Faltig, aber nicht geknickt

Leonida_Tibangonza

Altern in Entwicklungsländern

So könnte das Leben vieler alter Menschen in den Entwicklungsländern überschrieben, beschrieben werden – als ehrenvoller Titel. Denn in vielen dieser Länder schultern sie das gesellschaftliche Leben. Und doch werden sie an vielen Orten diskriminiert und führen als „unsichtbare Generation“ ein Schattendasein in der Entwicklungspolitik. Auch in den Milleniumsentwicklungszielen wird nirgendwo die beklemmende Lage der alten Menschen erwähnt.

Doch Alterspolitik, die Situation alter Menschen ist eine Zukunftsfrage, denn der demografische Wandel findet weltweit statt, in den Entwicklungsländern viermal so schnell wie in Westeuropa. Dort leben heute zwei Drittel der Weltbevölkerung über sechzig Jahren – mit steigender Tendenz.

Die Situation alter Menschen ist in den Entwicklungsländern mit noch mehr Problemen belastet als in den Industrieländern: 80 Prozent von ihnen haben weltweit keine Alterssicherung, sie leben in Ländern mit unzureichenden Gesundheits- und Sozialsystemen. Sie gehören zu den Ärmsten der Armen. Weltweit haben 100 Millionen von ihnen weniger als einen Euro pro Tag zum Überleben.

Die bisherigen Lebensplanungen sahen dort so aus, dass Alte von ihren Kindern unterstützt wurden. Doch nun brechen aufgrund von Armut, Aids und Migration die Familiensysteme auseinander. Das bedeutet, sie verlieren ihre Lebensgrundlage – und müssen oft das wenige an Land oder Tieren, das sie besitzen, verkaufen, um die Behandlung und Beerdigung ihrer Kinder bezahlen zu können. Die alten Menschen, die ihrerseits selbst Unterstützung brauchten, müssen nun für ihre Enkelkinder die Versorgerrolle übernehmen. Sie leiden oft an chronischen Krankheiten und trotz allem „schuften sie bis zum Umfallen, bis ans Ende ihrer Tage.“

Vor allem in Afrika erziehen viele Großeltern ihre Enkelkinder, weil die mittlere Generation an Aids gestorben ist. Von 12 Millionen Waisen leben über die Hälfte bei ihren Großeltern. Für diese hohen Anforderungen und Belastungen reichen die Kräfte häufig nicht aus. Zusätzlich erfordert diese Aufgabe ein komplettes Umdenken: Die älteren Menschen müssen ihre neue Rolle erst einmal begreifen, denn viele Werte und Verhaltensweisen haben sich verändert. Oft sind sie Analphabeten und müssen, z. B. in Südafrika, um staatliche Unterstützung zu erhalten, Dokumente vorlegen und Anträge einreichen. Sie sind also gezwungen, viel Neues hinzu zu lernen.

Auch in den Ländern Lateinamerikas, z. B. in Peru, sorgen sie oft für ihre Enkelkinder. Deren Eltern sind in die Stadt gegangen, um dort Jobs zu finden. So leben sie allein mit den Enkeln in den Dörfern. Aufgrund der schlechten Lage am Arbeitsmarkt jedoch kommen die abgewanderten Eltern nun teilweise zurück aufs Land, aber sie verstehen nichts mehr vom Kartoffelanbau, von Heilpflanzen. Deshalb wird auch das Erfahrungswissen der alten Menschen dringend gebraucht.

In Indien dagegen entstehen in den Städten für die wachsende Mittelschicht zwar Altersheime, aber oft genug werden alte Menschen, auch unter Anwendung von Gewalt, einfach aus ihren Wohnungen hinausgeworfen. Auf diese Weise werden sie aus ihren sozialen Zusammenhängen gerissen und dadurch marginalisiert.

Inzwischen haben einige Mitarbeiter der Entwicklungshilfe den weißen Fleck – bezogen auf die ältere Generation – bemerkt, und neue Organisationen und Projekte sind entstanden. Dabei geht es meistens um Projekte, in denen Alte und Kinder zusammenleben und gemeinsam gefördert werden. In diesen Gruppen werden die Großeltern von außen unterstützt und dadurch ihre Selbsthilfepotentiale gestärkt.

HelpAge ist ein solches entwicklungspolitisches weltweites Hilfswerk, das sich für die Förderung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse und Rechte alter Menschen in den Entwicklungsländern einsetzt. Help-Age Deutschland wird durch private Spenden und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert.

Kwa Wazee
Ein Beispiel für die Arbeit von HelpAge in Tansania
Kwa Wazee (Kisuaheli: „für alte Menschen“) in Tansania.

Ziel des Projektes ist es, besonders arme und gefährdete Menschen über 60 Jahre mit regelmäßigen Renten zu unterstützen und mit Kinderzulagen, wenn sie für Enkelkinder sorgen. Ende 2009 wurden 800 ältere Menschen und über 500 Enkel unterstützt. Eine Großmutter sorgt mit ihren 96 Jahren für 5 Enkelkinder im Alter von 5 bis 12 Jahren. Sie ist stolz, dass sie alle zur Schule gehen. Auch sie wird von den Kindern unterstützt und sagt: „Ich wäre vermutlich selber nicht mehr am Leben, wenn die Jungen mich nicht pflegen würden, wenn ich krank bin.“

Nach vier Jahren wurde das Projekt Kwa Wazee daraufhin überprüft, welche Wirkung die Rentenzahlungen hatten. Die Situation für die meisten Haushalte bleibt zwar kritisch, aber die Lebensqualität der alten Menschen und ihrer Enkelkinder hat mit diesen 4 Euro und 2 Euro monatlich pro Kind zu einer bedeutenden Verbesserung geführt: mehr zu essen, reichhaltigere Ernährung, Verbesserung bei Gesundheit und psychischem Wohlbefinden und Schutz vor Notsituationen. Das letztere hat eine besonders wichtige Funktion, denn damit hat die Angst vor der Zukunft erkennbar abgenommen.

Zum psychosozialen Wohlbefinden gehört auch die Gemeinschaft. So treffen sich die Großeltern und Enkelkinder getrennt alle vierzehn Tage. Die Großmütter reden über ihre Enkel, ihre Ideen, wie sich das Leben besser einrichten ließe und vieles mehr. Vor allem Aufklärung ist ein wichtiges Thema, die Frage: „Kann man ihnen erklären, was Geschlechtsverkehr zu haben bedeutet?“ Die Großmütter sind sich einig, dass dies wegen AIDS notwendig ist. Eine sagt: „Wir können dann auch mit ihnen reden, wenn wir zusammen kochen oder im Feld jäten“. Auch einen gemeinsamen Fonds haben sie geschaffen, aus dem jemand in einer besonderen Notsituation unterstützt wird.

Für mehr Informationen: www.helpage.de

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.