Gelb und ohne Knöpfe

Bonbon

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Es war Januar geworden und somit die Zeit für Erkältungskrankheiten aller Art. Meine Oma litt unter den typischen Symptomen: verschnupfte Nase, Gliederschmerzen, Husten und am meisten plagten sie die Halsschmerzen. Irgendwie schienen die grünen Lutschtabletten die bei mir immer so gut halfen, bei ihr nicht zu wirken. Ich fuhr in die Apotheke und kaufte eine andere Sorte, sie waren knallrot – wie Omas Hals im Inneren – und sollten eine ein wenig betäubende Wirkung haben.

Nachdem sie die neue Sorte ausprobiert hatte ging es ihr ein wenig besser, da ihr Zustand mir aber insgesamt Sorge bereitete, rief ich am nächsten Morgen bei ihrem Hausarzt an und bat ihn, im Laufe des Tages mal nach ihr zu sehen. Die Arzthelferin sagte mir das der Arzt gegen 14 Uhr bei uns wäre, plusminus einer halben Stunde.

Um noch mal nach dem Rechten zu sehen, ging ich kurz vor dem Eintreffen des Arztes in das Zimmer meiner Oma. Das Zimmer war so, wie Oma immer gewesen war: sauber und aufgeräumt. Früher war sie ein sehr korrekter Mensch gewesen und ihre Wäscheschränke erinnerten, die Ordnung und Sauberkeit betreffend, eher an die Verkaufsregale der großen Aussteuerhäuser, wie es sie damals noch häufiger gab. Zentimetergenau waren Handtücher und Laken übereinander gestapelt, jedes gestärkte Wäschestück wurde auf seine Weise speziell gefaltet, und fand so seinen Platz in einem ihrer riesigen Schränke. Das hatte sich mit zunehmendem Alter etwas geändert. Ich denke und empfinde das aber als ein normales Verhalten. Man setzt wohl andere Prioritäten wenn man zum Pflegefall wird.
Mein Rundumblick bestätigte sich. Alles Klarschiff: Keine Krümel auf dem Boden, Tisch sauber und abgewischt, Oma in neuem Nachthemd und ordentlich gekämmt. Es klingelte an der Haustür. Schnell nahm ich ihren Bademantel vom Fußende ihres Bettes und als ich ihr den Mantel zum Anziehen gab, fiel mein Blick auf eine Reihe bunter Knöpfe die sich zu einer schiefen Knopfleiste aufreihten. Beim Herunterlaufen der Treppe, ich hatte es eilig und wollte den Arzt nicht warten lassen, schoss es mir durch den Kopf. Omas Bademantel war anders: Frottee, ja, und gelb, und ohne Knöpfe!
Auf dem Weg nach oben berichtete ich dem Arzt von Omas Gesundheitszustand. Sie saß in ihrem gelben Bademantel auf dem Bettrand und strahlte ihrem »Herrn Dokter« entgegen. Mir dagegen strahlte eine schiefe, rote Halstabletten-Knopfleiste mit leicht betäubender Wirkung entgegen.

Bodentuedichaufichwillversinken!!! »Omi, sag mal was hast Du denn da gemacht?!« fragte ich sie, mit einem peinlich berührten Kichern in meiner Stimme, und schickte mich an, die hart gewordenen Lutschtabletten zu entfernen.

„Lass das, Kind! Die hab ich dort doch geparkt. Die will ich doch noch alle lutschen!“ „Na…“ grinste der Arzt:“die parken sie man lieber schön in ihrem Mund, da helfen die am besten!“

Oma schaute ihn selig und bewundernd an.

Endlich jemand der sie verstand.

Christin Norden lebt, arbeitet und schreibt zurzeit in einem Kloster in Süddeutschland.

Aus: Oma Nackig – Geschichten aus der Pflege alter Menschen. Als E-Book bei Amazon, 2012

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