Ich habe noch einen Schlüssel in New York

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»New York ist eine Illusion, die mit Wall Street-Geld derart planvoll aufgerichtet wurde, dass du nicht einmal mehr nachts im Central Park anständig ausgeraubt wirst.« David Simon

Hals über Kopf

»Ihr wollt nach New York?« ruft Christas Tochter entsetzt aus, »in eurem Alter und mit euren Gehbehinderungen? Das ist viel zu anstrengend! Außerdem ist die Stadt zu gefährlich, ihr seid die potenziellen Opfer!« Ich finde es etwas anmaßend von dieser Göre, die ja nun auch nicht mehr so jung ist, uns auf unsere Schwächen zu reduzieren. Was glaubt sie denn, wer wir sind? Landeier, die ihr Leben lang nicht aus ihrem Dorf herausgekommen sind und sich in der Welt nicht mehr zurechtfinden? Nun gut, Christa ist 76, und ich werde demnächst 81; aber wir sind zwei gestandene Frauen, die noch einiges leisten und nicht hinter dem Mond leben. Mit 53 Jahren bin ich ein Vierteljahr lang mit dem Rucksack durch Marokko gezogen, und ich war 60, als ich mich zu einer weiteren Rucksackreise nach Australien aufmachte – alles ohne Vorbuchungen und genaue Planung. Auch meine Freundin Christa ist eine reiseerfahrene Frau. Doch ihre Tochter macht sich Sorgen um ihre Mutter, und Christa lässt sich von diesen Sorgen anstecken.

Eigentlich kann ich mir diese Reise auch gar nicht leisten. Wir können das New Yorker Hotel mit Frühstück zwar von Christas Sohn übernehmen, der sie wegen einer Erkrankung seiner Frau nicht antreten kann und uns New York auch durchaus zutraut. Wir müssen nur die Flüge bezahlen, aber auch das übersteigt mein derzeitiges Budget. Die Bank, bei der ich wegen eines kleinen Kredits vorstellig werde, der schnell abgezahlt wäre, winkt ab: über 75 Jahre gibt es keine Kredite mehr. Man könnte ja wegsterben, bevor das Geld zurückgezahlt ist, denke ich bitter und stelle waghalsige Berechnungen an, ob sich das Vorhaben nicht doch irgendwie bewerkstelligen ließe. New York hat sich in mir eingenistet, ich will einfach nicht aufgeben! Immer neue Hürden türmen sich auf: Mein Pass ist abgelaufen, und die Sachbearbeiterinnen auf dem Bürgeramt machen mir wenig Hoffnung, dass die Bundesdruckerei innerhalb von fünf Tagen einen neuen ausstellen kann, auch keinen Expresspass für 90 Euro Gebühr. Auch das Reisebüro will nicht warten und die Flüge lieber heute als morgen stornieren.

Dieses Hin und Her ist ganz schön aufregend, ich bin ziemlich durch den Wind, aber inzwischen sind wir wild entschlossen, am Sonntag zu fliegen. Die Sachbearbeiterin im Bürgeramt tut, was sie kann, und wir schaffen es! Im Flugzeug finde ich einen Zettel im Pass: »Hat das Daumendrücken doch geholfen, gute Reise!« Vielen herzlichen Dank, Frau B.

 

New York für Anfänger

Unsere erste Begegnung mit New York findet im Regen statt. Durch die getönten Scheiben des Reisebusses, der uns vom John F.-Kennedy-Flughafen abholt und den Weg zum Hotel mit einer Stadtrundfahrt verbindet (im Preis inbegriffen), sieht alles grau und trübe aus; außerdem ist es kalt im Bus. Meine Laune beginnt zu sinken, dem hatten wir eigentlich entfliehen wollen! Noch wissen wir nicht, dass in New York alle öffentlichen Gebäude, Verkehrsmittel, Restaurants usw. klimatisiert und somit kalt sind. Bei einem Halt am Central Park, bei dem wir zum erstenmal New Yorker Boden betreten, umspielt uns ein mildes Lüftchen. Überhaupt habe ich nur das im Kopf, was man von New York so zu wissen glaubt: Wolkenkratzer, Straßenschluchten, Leuchtreklamen. Zum genaueren Vorbereiten war ich in der Hektik der letzten Tage nicht gekommen, auch nicht, was meine Garderobe anbetraf. Es kam in den Koffer, was gerade zur Hand war. Vorsichtshalber habe ich mir den Begriff »artificial hip joint« eingeprägt, damit ich erklären kann, warum beim Abtasten auf dem New Yorker Flughafen meine künstlichen Hüftgelenke das Gerät zum Piepen bringen.

 

Ruhe bewahren!

Was fängt man in New York an, wenn man nur ein paar Tage zur Verfügung hat und eine Temperatur von über 30 Grad herrscht? Ruhe bewahren! Am Nachmittag unseres ersten Tages hatten wir lange Straßen voller Verkehr und mit vielen Menschen gesehen, waren ein paar Schritte im Regen durch den Central Park gelaufen und hatten das marmorne Foyer des Trump Towers bewundert. Wir sind in New York, wir sind tatsächlich hier! Aber richtig glauben konnte ich es noch nicht. Wir waren mittags von Berlin abgeflogen und abends um halb neun in New York – Ortszeit halb drei Uhr nachmittags (p. m.)! Für uns war der Tag nach der Rundfahrt zuende.

Unsere erste richtige Begegnung mit New York findet am nächsten Morgen statt. Wir sitzen auf der Bettkante und sortieren unsere Pillen, die wir mittlerweile wegen unserer Alterszipperlein einnehmen (und meist alle selbst bezahlen) müssen, ein Ritual, über das wir auf all unseren gemeinsamen Reisen lachen. Vom durchaus ansehnlichen Frühstücksbuffet packen wir uns einen Imbiss ein. Wir müssen das nicht klammheimlich unter der Tischkante machen, passende Schälchen dafür stehen bereit.

 

Learning by doing

Dann stehen wir auf der Straße, zwei alte Schachteln aus Berlin, und schauen ins bunte Treiben Manhattans. Fünf Tage liegen vor uns, den Mythos des Big Apple kennen zu lernen. Viele New Yorker, hatte uns die Reiseleiterin erzählt, die uns gestern vom Flughafen abgeholt und durch die Stadt geleitet hatte, hätten einen Brückentag genommen, weil morgen ein Feiertag sei, der Independence Day. Wir sollten auf keinen Fall das große Feuerwerk auf dem Hudson River versäumen. Das ist also heute, und wir lassen uns das nicht entgehen; aber bis zum Abend ist es noch lange hin. Erst einmal lernen wir Manhattan kennen, »erlaufen« es sozusagen – learning by doing.

 

In »Teufels Küche«

Manhattan ist eine Insel, lang und schmal. Seine Straßen sind nach dem berühmten Schachbrettmuster angelegt und durchnumeriert, schneiden im rechten Winkel die Avenues, die sich in Nord-Süd-Richtung von Uptown nach Downtown ziehen. Wir finden uns schnell zurecht: die Hudson-River-Seite ist die Westside, die Eastside grenzt an den East River, Scheidelinie ist die Fifth Avenue. Unser Hotel liegt in Midtown West, 40. Straße, Hell’s Kitchen heißt das Viertel, früher eine berüchtigte Gegend. Wir sind in Teufels Küche gelandet! Heute tummeln sich Touristen dort, wie überall in Manhattan, wo sich all das befindet, was man von New York gehört hat: der Central Park, die berühmten Museen, das Empire State Building, Ground Zero natürlich, der Times Square, Harlem und Greenwich Village, Chinatown, Little Italy usw. Vielleicht weiß das ja jedermann, mir jedenfalls ist es neu.

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Wohin laufen sie denn?
Schön sind sie, die Straßen Manhattans, breit, hell und belebt, nicht die finsteren Schluchten, die man erwartet. Die Höhe der Häuser bemerken wir nur von weitem, oder wenn wir uns den Hals verrenken. Vom Empire State Building aus mit seinem atemberaubenden Rundblick über fast die gesamte Stadt kommt mir Manhattan vor wie ein auf dem Rücken liegender Schrank, aus dem die Häuser wie Schubladen in den unterschiedlichsten Längen herausgezogen sind. Von dort oben aus sehen wir begrünte Dachgärten, Spielfelder, sogar Parkplätze auf Dächern. Und ganz weit unten Menschenmassen und Verkehrsströme.

Wir sind bald dem Charme Manhattans erlegen, ein lauter, quirliger Charme, lassen uns vom Menschenstrom an kleinen Läden in alten Häusern mit bunten Fassaden vorbeitreiben und an Hochhäusern mit großen gemalten Reklametafeln, wie man sie bei uns nicht mehr sieht. Überall hängen Plakate, auf denen auf die bevorstehende Abstimmung zur Einführung der Homo-Ehe hingewiesen wird. Im Fashion District finden wir neben großen Modehäusern viele kleine Geschäfte mit Stoffballen und Schneiderzubehör, und mitten auf der Straße steht die bronzene Figur eines Schneiders an seiner Nähmaschine.

Wir machen Rast in einer der vielen kleinen Grünanlagen oder nehmen Platz an einem der Tischchen, die überall an den Straßenrändern oder auf den Mittelstreifen der breiteren Straßen postiert sind und dazu einladen, mitgebrachte Speisen zu verzehren, ein Eis oder Frozen Joghurt aus einem der kleinen Kioske an den Straßenecken, oder einen Kaffee im Starbucks Pappbecher – eine unkomplizierte Art, seine Mittagspause zu verbringen. Diese schöne und praktische Einrichtung wünschten wir uns in Berlin, wo zu jedem Tisch auf der Straße ein Restaurant gehört, das ein Geschäft machen will. Wir sitzen mitten auf dem Broadway, vom Verkehr durch blühende Grünpflanzen abgeschirmt, beobachten die Vorbeiziehenden und ruhen unsere müden Glieder aus. Hier ist übrigens auch einer der wenigen Orte, wo man rauchen kann, wenn man keine eigene Wohnung in der Stadt hat, auch in den Parks ist es verboten. Vor dem Hotel versammeln wir Raucher uns nach dem Frühstück am Aschbecher auf der Straße. So wenig habe ich lange nicht mehr geraucht …

 

Up und down

Die Wasserflasche in der Hand wie alle Touristen, tummeln wir uns hauptsächlich zwischen der 33. Straße in Downtown, wo das Empire State Building und Ground Zero liegen, wo wieder ein Turm emporwächst, und der 89. Straße Uptown am Central Park East, wo wir das Guggenheim Museum bewundern, das leider am Tag unseres Besuchs geschlossen ist; da haben wir nicht aufgepasst.Der futuristische Rundbau ist kleiner als erwartet, steht inmitten einer Häuserfront und ist zu unserer Überraschung niedriger als die ihn umgebenden Wohnbauten, die hier auch nicht mehr als zehn bis zwölf Stockwerke haben. Fast wie ein Spielzeug liegt er da, ich frage mich, aus welcher Perspektive wohl die Aufnahmen gemacht worden sind, die ihm eine so überragende Größe zu verleihen scheinen. Die liegt eher in Frank Lloyd Wrights kühner Formensprache, die mich an Bauhaus denken lässt.

 

Das Herz Manhattans

Was wären wir ohne den Central Park! Er ist uns Ruhepunkt, Refugium, Erholungsort bei Hitze und Müdigkeit. Wir sitzen auf den Bänken, die Erinnerungsschilder an ihre Stifter tragen, unter den großen, alten Bäumen, beobachten fremdartige Tiere – starähnliche Vögel mit wunderbar zimtfarbenem Gefieder, graue Eichhörnchen – sehen den Joggern zu und den zahlreichen Hundeausführern, die zwei oder drei Hunde an der Leine haben. Wir schlendern durch Wäldchen, über weite, offene Wiesen, lauschen Straßenmusikern, sehen den Kindern beim Spielen zu und den Erwachsenen beim Spazieren, Menschen aller Schichten und Altersklassen, wie es einst von den Gründern des Parks gedacht war. Wir besuchen das große Wasserreservoir, auf dem die New Yorker im Winter Schlittschuh laufen und von dem aus wir die Skylines der West- und der Eastside gleichzeitig sehen können, das Shakespeare-Theater und natürlich in den Strawberry Fields die Gedenkstätte für John Lennon mit dem runden Mosaik: »Imagine«, um das sich viele Menschen versammelt haben, nachdenklich, Arm in Arm, miteinander plaudernd. Für die gesamten vier Kilometer, die sich der Park zwischen der 59. und der 110. Straße erstreckt, fehlen uns Zeit und Kraft.

 

New York ist in Finanznot

–  das hört man oft, und man sieht es auch: Das Straßenpflaster ist teilweise in einem sehr schlechten Zustand, überall müssen wir Baustellen umrunden, auf denen etwas herumgeflickt wird, wie wir es ja auch von Berlin kennen. Die Eisbüdchen und Obstkarren in den Straßen erinnern mich in ihrer Einfachheit an meine Berliner Kindheit in den Dreißigern, als auch nicht alles so großartig war, wie wir es heute gewöhnt sind. Und die Subway ist in einem geradezu desaströsen Zustand, uralte Bahnhöfe, schmutzig, und die Züge machen einen Höllenlärm. Vielleicht ist das nicht auf allen Linien so; auch bei uns haben die verschiedenen U-Bahnhöfe ja ganz unterschiedliche Gesichter.

Einmal erwischen wir, weil wir die Ansage nicht richtig verstanden haben, einen Expresszug, der nicht, wie die Local trains, an jeder Station hält und landen versehentlich in Harlem, wo Christa sich beharrlich weigert, den »schützenden« Bahnhof zu verlassen und einen Blick in dieses interessante Viertel zu werfen  .  wohl die Warnungen ihrer Tochter noch im Ohr. So können wir Harlem nur auf der Stadtrundfahrt im offenen Doppeldeckerbus betrachten, die wir uns zum Abschluss gönnen, die uns auch nach Brooklyn führt, über die Brooklyn Bridge, die wir einige Tage zuvor zu Fuß erkundet und auf einer Schiffsfahrt rund um Manhattan unterquert hatten. Das Nachtleben New Yorks muss allerdings auf uns verzichten; wir sind froh, wenn wir abends im Hotel nicht vor dem Fernseher einschlafen.

 

Ich hab noch einen Schlüssel in New York

Wir haben viel gesehen und erlebt in dieser interessanten Stadt, mehr noch haben wir versäumt, weil die Zeit zu knapp war. Wie kann man eine Stadt richtig kennenlernen, wenn man nicht mit ihren Bewohnern ins Gespräch kommt? Wir sahen hauptsächlich die Oberfläche, aber diese haben wir genau beobachtet. Wir vermissen den näheren Kontakt zu den Menschen, die hier leben, Menschen unterschiedlicher Kulturkreise, die uns vor allem durch ihre Gelassenheit und ihre freundliche Hilfsbereitschaft auffallen. Die Wirtschaftslage gerade in New York ist sehr schwierig, es gibt viele Arbeitslose, aber immer stoßen wir auf Höflichkeit und Entgegenkommen. Wir würden gern wiederkommen und länger bleiben, noch einmal in die unglaubliche Atmosphäre dieser Stadt eintauchen. Ich habe mein Schlüsselbund im Hotel vergessen, das muss ich noch holen!

 

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