Work hard – have fun

Am zweiten Weihnachtsfeiertag verstarb nach kurzer Krankheit Dorothee Ruddat im Alter von 80 Jahren. Sie war von 1980 bis 2005 Mitarbeiterin im Pestalozzi-Fröbel-Haus und bis zuletzt u. a. im Vorstand der Kiezoase Schöneberg e.V. tätig.

Ist sie wirklich gegangen? Auch nach Wochen noch schwer vorstellbar – Dorothee hat sich schon oft verabschiedet und ist doch stets wiedergekommen. Und wo sie war, hat sie Spuren hinterlassen – nachhaltige Eindrücke, Werke, auf denen andere aufbauten, Haltungen und Menschenfreundlichkeit, die noch lange in Erinnerung bleiben.

„Kleine tüchtige Frauen, die ordentlich was schmeißen können“ – so beschreibt sie sich selbst in ihrem Ruanda-Reisetagebuch. Ihr Pioniergeist und Umsetzungswille waren schier unerschöpflich.

Parallelen zu den Frauen der frühen Settlementbewegung in den USA drängen sich auf: Menschen mit ihren Bedürfnissen und Nöten in den Mittelpunkt ihres Handelns zu stellen, ihnen mit Respekt zu begegnen und trotz aller Mängel und Defizite immer auch die Kräfte und Potentiale zu sehen, die in diesen Menschen stecken. Die Biografin von Lilian Wald, der Gründerin des New Yorker Henry Street Settlement, hätte auch Dorothee nicht treffender beschreiben können „Little she was, but every inch a fighter“.

Pestalozzis Leitsatz „Der Mensch muss nicht bleiben, was er ist“ hat Dorothee mit Leben erfüllt und mit ihren eigenen Akzenten umgesetzt. Vor allem die Menschen, die es aus verschiedenen Gründen schwer haben, im Leben voranzukommen, waren Dorothee ans Herz gewachsen – sozial benachteiligte Familien, belastete Mütter, vereinsamte Kiezbewohner, Menschen verschiedener Kulturen und immer wieder Kinder – von den Babys in den PEKIP-Gruppen bis zu den Schulkindern im Familienzentrum. Das Café in der Kiezoase war ihr erstes großes Projekt, das ihre Handschrift trägt, „ein Ort, an dem die Kinder laut und die Mütter gelassen sein durften“.

Das war aber erst der Anfang – Mit der Etage für Mütter und Väter mit Kleinstkindern und dem Familienzentrum im Kurfürstenkiez bahnte sie neue Wege für bessere Bildungszugänge im Schöneberger Norden und meisterte dabei den Spagat, gleich zwei Einrichtungen zu leiten. Dorothee war oft ihrer Zeit voraus – sie hatte ein feines Gespür, was Menschen brauchen und reichlich Phantasie und Erfahrung wie Abhilfe zu schaffen sei. Der Leitsatz ihrer sorgfältig geführten Arbeitstagebücher: Wo stehen wir, wohin wollen wir, was muss gemacht werden? Mit Freude, Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen an der Entwicklung neuer Vorhaben gelang es ihr, andere zu begeistern und zum Mitmachen anzuregen. Ich hatte das Vergnügen an manchen dieser Aufbruchsmomente teilgenommen zu haben und mich anstecken zu lassen: Kein sozialpädagogisches Wunschdenken, sondern durchdachte Konzepte für deren Umsetzung sie mit all ihrer Energie und Erfahrung bürgte. Die „Chefin“ mit der unbestrittenen Autorität, die nichts unter den Teppich kehrte, sich selbst und ihr Team forderte, hatte zugleich ein offenes Ohr und ein weites Herz für die Anliegen und Sorgen ihrer Mitmenschen – ob Mitarbeiter oder Besucher. Willkommen zu sein, sich angenommen und verstanden zu fühlen – für diese Kultur sorgte Dorothee, wo immer sie wirkte. Amtsstuben und seelenlose Flure waren ihr ein Dorn im Auge – von der Inneneinrichtung bis zum freundlichen Empfang sorgte sie für eine wohltuende Atmosphäre, die jede Besucherin des Nachbarschaftszentrums spürte.

„Work hard – have fun“ – Der zweite Teil kam bei Dorothee nicht zu kurz. Zu feiern gab es viele Anlässe – Ausstellungseröffnungen, Jubiläen, Verabschiedungen, legendäre Feste mit Köstlichkeiten aus den Küchen aller Heimatländer einschließlich der Donaustraße, Tänze, Theater und Musik – dem kulturellen Reichtum der Kiezbewohner eine Bühne zu geben und selbst mitzuschwingen machte Dorothee glücklich. Wer hier jemals zu Gast war, ging beschenkt nach Hause.

Ihr letztes großes Fest war Dorothees Verabschiedung mit 65 in den sogenannten Ruhestand.

Wie zu erwarten war es ihr Anfang in eine Fülle neuer selbstgewählter Aufgaben wie den Aufbau des Freiwilligentreffs in der Kiezoase oder mit der Herausgabe der Passagen Menschen in der zweiten Lebenshälfte selbst zu Wort kommen zu lassen.
Der Versuchung, noch einmal mit vollem Einsatz eine neue Herausforderung anzunehmen, konnte Dorothee Jahre später nicht widerstehen und ist mir noch in bester Erinnerung : Ein Jugendamt hatte entschieden , dem Pestalozzi-Fröbel-Haus kurzfristig die Trägerschaft für das Familienzentrum am Mehringdamm zu übertragen. Freude und Stress: Wie in dieser kurzen Zeit eine erfahrene Leitung und ein Team aus dem Boden stampfen? In meiner Not wagte ich es am Freitagabend „Rentnerin“ Dorothee anzurufen – Nach einstündiger Bedenkzeit sagte sie zu, am Montag übernahm sie die Schlüssel und schaffte in drei Monaten einen erfolgreichen Neustart, der bis heute seine Früchte trägt. Da war nichts zu spüren von Erschlaffung und Sehnsucht nach dem Liegestuhl.

Aber auch in dieser Hinsicht konnte Dorothee überraschen – Ich staunte nicht schlecht, als sie mir vor zwei Jahren mit Überzeugung mitteilte, dass Faulheit eine Tugend sei, die total unterbewertet wäre und die es zu pflegen gelte.

Dorothee hatte noch so manche Pläne, die umzusetzen ihr nicht mehr vergönnt war. Eine beeindruckende Sozialpädagogin und Menschenfreundin hat uns ein Vermächtnis hinterlassen.

Das hätte sie nie gesagt. Eher: „Haltet Euch nicht zu lange mit der Erinnerung auf, sondern macht weiter“.

Danke Dorothee!

Comments
  1. viola ruddat

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