aber wahr. Und viel Spaß hatte ich trotzdem. Wie zum Beispiel beim Ausstaffieren der Drei für das Oktoberfest mit Dirndl, Lederhosen und Dirndlbluse in der bayerischen Kleinstadt Mittenwald und bei einer Bootsfahrt, bei der ich über das gespielt hysterische Kreischen von dem Berliner Freund wegen der hohen Wellen so viel lachen musste, dass ich hinterher Bauchmuskelkater hatte.

Es war ein farbiger Urlaub mit herrlichem Blau, sich gelb und rot färbenden Bäumen, mit Tränen und viel Lachen. Das volle Leben eben.

Dorothee Ruddat

 

 

violaw

 

 

 

Reise ans Ende der Welt – aus Violas Sicht

Seit vielen Jahren hatte ich mir diesen Urlaub gewünscht. Zurück zu dem Ort, an dem wir in meiner Kindheit die schönsten Urlaube verbracht haben, oft mit Freunden, um in die Alpen zu wandern und das schöne friedliche Häuschen zu genießen. Ausserdem hatte ich mir auch schon lange vorgestellt, wie es wäre, einen Deutschlandurlaub zu haben und richtig Zeit mit meiner Mutter zu verbringen. In Berlin ist es oft ein leicht hektisches Besuchen vieler Leute, und die meiste Zeit, die meine Mutter und ich miteinander verbringen, ist eher auf ihren USA Urlauben.

Auch hatte ich mir gewünscht, in Walchensee mit amerikanischen und deutschen Freunden zusammen Urlaub zu machen.

Es is auch (fast) alles so geworden, wie ich gehofft habe – und besser.

Es gab Wochenendbesucher, regnerische Tage in Mittenwald, viel Wein und Essen, Dirndl-shopping und mehr. Meine besten Freunde, mit deren Familien ich viel Zeit in den USA verbringe, haben meine Mutter besser kennengelernt. Mein liebster Freund aus Berlin hat es geschafft für anderthalb Tage nach Bayern zu kommen. Und eine Freundin aus den USA, die jetzt in der Schweiz lebt, hat den Treck auch mitgemacht.

Jeder hat sich kreuz und quer unabhängig miteinander unterhalten. Und, unsere vorher gemachte „checklist“ wurde auch durchexerziert: Herzogstand, Zugspitze, rudern, Oktoberfest, und immer immer wieder Restaurants und Alme finden, wo es möglich ist zu „sit and eat something and drink something“ (zu sitzen, und etwas zu Essen, und etwas zu Trinken). Das Motto wurde uns schon am ersten Tag in Walchensee von der Touristeninformation empfohlen, und wir haben es während des ganzen Urlaubs beibehalten. Auch heute, fünf Monate später, sagen wir das mindestens einmal pro Wochenende.

Ich freue mich sehr dass es für meine Mutter möglich war zu kommen, sich auf ihre Art zu amüsieren und vor allem ihren Weg zu finden. Wie oft, haben wir wieder viel voneinander und übereinander gelernt. Ich war sehr beeindruckt wie viel Energie sie hatte, sich uns fast immer anzuschließen, trotz ein paar Rückschritten, das Gehen in den Alpen zu geniessen, und sich (wie schon mein ganzes Leben lang) für meine Freunde zu interessieren. Diese wiederum haben mich auch alle wissen lassen, dass sie meine Mutter sehr genossen haben. Meine Freundin Brandy schmeißt sich noch heute darüber weg, wie meine Mutter immer wieder etwas gefunden hat, was Lustiges zu sagen, das man mit: „I am just kidding“  kommentieren konnte. John, der leiseste in der Gruppe, hat sich gut mit meiner Mutter unterhalten, und alle haben kommentiert wie pflegeleicht sie ist – auch das war schon immer so. Sie hat die Multi-Generations Parties, Wochenenden, und Urlaube schon immer nicht nur ermöglicht, sondern zu etwas besonderem gemacht.

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.