Ein Garten, ein Garten …

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Der eigene Kräutergarten für zu Hause. So stand es auf dem Schild im Supermarkt.
Der eigene Kräutergarten für zu Hause war ein mittelgroßer, mittelhässlicher Porzellantopf mit fünf verschiedenen Ausgängen, aus denen dann fünf verschiedene Kräuter wachsen sollten. Alles fix und fertig, komplett mit Samen und Blumenerde für 9,99. Nur noch auf die Fensterbank stellen, täglich gießen und schon hat man seinen eigenen Kräutergarten für zu Hause.

Oh, das ist aber praktisch, habe ich gedacht.
Oh, da würde sich die Familie aber freuen, habe ich gedacht.
Oh, guck mal, ich hab ja noch 10 Euro, habe ich gedacht und kurze Zeit später dachte ich:
Oh, jetzt hast du das Ding tatsächlich gekauft.

Ein Garten, ein Garten, das war jetzt aber mal wirklich eines der Dinge, die ich aber nun echt eigentlich nie haben wollte. Bin ich jetzt auch in diesem Alter? Diesem Alter, wo man auf einmal, ehe man sichs versieht, lauter Dinge hat, die man doch eigentlich nie haben wollte. Ist das meine Midlifekrise? Na, warum nicht. Andere kaufen sich einen Sportwagen oder sprechen junge Frauen an, ich schaffe mir einen Garten an. Die Menschen sind verschieden. Hätte schlimmer kommen können.

Gut, vielleicht bin ich ’n bisschen früh dran mit mei-ner Midlifekrise, aber egal, bin ich eben Frühentwickler und, wie heißt es so schön: »Was man hat, das hat man.« Dafür bin ich dann aber auch zeitig mit dieser Midlife-krise durch, und hab später umso länger was von mei-nem Altersstarrsinn. Darauf freue ich mich schon. Al-tersstarrsinn, ich glaube, das liegt mir, das ist mal was, was ich richtig gut kann.

Oh, das ist aber ein häßlicher Topf!, sagt die Familie, als sie meinen Garten sieht.
Gott, was haste da denn wieder für’n Scheiß gekauft?, sprudelt die Undankbarkeit nur so aus ihnen heraus.
Na, die werden schon sehen, wenn wir erst mal unsere eigenen Kräuter haben, aus unserem eigenen Garten, dann werden die schon sehen, wie schön das ist, so’n eigener Garten, werden die schon sehen …
Räume alle Pflanzen und sonstiges Gerümpel von der Fensterbank, um Platz für meinen Garten zu schaffen. Gieße ihn von nun an sehr gewissenhaft zweimal täglich, so wie es die heilige Gebrauchsanweisung des Kräutergartens befiehlt. Bald werden die sehen. Doch nichts passiert.

Na, wird wohl nichts, dein Scheiß-Garten, was?, bescheidmeiert die Familie sich munter beömmelnd ab der zweiten Woche. Ignoranten. Fürs Gärtnern braucht man Geduld, weiß doch jeder. Lasse mich nicht von diesem heidnischen Geschwätz irritieren und begieße weiter tapfer zweimal täglich meine Midlifekrise.

Das ist wegen den Samen!, sagt die Gartenfachkraft vom Blumenladen einen Monat später. »Das sind Industriesamen, Billigware aus Polen. Das taugt nichts. Für sowas brauchen Sie Profisamen. Sind aber nicht billig.«

Greife meine Rücklagen an und erstehe Profisamen. Säe neu aus. Nichts passiert.
Das ist wegen der Erde!, sagt der Gartenfachmann aus dem Baumarkt. »Das ist Billigerde aus Bulgarien. Die taugt nichts. Für sowas brauchen Sie Profiblumenerde. Ist aber nicht billig.«

Picke ca. sieben Stunden lang die Profisamen wieder aus der Billigerde raus. Ersetze dann den bulgarischen Scheiß durch Profiblumenerde und säe nochmal aus. Packe dann die Billigerde in ein Päckchen und schicke sie zurück nach Bulgarien. Können die mal sehen, was die da für eine Misterde exportieren. Nichts passiert.

Das ist wegen dem Licht!, sagt der Gartenguru aus dem Pflanzengroßhandel. »Berliner Licht, also Berliner Wetter ist zu unbeständig. Berliner Wetter ist sozusagen Billigwetter aus Osteuropa. Das taugt nichts. Für sowas brauchen Sie Profiwetter, sprich: Profilicht. Ist aber nicht billig.«

Löse unsere Altersvorsorge auf, gehe in den Elektromarkt und kaufe Profiwetter, sprich mehrere Heiz- und Profilichtstrahler. Besorge dann noch im Baumarkt massenweise Jalousien, um sämtliche Fenster in der Wohnung zuzuhängen, damit nichts mehr von diesem verdammten Berliner Billigwetter mehr an meinen Garten kommen kann. Nichts passiert.

Das ist wegen dem Wasser!, sagt der Gartenpapst aus dem Internet. »Berliner Leitungswasser ist zu sauber, da fehlen die Nährstoffe. Für Pflanzen ist das quasi Billigwasser aus Spandau. Für sowas brauchen Sie richtiges dreckiges, nährstoffhaltiges Profiwasser.«
Nehme einen Kredit auf, löse einige Dielen im Berliner Zimmer und installiere dort meine eigene, private Sickergrube für dreckiges, abgestandenes, brackiges, stinkendes Profiblumenwasser. Nichts passiert.

Das ist wegen dir du Arschloch!, klugscheißert die entnervte Familie, während sie in der stinkenden, abgedunkelten Wohnung sitzt. »Du bist quasi Billiggärtnerware aus Niedersachsen. Für sowas braucht man einen Profigärtner aus Andalusien oder so …«

Rufe in Spanien an. Kriege gesagt, die brauchen ihre Gärtner selber. Gebe auf. Nehme meinen Midlife-Krisentopf und stelle ihn neben die Mülltonnen im Hof. Vielleicht sollte ich meine Midlifekrise doch anders begehen. Doch ein Sportwagen? Oder was, was eher meinem Wesen und meinen finanziellen Möglichkeiten entspricht? Sportpuschen zum Beispiel.

Epilog: Knapp zwei Wochen später sind wir bei der Nachbarin zum Frühstück eingeladen. Es gibt sehr leckere Rühreier mit ganz frischen Kräutern. Stolz zeigt sie auf den blühenden Topf auf dem Fensterbrett: »Und ihr könnt Euch nicht vorstellen, wo ich den gefunden habe.« Doch das kann ich.

 

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